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Steckt mehr hinter dem Mythos?
Für viele Menschen ist der Begriff „Wikinger“ noch immer gleichbedeutend mit furchterregenden, im Rausch kämpfenden Barbaren. Dieser Mythos der Nordmänner als eine Art Naturkatastrophe, die Tod und Verderben brachte, basiert auf den schriftlichen Überlieferungen christlicher Mönche. Die Archäologie zeichnet dagegen…
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Am Abend des 8. Juni 793 lag das berühmte Kloster auf der Insel Lindisfarne an der englischen Ostküste von Northumberland in Trümmern. Die Kirche war geschändet, die wertvollen Schätze waren gestohlen und die Mönche tot oder als Sklaven entführt. Das Blut der heiligen Männer war vor dem Altar vergossen, und ihre Körper waren wie Abfall in den Straßen niedergetrampelt worden, wie Alkuin (um 730–804), ein angelsächsischer Gelehrter, schrieb. Was genau an diesem Tag geschah, lässt sich bis heute nicht vollständig rekonstruieren. Eines aber ist sicher: Die Wikinger haben in diesem Moment die Weltbühne betreten und die Grundlage für einen bis heute fortwirkenden Mythos gelegt.
Irgendwann im Lauf des Tages müssen am Horizont vor Lindisfarne die Segel von Langschiffen erschienen sein. Vielleicht waren die Männer auf den Schiffen den Mönchen bereits bekannt, und ihr Auftauchen war keine Überraschung, weil sie bereits zuvor als friedliche Händler nach Lindisfarne gekommen waren. Vielleicht versetzte das Auftauchen ihrer Segel am Horizont die Mönche von Lindisfarne aber auch in Angst und Schrecken.
Blitzartige Überfälle werden zum Markenzeichen der Skandinavier
Bereits in den Jahren zuvor war es den historischen Quellen zufolge zu vereinzelten Überfällen entlang der südlichen und südöstlichen Küste von England durch Seeräuber aus dem Norden gekommen. Das Vorgehen bei diesen Überfällen – und vermutlich eben auch in Lindisfarne – war zumeist das Gleiche: Einzelne Langschiffe oder kleine Verbände von wenigen Schiffen kamen von See her und landeten mit der Tide auf dem Strand an. Die Männer sprangen von Bord und plünderten Kloster, Handelsplatz oder Siedlung, bevor überhaupt eine wirksame Verteidigung organisiert werden konnte.
Diese Form des blitzartigen Überfalles wurde als strandhögg („Strandschlag“) bezeichnet und war eine einzigartig effektive Kombination aus einer strategischen Auswahl der Ziele, hoher Mobilität durch die Nutzung der wendigen und schnellen Langschiffe, dem Ausnutzen des Überraschungsmoments und nicht zuletzt auch ungezügelter Gewalt und erschreckender Brutalität.
Es waren weniger die frühen Überfälle auf kleinere Marktplätze und Siedlungen als vielmehr die Schändung eines der heiligsten Orte der angelsächsischen Christenheit, die Schockwellen durch die christliche Welt sandte. Viele Zeitgenossen sahen in diesem Ereignis eine Strafe Gottes für die Sünden der Christenheit. So wurden die Wikinger in den Berichten der fränkischen und angelsächsischen Mönche nicht nur als heidnische Barbaren und Feinde der Christenheit verteufelt, sondern beinahe zu einer Naturgewalt hochstilisiert, der die christliche Welt wehrlos ausgeliefert sei.
Damit war die Grundlage gelegt für einen bis heute fortwirkenden Mythos. Die Wikinger betraten nicht nur mit einem aufsehenerregenden Paukenschlag die Weltbühne, sondern sie wurden auch nahezu von der ersten Minute an als wilde, grausame und quasi unbesiegbare Krieger dämonisiert, die in ihrer Verachtung des Christentums Kirchen und Klöster in Schutt und Asche legten und die „zivilisierte“ christliche Welt terrorisierten. Dieses Image hängt dem Begriff „Wikinger“ bis heute an.
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Die Grundlage für diesen Mythos war primär die Weiterentwicklung der Schiffstechnologie. Irgendwann vor der Wikingerzeit – vielleicht im 6. oder 7. Jahrhundert – adoptierten die Skandinavier das Rahsegel. Im Gegensatz zu den zuvor ausschließlich geruderten Booten konnten Segelschiffe deutlich größere Geschwindigkeiten erreichen und wesentlich weitere Distanzen überbrücken. Gleichzeitig konnten die meisten Segelschiffe auch gerudert werden, so dass die Wikinger auf diesen Schiffen nicht auf günstigen Wind angewiesen waren.
Zudem entwickelten die Skandinavier die sogenannte Klinkerbauweise weiter, bei der sich die Planken eines Bootes von oben nach unten überlappten. Die typischen Langschiffe der Wikinger waren dadurch zum einen sehr stabil und hatten zum anderen einen äußerst geringen Tiefgang von weit weniger als einem Meter. Diese Entwicklungen in der Schiffsbautechnik ermöglichten es den Wikinger nicht nur, sich auf dem Wasserweg nahezu die gesamte damals bekannte Welt zu erschließen, von der kanadischen Ostküste ganz im Westen über den Nordatlantik bis in die arabische Welt. Sie erlaubte auch das Anlanden direkt auf flachen Sandstränden, die blitzartigen Überfälle und eine überlegene Mobilität entlang den Küsten und auf Flüssen.
Ragnar Lodbrok greift die Stadt Paris an
Ein gutes Beispiel für diese Nutzung von Schiffen als taktische Waffe gibt die Plünderung von Paris im Jahr 845 durch den legendären Wikingerhäuptling Ragnar, der vermutlich die historische Vorlage für den mythischen Ragnar Lodbrok (altnordisch: Ragnarr loðbrók) darstellt. Ragnar plünderte mit seinem Heer von See kommend zuerst die Stadt Rouen und fuhr dann mit seiner Flotte die Seine hinauf in Richtung Paris. Die an der Seine gelegenen Dörfer, Kirchen und Klöster waren den Wikingern schutzlos ausgeliefert.
Als sich der westfränkische König Karl II. gezwungen sah, sich den immer weiter in sein Reich vordringenden Wikingern entgegenzustellen, musste er notgedrungen sein Heer in zwei Teile aufgliedern und diese auf beiden Seiten der Seine vorrücken lassen. Die Wikinger konnten jedoch von ihren Schiffen aus gezielt einen Teil des fränkischen Heeres angreifen und diesen besiegen. Am Ostersonntag 845 erreichte Ragnar mit seinem Heer Paris, ließ die Stadt plündern und war erst durch die Zahlung der enormen Summe von 7000 Pfund Silber zum Abzug zu bewegen.
Die blitzartigen Überfälle und spektakulären Raubzüge wie gegen Paris verstellten den Blick auf eine realistische Betrachtung der Kampfkraft der Wikinger. Denn entscheidend für den bis heute anhaltenden Ruf als unbesiegbare Krieger war nicht nur die strategische Nutzung der Schiffe, sondern auch die – nahezu opportunistisch anmutende – Auswahl der Ziele. War etwa an einem Handelsplatz zu große Gegenwehr zu erwarten, verlegten sich die Wikinger auf friedlichen Handel; fühlten sie sich militärisch überlegen, plünderten sie.
Offene Feldschlachten versuchten die Wikinger weitestgehend zu vermeiden, zumindest solange sie nicht deutlich überlegen waren. In mehreren Schlachten gegen Alfred den Großen (871– 899), den angelsächsischen König von Wessex, erlitten sie empfindliche Niederlagen. Zwar waren die Wikinger sicherlich furchterregende Gegner im Kampf, aber ihnen fehlte die notwendige Disziplin für taktische Feldschlachten. Wendete sich das Kampfglück, konnte es passieren, dass sich ganze Heeresteile zurückzogen. Diese Furcht der Wikinger vor hohen Verlusten muss allerdings auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass sie für ihre Schiffe eine ausreichend große Besatzung brauchten, um nicht im Feindesland festzusitzen.
Zumeist versuchten die Wikinger daher, eine direkte Konfrontation in Form offener Feldschlachten durch schnelle Ausweichbewegungen mittels Schiffen, durch den Rückzug auf Flussinseln oder in befestigte Lager oder durch kleine Scharmützel zu vermeiden. Ließ sich eine Feldschlacht nicht umgehen, so wurde versucht, bereits vor den eigentlichen Kampfhandlungen durch die Einnahme strategisch günstiger Stellungen – zum Beispiel Anhöhen oder Engpässe – einen taktischen Vorteil zu erlangen.
In der Anfangsphase einer Konfrontation setzten die Wikinger auf mit Bogen abgeschossene Pfeile und Wurfspeere. So versuchten sie, bereits über Distanz den Gegner zu dezimieren oder ihn in seiner Vorbereitung zu stören. „Pfeilregen“ war daher ebenso wie „Speergewitter“ in der Dichtkunst der Wikinger eine gern verwendete Umschreibung für „Schlacht“.
Vor dem Zusammentreffen der beiden Heere bildeten die Krieger der ersten Schlachtreihe mit ihren Rundschilden den sogenannten Schildwall, bei dem sich die Schilde jeweils an den Seiten überlappten und so eine stabile Front gegen den Gegner bildeten. Prallten die beiden Schildwälle aufeinander, wurde versucht, aus der Deckung heraus mit Schwertern, Lanzen und langen Äxten den Schildwall des Gegners aufzubrechen.
Gelang dies einer der beiden Seiten, kam dies oft dem Sieg gleich. Die überlegenen Kämpfer konnten in die Reihen der Gegner vorstoßen, ehe diese im Gedränge eine erneute Verteidigung organisieren konnten. Der Kampf verlagerte sich so hin zu Dutzenden von kleinen Gefechten, die von den Kriegern dominiert wurden, denen es gelang, im Chaos eine geschlossene Formation und die Übersicht zu behalten, den Gegner einzukesseln und sukzessive niederzumachen.
Berserker: rasende Krieger als militärische Elite
Das populäre Bild, dass die Wikinger wild brüllend ihren Gegnern entgegengestürmt seien, mag bei Überfällen oder kleineren Scharmützeln durchaus zutreffend gewesen sein, bei größeren Schlachten gegen ein diszipliniertes Heer hätte es jedoch umgehend zu einer katastrophalen Niederlage geführt.
Trotzdem steckt in dieser Vorstellung ein Mythos, der durchaus auf die Wikingerzeit zurückgeht. In einem Preisgedicht eines norwegischen Hofdichters, eines Skalden, vom Ende des 9. Jahrhunderts über die Taten des Königs Harald Schönhaar in der Schlacht am Hafrsfjord (bei Stavanger) im Jahr 872 werden zwei Gruppen von Kriegern erwähnt, die offensichtlich aufgrund ihrer animalischen Wildheit als Eliteeinheit fungierten: Berserker (altnordisch: berserkir) und Ulfhednar (úlfheðnar).
Abbildungen auf dünnen Bronzeblechen, die als Zier auf Helmen und Schwertscheiden angebracht wurden und die aus den Jahrhunderten vor der Wikingerzeit stammen, stellen möglicherweise solche Kämpfer dar. Darauf sind bewaffnete Männer zu sehen, die mit Wolfsmasken und in Wolfsfelle gehüllt vermutlich kultische Tänze aufführen.
Diese Bleche belegen zweifelsfrei die Vorstellung von Tierkriegern: entweder Sagengestalten, von denen behauptet wird, sie verwandelten sich in Tiere, oder reale Angehörige eines Kriegerkults, die sich vor einem Kampf durch rituelle Handlungen symbolisch (oder in ihrer Vorstellung möglicherweise real?) in wilde Tiere verwandeln wollten. Darauf deutet auch der Name úlfheðnar hin, der nichts anderes bedeutet als „Wolfshäute“.
Die auf den Blechen möglicherweise dargestellten kultischen Tänze wiederum könnten eine Erklärung für den sprichwörtlichen Rauschzustand der Berserker und der Ulfhednar sein. Es gibt zwar pflanzliche Substanzen, wie etwa das schwarze Bilsenkraut, die, in der richtigen Dosis eingenommen, Raserei und Schmerzunempfindlichkeit bewirken können. Doch auch durch rituelle Tänze als eine Form der Autosuggestion könnten solche Trancezustände hervorgerufen worden sein.
Diese Übereinstimmungen zwischen den schriftlichen Quellen und den Abbildungen auf den vorwikingerzeitlichen Bronzeblechen lassen mutmaßen, dass es diese im Rausch kämpfenden Tierkrieger tatsächlich gegeben haben könnte. Selbst wenn – wie oben beschrieben – der Kampf in einem Schildwall strikte Disziplin erforderte, könnte eine Gruppe solcher Elitekrieger, die sich im Berserkerrausch ohne Angst vor Schmerz und Tod ins Getümmel stürzten, zur Verunsicherung der Gegner und zu einem Wendepunkt in der Schlacht geführt haben.
Plötzlich entpuppt sich ein toter Krieger als Frau
Das Kriegswesen der Wikingerzeit stand in der Tradition der Infanteriekämpfe, der Einsatz von Pferden im Kampf war bei den Wikingern unüblich. Obwohl mit Sporen und Steigbügeln die Voraussetzungen für eine schlagkräftige Kavallerie gegeben waren, wurden Pferde im militärischen Kontext nur als Transportmittel und als Statussymbol einer berittenen Elite genutzt.
Letzteres zeigt sich an einem der inzwischen sicherlich berühmtesten Gräber aus der Wikingerzeit, das zugleich auch Grundlage für einen neuen, extrem populären Mythos zu den Wikingern ist. In einem reichausgestatteten Kammergrab auf einem Gräberfeld des bedeutenden Handelsplatzes Birka in Schweden war ein Individuum mit voller Kriegsausstattung bestattet worden. Neben zwei Pferden, Reitzubehör und Spielsteinen für ein Brettspiel, war dem Individuum eine volle Waffenausstattung mit ins Grab gegeben worden, bestehend aus Schwert, Axt, Hiebmesser, zwei Speerspitzen, Pfeilen und zwei Schilden.
Über ein Jahrhundert lang galt das Kammergrab Bj 581 – so die wissenschaftliche Numerierung – als Bestattung eines hochrangigen Kriegers, möglicherweise sogar eines Heerführers, dessen Rang durch die Bewaffnung und besonders die beiden Pferde ausgedrückt wurde. Ähnliche, wenn auch zumeist weniger reiche Bestattungen von Männern mit Reitzubehör und Waffen – sogenannte Reitergräber – sind aus ganz Skandinavien, besonders aber aus dem dänischen Raum bekannt. Sie werden als Gräber einer sozialen und militärischen Elite im Gefolge des Königs gedeutet.
DNA-Untersuchungen an dem Individuum aus Grab Bj 581 von Birka erbrachten jedoch ein spektakuläres Ergebnis, das zu heftigen Diskussionen sowohl in der Fachwelt als auch in der interessierten Öffentlichkeit führte: Bei dem Toten handelte es sich um eine Frau.
Dieses überraschende Ergebnis stellt den ersten naturwissenschaftlich gesicherten Beleg dar, dass in der Wikingerzeit auch Frauen mit kompletter Bewaffnung beigesetzt wurden. Davon abgesehen ist das „Kriegerinnen“-Grab aus Birka in einem weiteren Aspekt bisher einzigartig. In allen anderen etwas mehr als ein Dutzend derzeit bekannten Gräbern, in denen Frauen mit einzelnen Waffen wie Äxten oder Speeren beigesetzt worden waren, trugen diese auch Frauenkleidung. Im Grab von Birka hingegen wurde die Tote in Männerkleidung beigesetzt.
Die neuen Ergebnisse zu dem Kammergrab von Birka sind zweifelsohne sensationell, geben sie doch Anlass zu der Vermutung, hier erstmals eine der legendären „Schildmaiden“ entdeckt zu haben. Also eine Frau, die voll bewaffnet und gekleidet wie ein Mann nicht nur am Kampf teilnahm, sondern nach Aussage der Grabbeigaben auch noch eine hohe Stellung innehatte, möglicherweise sogar einen militärischen Rang.
Die Knochen zeigen keine Spuren eines Kampfeinsatzes
Allerdings ist die Beigabe von Waffen allein kein sicherer Beleg für eine tatsächliche Kriegeraktivität zu Lebzeiten, wie das durchaus häufigere Vorkommen von Waffen in den Gräbern noch nicht waffenfähiger Jungen zeigt. Auch geben die Knochen der Toten aus Grab Bj 581 keine Hinweise auf die Beteiligung an gewalttätigen Auseinandersetzungen, wie etwa verheilte Verletzungen oder auch deutlicher ausgeprägte Muskelansätze, die auf ein regelmäßiges Kampftraining hinweisen.
So werfen die neuen Ergebnisse zu Grab Bj 581 bislang mehr Fragen auf, als sie beantworten. Die Beisetzung einer biologischen Frau als vollbewaffneter und berittener Krieger ist bisher ein absoluter Einzelfall und daher enorm schwierig zu deuten. Musste diese Frau aufgrund besonderer sozialer Umstände tatsächlich zu Lebzeiten eine männliche Rolle – als Häuptling oder vielleicht tatsächlich als Heerführer – einnehmen? Oder lebte sie bis zu ihrem Tod wie andere Frauen und wurde nur für die Bestattung als Krieger ausgestattet, um ihren sozialen Status und ihre Zugehörigkeit zur lokalen (Krieger-)Elite auszudrücken?
Die neuen Forschungsergebnisse zum Grab der „Kriegerin“ von Birka stellen bereits jetzt mehr als 100 Jahre Wissen über die Rolle der Frau in der Wikingerzeit auf den Kopf. Bislang gibt es keine sicheren Beweise, dass Frauen tatsächlich vereinzelt oder sogar regelmäßig als Kriegerinnen gekämpft haben könnten. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass etwa mittels moderner genetischer Analysen in Zukunft weitere Bestattungen einer Person in Männerkleidung und mit Waffen als die einer Frau erkannt werden. Unser Bild der Wikingerzeit, das noch immer mit so vielen Klischees verbunden ist, dürfte auch in Zukunft durch spannende neue Erkenntnisse und neue Funde ergänzt werden.
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