Ilko-Sascha Kowalczuk, selbst Mitarbeiter der Forschungsabteilung der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, hat nun einen solchen Versuch gewagt. Er schildert sehr anschaulich die Entstehung der Staatssicherheit im Kontext der sowjetischen Besatzungsherrschaft und bezeichnet die Gründung des MfS aufgrund der personellen Zusammensetzung als „kommunistisches Kaderunternehmen“. Weitere Kapitel befassen sich mit der Stellung des MfS innerhalb der SED-Diktatur, den hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern (IM) und dem konkreten Agieren des MfS bei der Bekämpfung von Opposition und Widerstand in kritischen Momenten der DDR-Geschichte.
Kowalczuks Stärke sind biographische Miniaturen und farbige Fallbeispiele. Ärgerlich ist der (vom Autor vielleicht nicht zu verantwortende) Klappentext, der mehr verspricht, als das Werk selbst halten kann. Denn auch Kowalczuk referiert im Wesentlichen den Forschungsstand und liefert keine neue „Geschichte von unten“. Auch die kritische Diskussion der im Umlauf befindlichen statistischen Angaben zum IM-Netz ist keineswegs so neu, wie es uns der Autor glauben machen will.
Die Darstellung des Autors leidet zudem darunter, dass sie die Geschichte des MfS allzu sehr auf die Bekämpfung der politischen Opposition fokussiert. Denn in der Ära Honecker banden andere Aufgabenbereiche wesentlich mehr Kapazitäten. So zählten die mit der Überwachung der Armee, des Reiseverkehrs oder der gesamten Volkswirtschaft beauftragten Diensteinheiten zu den personalstärksten Abteilungen. Kowalczuk liefert eine flüssig geschriebene Einführung, systematischer und reflektierter ist allerdings das Standardwerk von Jens Giese: „Der Mielke-Konzern“ (München 2006).
Rezension: Dr. Clemens Vollnhals





