Sagen und Mythen ranken sich um sie: Mit den Bauwerken aus tonnenschweren Steinen – die Wissenschaft nennt sie Megalithmonumente – verewigten sich die Menschen der Jungsteinzeit. Man findet sie in vielen Teilen Europas, doch ihre Erbauer entstammten keiner einheitlichen Kultur.
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Die Archäologie ergründet die Geheimnisse der Megalithik (griechisch: mégas = „groß“ und líthos = „Stein“) schon seit längerem mittels umfangreicher Ausgrabungen, inzwischen auch mit neuesten Untersuchungsmethoden wie etwa Bodenradar. Obwohl so bereits viele Erkenntnisse gesammelt wurden, bleibt in Bezug auf Geschichte und Bedeutung der Steinmonumente noch vieles im Dunkeln. In jüngster Zeit ist es durch größere Forschungsprojekte gelungen, besser zu verstehen, wie die verschiedenen Ausprägungen der Großstein-Architektur in Europa zusammenhängen.
Megalithbauten finden sich im gesamten mittleren und westlichen Europa, von Südportugal bis Mittelschweden und von Südfrankreich bis Schottland. Schwerpunkte sind Süd- und Westeuropa sowie der nordeuropäische Raum. Neben den häufigen Megalithgräbern kennen wir zeitgleich auch andere monumentale Anlagen: In vielen Bereichen Europas finden sich seit der Jungsteinzeit sogenannte „Einhegungen“ (auch Grabenwerke oder im Englischen henges genannt, abgeleitet von Stonehenge).
Hier haben Menschen mittels Gräben oder Palisaden Bereiche der Landschaft eingeschlossen und dadurch einen exklusiven Innenbereich abgetrennt. Die genaue Beziehung zwischen Einhegungen und Megalithbauten ist Teil aktueller Forschung und unterscheidet sich von Region zu Region. Dennoch sind diese Strukturen im gesamten Verbreitungsgebiet der Megalitharchitektur belegt.
Das bekannteste Beispiel ist Stonehenge, bei dem wir heute nur die steinernen Zeugen und hier vor allem die bronzezeitliche Ausbaustufe sehen. Auch hier gab es weitere Anlagen, sie waren vermutlich weniger imposant – und auch weniger beständig.
Megalithische Bestattungen in Europa haben Vorläufer, die bis um 5000 v. Chr. zurückverfolgt werden können. Im Seine-Yonne-Gebiet des heutigen Frankreich kennt man monumentale Bestattungen ohne Steine, die sogenannten Passy-Gräber. Hierbei handelt es sich um bis zu 260 Meter lange Anlagen (etwa „Monument 5“ von Passy), bestehend aus Gräben mit gerundeten, leicht abgesetzten Enden, wobei das Ostende häufig größer ausgeführt ist.
Im Inneren befinden sich Gräber für Einzelpersonen oder wenige Individuen. Weiterhin gibt es an der gesamten Atlantikküste und darüber hinaus sogenannte nicht-megalithische Langhügel: künstlich errichtete gestreckte Hügel, die auch wiederum einzelne Bestattungen enthielten. Die frühesten bislang bekannten Beispiele für echte Megalithgräber finden sich dann seit um 4500 v. Chr. in der Bretagne und entlang der französischen Atlantikküste.
Bald waren diese Bauwerke über größere Bereiche Europas verbreitet. Seit um 4400/4300 v. Chr. gibt es auf Sardinien und Korsika einfache Megalithgräber, sogenannte Dolmen. Der Begriff geht auf das Wort tolmen („Steintisch“) der keltischen Sprache in Cornwall zurück. Zu den Dolmen gesellten sich schnell Ganggräber, größere Anlagen, die einen Gang zur eigentlichen Grabkammer aufweisen. Weiterhin wurden einzelne Steine wie Stelen aufgerichtet, heute Menhire genannt (bretonisch: maen = „Stein“ und hir = „lang“).
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Auch in Südfrankreich finden wir nahezu zeitgleich die ersten Nachweise. Ein weiteres Zentrum stellt die iberische Halbinsel dar: Die frühesten Dolmen in Andalusien und Katalonien werden auf um 4300 v. Chr. datiert. Richtung Nordosten setzte sich die Bauweise erst später durch. Seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. gibt es auch dort Nachweise: zuerst in England, seit um 3600 v. Chr. auch in Norddeutschland und Dänemark. Um 3500 v. Chr. schließlich finden wir Großsteinarchitektur zudem in den Niederlanden, in Schweden sowie vereinzelt in Süddeutschland und der Schweiz.
Die Sitte, mit großen Steinen Gräber und andere Bauwerke zu errichten, war in den verschiedenen Regionen Europas unterschiedlich langlebig. Die Anzahl der errichteten Monumente lässt dabei einzelne Boom-Phasen erkennen. In Norddeutschland etwa erlebte diese Architektur ihren Höhepunkt in der Zeit um 3450 bis 3200 v. Chr. Der größte Teil der norddeutschen Megalithanlagen wurde also innerhalb von etwa 200 Jahren errichtet.
Die megalithische Bauweise ist jedoch nicht auf Europa beschränkt: Prominente globale Beispiele sind der Senegal, Gambia, Madagaskar, Indien, Indonesien sowie Korea – hier wurden entsprechende Anlagen oft bis in die jüngste Vergangenheit hinein errichtet. Egal, wann und wo die Megalithbauten entstanden, ihren Erbauern ging es wohl zunächst einmal darum, ein weithin sichtbares Zeichen der eigenen Existenz zu liefern.
Traten die Steinbauten an einem bestimmten Ort zuerst auf?
Angesichts der weiten Verbreitung sowie der großen zeitlichen Spanne kann man also eine gemeinsame „Megalithkultur“ ausschließen. Ein einzelner Ursprungsort für die „Erfindung“ dieser Bauweise ist sehr unwahrscheinlich. Für das jungsteinzeitliche Europa mag eine solche Form der Ausbreitung noch denkbar sein. Doch gab es zwischen den Menschen, die diese Bauwerke errichteten, wenig Verbindendes, schon gar nicht den Glauben an eine gemeinsame Identität. Viele andere Bereiche ihres Alltags, ihre Lebens- und Siedlungsweise unterschieden sich deutlich.
Zudem wird in der archäologischen Forschung der Begriff „Kultur“ anders benutzt als im täglichen Sprachgebrauch: Für Archäologen sind „Kulturen“ zeitlich begrenzte Phasen, in denen ein bestimmter Keramiktyp über eine größere Region hinweg verwendet wurde. Es geht dabei nicht um soziale oder kulturelle Ähnlichkeiten.
Übertragen auf heute könnte man die Menschen in den Kaffeehäusern Europas als Espressotassen-Kultur beschreiben. Menschen, die in der Vergangenheit eine bestimmte Art von Trinkbecher genutzt haben, hätten es aber genauso wenig verstanden, dass sie deswegen aus archäologischer Sicht einer Gruppe angehören sollen, wie heutige Spanier oder Norweger, die zufällig die gleiche Art von Kaffeetasse verwenden.
Man muss sich die Abgrenzungen der Bevölkerungsgruppen der Jungsteinzeit mehr als fließende Übergänge denn als klare Grenzen vorstellen, wie wir sie heutzutage aufgrund von Staatengrenzen gewohnt sind.
Dazu passt, dass es in der Jungsteinzeit schon einen regen Austausch durch Handel und eine intensive Reisetätigkeit gab. Abgeschlossene und autarke Dörfer mit einer über Generationen hinweg stabilen Bevölkerung und wenig Kontakt zur Außenwelt hält die heutige Forschung für wenig wahrscheinlich. Analysen mit modernen Methoden (etwa der Analyse von DNA oder Strontium-Isotopen im Zahnschmelz) zeigen auf, dass wir es stattdessen mit einem regen Kommen und Gehen zu tun haben.
Dies geschah nicht in Form großer „Völkerwanderungen“, sondern vor allem durch individuelle Mobilität. So zeigen gerade im Raum von Stonehenge Untersuchungen, dass einzelne Personen sehr weit gereist sind. Übergreifende Studien belegen sogar, dass jungsteinzeitliche Siedlungen einen Anteil von 20 bis 40 Prozent „Fremden“ aufwiesen.
Daher ist es auch kein Wunder, dass sich bereits zu dieser Zeit Ideen und Objekte verhältnismäßig schnell über weite Räume ausbreiten konnten. Natürlich haben wir Schwierigkeiten, alle Objekte nachzuweisen, die ausgetauscht worden sind: Sichtbar ist nur, was die Jahrtausende überdauert hat.
Schweizer Seeufersiedlungen mit Erhaltungsbedingungen unter Luftabschluss zeigen, dass sehr viele Objekte des täglichen Lebens aus organischem Material bestanden – ohne geeignete Bedingungen zerfallen diese schnell. Andere lösen sich von selbst auf: Salz wird sicher bereits in der Jungsteinzeit ein begehrtes und wichtiges Handelsgut dargestellt haben.
Geeignetes Baumaterial als zentrale Voraussetzung
Eine der wichtigsten Grundlagen für Großsteingräber und andere Megalitharchitektur ist das Vorhandensein von Baumaterial – dadurch ist der geographische Raum für diese Bauweise begrenzt. In Nordmitteleuropa, wo die Geologie eigentlich wenig geeignetes Baumaterial liefert, waren die Gletschervorstöße der Eiszeiten entscheidend. Das Eis transportierte große Gesteinsblöcke über weite Strecken. Nach dem Abschmelzen der Gletscher blieben sie als sogenannte Findlinge zurück.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Arbeitskraft: War eine Gemeinschaft wirklich gewillt, den enormen Aufwand, der mit der Errichtung eines Megalithgrabes verbunden ist, zu betreiben? Für sehr mobile Jäger-und-Sammler-Gruppen erscheint dies eher unwahrscheinlich.
Doch es gab Ausnahmen: Eines der bedeutendsten und frühesten Beispiele für monumentale Architektur stellt der Göbekli Tepe da, ein Hügel in Südostanatolien, der die frühesten steinernen (megalithischen) Tempel der Menschheitsgeschichte beherbergt. Diese datieren auf 10 000 Jahre v. Chr. und wurden vermutlich von Jägern und Sammlern errichtet.
Im Allgemeinen gibt es jedoch einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Sesshaftigkeit und großen architektonischen Projekten. Auch wenn sich die Lebensweise aufgrund der weiten Verbreitung der Megalitharchitektur stark unterschied, waren es doch vor allem Ackerbauern und Viehzüchter, die diese Bauten errichteten.
Im nördlichen Europa lebten sie in einzelnen Gehöften und fanden sich zur Errichtung der monumentalen Anlagen zusammen. Hier gibt es am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr., genauer zwischen 3400 und 3100 v. Chr., Anzeichen dafür, dass die Menschen nun in größeren Siedlungen zusammenlebten. Diese waren zwischen zwei und vier Hektar groß und umfassten rund 50 Häuser mit maximal 400 Einwohnern.
Zeitgleich gibt es, etwa auf der Iberischen Halbinsel, stadtartige Siedlungen: Beispiele sind Los Millares (eine befestigte Siedlung, um 3200 – 2250 v. Chr.), Valencina de la Concepción (die „Stadt“ umfasste 450 Hektar, um 3200 – 2400 v. Chr.) oder Zambujal (eine Art Zitadelle mit heute noch bis zu vier Meter hohen Mauern, um 2900 – 1700 v. Chr.). Daneben wirken die nordeuropäischen Dörfer und Weiler geradezu bescheiden.
Nichtsdestotrotz nutzten auch diese Menschen jede neue Errungenschaft, die ihnen zur Verfügung stand. Domestizierte Tiere wie etwa Kühe lieferten Milch – und ließen sich als Zugtiere nutzen. Denn in die Zeit um 3500 v. Chr. fällt auch die Erfindung des Rads, das belegen Funde gleichen Alters an so unterschiedlichen Orten wie Uruk in Mesopotamien und Flintbek in Norddeutschland
Angepflanzt wurden vor allem verschiedene Weizensorten, daneben auch Gerste. Als Nutztiere sind neben Rindern vor allem Hunde und Schweine belegt. Da der Bedarf an Acker- und Weideland schnell stieg, wurde der Wald großflächig gerodet. Es waren also nicht nur die Steinmonumente, die weithin bezeugten, dass die Menschen begannen, ihre Umwelt nachhaltig zu prägen – die gesamte Landschaft veränderte sich.
Häufig finden wir Megalithen in Zusammenhang mit rituellen Orten. Die großen Steine dienten hier wohl vor allem dazu, die Bedeutung des Ortes und der dort vollzogenen Handlungen zu verstärken. Daneben gibt es jedoch auch profanere Interpretationen: Gerade seit 3500 v. Chr. und damit in einer Zeit, in der wir die Nutzung der Zugkraft von Tieren auch für den Ackerbau vermuten können, waren die vielen Findlinge vermutlich hinderlich für den Pflugfeldbau. Deren „Beseitigung“ mag neben einer rituellen Funktion vielleicht auch einen rein praktischen Nutzen gehabt haben.
Ist eine Krise der Auslöser für den Bau der Monumente?
Die Frage, warum diese monumentalen Gräber und andere architektonische Objekte ausgerechnet aus großen Steinen errichtet worden sind, treibt die Forschung bis heute um und kann definitiv noch nicht als geklärt gelten. Zudem wird es aufgrund der großen Verbreitung auch unterschiedliche Gründe und Ursachen für die Übernahme dieser Sitte gegeben haben.
In Nordmitteleuropa fällt die Zeit, in der sich diese Architektur durchsetzt, zusammen mit deutlichen Veränderungen in verschiedenen anderen Bereichen: Um 3400 v. Chr. gibt es in ganz Europa Anzeichen dafür, dass sich die menschlichen Gemeinschaften in einer Krise befunden haben. Ein Indiz ist, dass sich die Siedlungsweise änderte. In weiten Teilen Europas könnte damals die Zahl der hier lebenden Menschen zurückgegangen sein, dafür gibt es ebenfalls Hinweise.
Meist wird dies in Zusammenhang mit möglichen Klimaveränderungen oder kurzfristigen Klimakrisen gebracht. Vielleicht versuchte man, sich mittels besonders aufwendiger Monumente den Beistand der Ahnen zu sichern? Vielleicht sind die kollektiven Bestattungen aber auch ein Hinweis darauf, dass man sich mehr als Gemeinschaft wahrnahm denn als Individuum? Vieles ist noch ungewiss, nach den Gründen des Megalithbooms werden die Forscher weiter suchen müssen.
Autor: Dr. Martin Hinz
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