Die 1930er Jahre in der Sowjetunion waren eine widersprüchliche Zeit. Wenige Berufsgruppen mußten das so sehr am eigenen Leib erfahren wie die Ingenieure. Sie waren Helden der Technik und Sündenböcke zugleich. Waren die “alten”, noch im Zarenreich ausgebildeten Fachkräfte zunächst für die industriellen Großprojekte gebraucht worden, machte man ihnen zu Beginn des Jahrzehnts den Prozeß. Sie wurden als Saboteure und “Schädlinge” verhaftet, entlassen, manchmal auch erschossen. An ihre Stelle traten die ersten “sowjetischen” Ingenieure, die meist aus den unteren Schichten stammten. Aber die mit ihnen etablierte “proletarische” Industriekultur wich schon bald dem Leitbild des “kultivierten” Ingenieurs, der Anzüge trug und in die Oper ging. Soweit der bisherige Stand der Forschung, der von der Dissertation Susanne Schattenbergs mit dem Titel “Stalins Ingenieure” im Wesentlichen bestätigt, erweitert, veranschaulicht und verfeinert wird. Aber Schattenberg geht noch einen Schritt weiter und betrachtet die Lebenswelten der Ingenieure von innen. Sie hat sowjetische Ingenieure interviewt, ihre Memoiren und Publikationsorgane gelesen. Anhand von 14 repräsentativen Lebensläufen geht sie der Frage nach, wie die Ingenieure selbst jene Zeit wahrnahmen, wie sie lebten, wie sie dachten und handelten. Sie arbeitet die unterschiedlichen Loyalitäten “alter” und “neuer” Ingenieure heraus und zeigt, daß ihnen allen eine echte Begeisterung für die vermeintlichen technischen Großtaten der sowjetischen Industrialisierung gemein war. Offenbar gelang es dem Regime, auch nicht-kommunistische Eliten zeitweise an sich zu binden, indem es ihnen materielle Zugeständnisse und ideelle Angebote machte. Allerdings machte die öffentliche Wertschätzung immer wieder Kampagnen Platz, in denen die technischen Eliten als Sündenböcke für die Probleme der brachialen sowjetischen Industrialisierung herhalten mußten und bei denen die Führung Arbeiter und Ingenieure geschickt gegeneinander ausspielte. Im “großen Terror” von 1936-38 fand die Repression ihren Höhepunkt. Schattenberg widersteht der Versuchung, ein einheitliches Bild zu konstruieren. Vielmehr wird in ihrer Studie deutlich, wie heterogen Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der technischen Eliten waren. Gelegentlich wird ihre Darstellung dabei ein wenig schematisch. Zudem hätte man sich manchmal etwas mehr Distanz zu den Quellen gewünscht. Dennoch liegt mit “Stalins Ingenieure” eine ausgewogene, umfassende und insgesamt hervorragende kulturgeschichtliche Studie vor, die das Verständnis vom Leben unter Stalin erheblich bereichert.
Rezension: Grützmacher, Johannes





