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Stammt der älteste Menschenvorfahr vom Balkan?
Geschichte & Archäologie

Stammt der älteste Menschenvorfahr vom Balkan?

Der aufrechte Gang gilt als Kernmerkmal der ersten Vormenschen, er unterschied sie von urzeitlichen Menschenaffen. Doch welche Hominiden diese Fähigkeit als erste entwickelten, ist bislang strittig. Jetzt könnte ein in Bulgarien entdeckter fossiler Oberschenkelknochen gängige Annahmen auf den Kopf stellen. Denn das 7,2 Millionen Jahre alte Fossil belegt, dass der europäische Hominide Graecopithecus freybergi bereits zweibeinig laufen konnte. War er der erste echte Vormensch?
Autor
Nadja Podbregar
05. März 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

Wann und wo entwickelte sich der erste Hominine, der erste nicht mehr zu den Menschenaffen gehörende Vormensch? Bisher sind weder Ort noch genauer Zeitpunkt dieses evolutionären Meilensteins der Menschheitsgeschichte geklärt. Lange galt der vor rund 4,4 Millionen Jahren in Ostafrika lebende Ardipithecus ramidus als erster zeitweilig aufrecht laufender Primat und damit als erster echter Vormensch. Inzwischen legen Fossilanalysen jedoch nahe, dass auch der zentralafrikanische Sahelanthropus tchadensis vor rund sechs Millionen Jahren bereits den zweibeinigen Gang beherrschte. Beide Vormenschen stützten die Annahme, dass sich die ersten Vormenschen in Afrika entwickelten.

Beinknochen mit Merkmalen des aufrechten Gangs

Im Jahr 2017 entdeckten Paläoanthropologen in Griechenland und Bulgarien jedoch Fossilien eines weiteren, rund 7,2 Millionen Jahre alten Hominiden. Der Unterkiefer und mehrere Backenzähne dieses Graecopithecus freybergi getauften Wesens zeigten Merkmale, die von denen urzeitlicher Menschenaffen abwichen und eher menschenähnlich waren. Weil aber keine weiteren Skeletteile gefunden wurden, ließ sich nicht feststellen, ob dieser Hominide schon aufrecht laufen konnte. Jetzt hat ein Team um Nikolai Spassov vom bulgarischen Nationalmuseum für Naturgeschichte in Sofia in der Fundstätte Azmaka in Südbulgarien auch einen Oberschenkelknochen entdeckt.

Der fossile Knochen ist ebenfalls rund 7,2 Millionen Jahre alt und stammt von einem nur etwa 24 Kilogramm schweren Individuum. Nach Angaben der Forschenden könnte es sich um ein leichteres, weibliches Exemplar des Graecopithecus handeln. Nähere Analysen zeigten, dass dieser Knochen unverkennbare Merkmale eines zweibeinig laufenden Primaten aufweist. „Eine Reihe von äußeren und inneren morphologischen Merkmalen, wie der verlängerte und aufrecht gerichtete Oberschenkelhals, spezielle Ansatzstellen für die Gesäßmuskulatur oder die Dicke der äußeren Knochenschicht weisen Ähnlichkeiten mit zweibeinigen fossilen Menschenvorläufern und Menschen auf“, sagt Spassov.

War Graecopithecus der erste Vormensch?

Damit legt der neue Fund nahe, dass Graecopithecus freybergi kein urzeitlicher Menschenaffe mehr war, sondern schon ein früher Vormensch oder zumindest eine Übergangsform dorthin. „Graecopithecus stellt eine Stufe in der menschlichen Evolution dar, die zwischen unseren in Bäumen und auf dem Boden lebenden Vorfahren, wie zum Beispiel dem fast zwölf Millionen Jahre alten Danuvius guggenmosi aus der Hammerschmiede im Allgäu, und jüngeren Funden aus Ostafrika steht“, sagt Co-Autor David Begun von der University of Toronto. „Man könnte ihn durchaus als fehlendes Bindeglied bezeichnen.“

Sollte sich dies bestätigen, könnte Graecopithecus der älteste bekannte Vormensch gewesen sein, älter noch als der afrikanische Sahelanthropus. Den Forschenden zufolge könnte sich Graecopithecus in der Balkanregion aus urzeitlichen Menschenaffen wie Ouranopithecus und Anadoluvius entwickelt haben, die vor acht bis neun Millionen Jahre auf dem Balkan und in Anatolien vorkamen. Nach Ansicht von Spassov und seinen Kollegen könnte es sogar sein, dass Graecopithecus und ähnliche Hominidenformen auch den Anstoß für die Entwicklung der afrikanischen Vormenschen gaben. „Wir wissen, dass großräumige Klimaveränderungen im östlichen Mittelmeerraum und Westasien vor acht bis sechs Millionen Jahren zum periodischen Entstehen ausgedehnter Halbwüsten und Wüsten führten“, erklärt Co-Autorin Madelaine Böhme von der Universität Tübingen. „Diese Entwicklung initiierte mehrere Ausbreitungswellen eurasischer Säugetiere nach Afrika.“

Im Zuge dieser Migration könnte auch Graecopithecus vom Balkan nach Afrika gelangt sein – und dort dann zur Entstehung weitere Vormenschen wie dem Sahelanthropus oder Orrorin beigetragen haben. Später entwickelte sich in Ostafrika dann aus diesen Formen der Australopithecus, der Vormensch, der zu unserem Urahn wurde.

Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen; Fachartikel: Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments, doi: 10.1007/s12549-025-00691-0

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