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Steinzeit-Krimi im Hochgebirge
Am 19. September 1991 fand das Ehepaar Erika und Helmut Simon in den Ötztaler Alpen an der Grenze zwischen Italien und Österreich eine Leiche. Bald wurde klar, dass der Tote sehr lange im Gletscher geruht hatte: mehr als 5000 Jahre lang.
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Der 18. September 1991 war ein ungewöhnlich warmer Tag. Die Hobby-Alpinisten Erika und Helmut Simon hatten sich eine Bergtour vorgenommen. Vom Vernagtsee aus durchwanderten sie das Tisental und stiegen auf zum Niederjoch. Als es spät wurde, beschloss das Nürnberger Ehepaar, nicht umzukehren, sondern auf der über 3000 Meter hoch gelegenen Similaunhütte an der österreichisch-italienischen Grenze zu übernachten. Am nächsten Tag stiegen sie auf die nahegelegene, 3514 Meter hohe Fineilspitze. Auf dem Rückweg nahmen sie eine Abkürzung – und machten eine grausige Entdeckung: Der Oberkörper eines Toten ragte aus dem Eis. Helmut Simon machte ein Foto zur Dokumentation, dann eilten die Simons zurück zur Hütte.
Der Wirt Markus Pirpamer rief sofort bei den Carabinieri in Karthaus (Certosa) an. Der Diensthabende überprüfte die Vermisstenanzeigen und winkte dann ab: Er sei nicht zuständig, die Fundstelle liege in Österreich. Pirpamer verständigte daraufhin die Gendarmen auf der anderen Seite der Grenze. Doch auf der Wache in Sölden war gerade kein Alpingendarm – ein Gendarm für Gebirgseinsätze – verfügbar. Also wurden bei den Kollegen in Imst Alpingendarmen und ein Hubschrauber angefordert.
Es war nicht die erste Leiche, die das Eis in diesem warmen Sommer freigab. Anfang August hatte der Hüttenwirt Horst Fankhauser auf dem Alpeiner Ferner zwei Gletscherleichen gefunden. Odo Strolz und Otto Linher waren am 2. Mai 1953 bei einem Ausbildungskurs für Bergführer abgestürzt. Ende August entdeckte ein Tourist auf dem Berglasferner den toten Körper des Bergführers Kurt Jeschke, der 1981 tödlich verunglückt war. Fünf Tage danach gab das Eis am Sulztalferner die Leichen von Henna Schager und Josef Schneider frei, die seit 1934 als verschollen galten.
Was den jüngsten Leichenfund vom 18. Septemberanging, unternahm Alois Pirpamer, der Vater des Hüttenwirts, erste Recherchen. Der letzte Vermisstenfallin der Gegend war viele Jahre her: 1941 war der Veroneser Musikprofessor Carlo Capsoni nicht von einer Wanderung zurückgekehrt.
Im aktuellen Fallmusste ein erster Versuch, die Leiche zu bergen, am 20. September wegen schlechten Wetters abgebrochen werden. Immerhin konnte ein Metallbeil geborgen werden. Es wurde als Eispickel identifiziert und von der Gendarmerie in Verwahrung genommen. Die Leiche erlitt jedoch durch den mit Pressluft betriebenen Schrämhammer einen postmortalen Hüftschaden.
Am nächsten Tag stand immer noch kein Hubschrauber zur Verfügung. Dafür trafen auf der Similaunhütte zwei prominente Besucher ein. Die Extrembergsteiger Reinhold Messner und Hans Kammerlander befanden sich auf einer publikumswirksamen Klettertour über 1200 Kilometer „rund um Südtirol“. Sie hatten ein straffes Programm: In 40 Tagen wollten sie 300 Gipfel erklimmen. Auf der Hütte waren sie mit dem Volkskundler Hans Haid verabredet. Als sie vom Leichenfund hörten, statteten alle drei der Fundstelle einen Besuch ab. Messner vermutete anhand der Beschreibung des Beils, dass es mindestens 500 Jahre alt sei. Am 22. September berichtete die Südtiroler Zeitung „Alto Adige“ in ihrer Sonntagsausgabe, dass Reinhold Messner einen 500 Jahre alten Toten gefunden habe. Möglicherweise handele es sich um einen Söldner des Tiroler Herzogs Friedrichs IV. (1382–1439).
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Erst am 23. September konnte die Leiche unter Aufsicht von Gerichtsmediziner Rainer Henn aus dem Gletscher befreit werden. Auch weitere Gegenstände wurden geborgen. Später, als das wahre Alter der Leiche schon bekannt war, wurde der Ablauf der Bergung scharf kritisiert. Doch zunächst war niemand davon ausgegangen, dass der Tote besonders alt sei. Zudem war die Arbeit im Gletschereis in 3200 Meter Höhe eine große Herausforderung. Der Gedanke, eine aufwendige wissenschaftliche Ausgrabung zu unternehmen, erschien den Beteiligten absurd. Die meisten Archäologen wären schon am Aufstieg gescheitert.
Der Tote und seine Ausrüstung wurden nach Vent in der Gemeinde Sölden ausgeflogen. Von dort ging es mit dem Leichenwagen weiter nach Innsbruck in die Gerichtsmedizin. Mittlerweile war klar, dass es sich bei dem Toten nicht um den Veroneser Musikprofessor handelte: Es hatte sich herausgestellt, dass dessen Leiche bereits 1952 geborgen worden war. In Vent war auch Hans Haid wieder zugegen. Er datierte den Toten anhand der gefundenen Gegenstände in die Hallstattzeit, auf etwa 900 bis 500 v. Chr.
Auch Gerichtsmediziner Henn hatte inzwischen die Ausrüstung des Toten näher inspizieren können. Er war sich nun sicher, dass die Leiche älter war, als man zunächst vermutet hatte, und zog den Wissenschaftler Konrad Spindler von der Abteilung für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Innsbruck hinzu. Spindler war zunächst skeptisch. Er kannte nur die Zeitungsmeldungen zum Fund. Doch nachdem er die Mumie untersucht hatte, schätzte er ihr Alter auf mindestens 4000 Jahre, eher älter.
Bereits die ersten Untersuchungen brachten sensationelle Details zutage, etwa Tätowierungen an Handgelenk und Rücken. Schnell standen Forscher aus aller Welt Schlange, planten Erbgut-, Blut- und Haaranalysen. Doch es gab auch Schwierigkeiten, zuallererst die Frage: Wie lagert man eigentlich eine Permafrost-Mumie? Es gab keinerlei Erfahrung mit der Konservierung von Frostleichen. Und wer war eigentlich für die Untersuchung zuständig? Am 25. September hatte der Gletscherexperte Gernot Patzelt die Fundstelle besucht und die Vermutung geäußert, dass sie nicht auf österreichischem, sondern auf italienischem Hoheitsgebiet lag.
Im Vertrag von Saint-Germain-en-Laye war 1919 die „Linie der Wasserscheide“ als Grenze zwischen Österreich und Italien festgelegt worden. Doch als der internationale Grenzregelungsausschuss die Grenze verbindlich ins Kartenwerk eintrug, lag eine dicke Schneedecke. Man behalf sich daher damit, eine gerade Linie zu ziehen. Nun interessiert sich im Hochgebirge selten jemand dafür, wo die Grenze genau liegt. Alpinisten überqueren sie meist eher zufällig. Doch mit dem Fund des steinzeitlichen Toten wurden die nach dem Ersten Weltkrieg getroffenen Regelungen auf einmal relevant. Am 27. September ergab eine erste grobe Messung von österreichischen Gendarmen, dass die Fundstelle der Mumie zwar auf der österreichischen Seite der unter dem Gletscher befindlichen Wasserscheide, aber um etwa drei Seillängen (rund 120 Meter) auf der italienischen Seite der 1920 festgelegten Linie lag – und damit auf italienischem Boden.
Zu diesem Zeitpunkt stritten in Österreich bereits Gemeinden und Behörden um die Zuständigkeit. Dabei spielte auch eine Rolle, ob der Fund als menschliche Leiche oder als archäologisches Denkmal definiert werden sollte. Nun saßen auf der Similaunhütte italienische Carabinieri und österreichische Gendarmen zusammen, tranken Kaffee und warteten auf weitere Anweisungen, während in Wien und Rom die hohen Herren in den Ministerien tagten. Ehe die komplexe Rechtslage rund um den Fund nicht geklärt war, konnte nichts weiter geschehen.
Eine Nachmessung am 2. Oktober 1991 präzisierte: Der Mann im Eis lag 92,56 Meter von der Grenze entfernt – in Italien. Damit war die Autonome Provinz Bozen–Südtirol (Alto Adige) für alles weitere zuständig. 2006 wurde die Wasserscheide in einem Vertrag zwischen Österreich und Italien neu definiert – und zwar als auf der Gletscheroberfläche befindlich und nicht in Abhängigkeit von dem darunterliegenden Gelände. Das bedeutet, dass die Staatsgrenze der beiden Länder vom aktuellen Zustand des Gletschers abhängt. Jährlich beträgt die Verschiebung einige Meter. Sollte der Gletscher einmal komplett verschwinden, so „kommt die Grenzlinie auf die Wasserscheidelinie des hervortretenden felsigen Bodens zu liegen“, wie es im Vertrag heißt. Die Fundstelle, an die heute eine Steinpyramide erinnert, läge dann wieder in Österreich.
Vorerst blieb die Mumie in Innsbruck. Unterdessen nahmen vier Labore in Oxford, Paris, Uppsala und Zürich eine Untersuchung von anatomischem und botanischem Material zur Altersbestimmung vor. Diese ergab, dass der Mann im Eis irgendwann zwischen 3365 und 3041 v. Chr. gelebt hatte. Die Mumie war somit mehr als 5000 Jahre alt.
Inzwischen hatte sie auch einen Namen, oder besser zwei. Der offizielle wissenschaftliche Name lautete: „Jungneolithische Mumie aus dem Gletscher vom Hauslabjoch, Gemeinde Schnals, Autonome Provinz Bozen–Südtirol, Italien“. Doch bereits am 26. September war der Wiener Reporter Karl Wendl zu der Auffassung gekommen, dass „diese ausgetrocknete, grässlich anzusehende Leiche positiver, lieblicher werden [muss], um daraus eine gute Story zu machen“. Er gab ihr den Namen, unter dem sie weltberühmt werden sollte: „Ötzi“.
Im August 1992 wurde eine archäologische Nachuntersuchung durchgeführt – nun unter italienischer Leitung. Zahlreiche weitere Gegenstände wurden entdeckt und geborgen: Gräser, Blätter, Insektenteile, Haare, ein Fingernagel und auch ein Teil des Bogens des Toten, der im Vorjahr bei der Bergung zerbrochen war. Ende 1992 erlaubte die Provinz Bozen–Südtirol die Öffnung der Leiche. Und während die Forscher mit einer der gründlichsten Leichenschauen aller Zeiten begannen, beflügelte der Mann aus dem Eis die Phantasie von Medien und Öffentlichkeit: Warum hatte der Gletscher den Körper nicht zermalmt? Warum war die Mumie braun? Handelte es sich in Wirklichkeit um eine ägyptische Mumie? Warum war ausgerechnet Bergsteiger Reinhold Messner einer der Ersten an der Fundstelle gewesen?
Das britische Fachmagazin „Nature“ kritisierte die „unkoordinierte“ Arbeit und mangelhafte Kommunikation der Experten. Nachdem der Gerichtsmediziner Rainer Henn im Juli 1992 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, raunten manche sogar vom „Fluch des Ötzi“.
Während die wissenschaftliche Erforschung der Leiche voranschritt, wurde in Bozen ein neues archäologisches Museum errichtet, in das „Ötzi“ 1998 überführt wurde. Bis heute ruht er dort bei minus sechs Grad Celsius und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit in einer einzigartigen Kühlkammer. Besucher können ihn durch ein kleines Fenster betrachten. Auch alle Gegenstände, die er mit sich geführt hatte, sind heute im Bozener Museum zu finden.
Die Untersuchung „Ötzis“ und seiner Besitztümer dauert an und ist längst nicht abgeschlossen. Neue Forschungsmethoden ermöglichen immer neue Erkenntnisgewinne. Dank der Untersuchungen existiert eine sehr genaue Vorstellung vom Aussehen und vom Gesundheitszustand „Ötzis“: Es handelte sich um einen etwa 45 Jahre alten, zu Lebzeiten 1,60 Meter großen Mann mit sportlichem Körperbau, dunklem Haar, braunen Augen und Schuhgröße 38. Er hatte die Blutgruppe 0, war Laktose intolerant und hatte 61 Tätowierungen, die an Akupunkturlinien liegen und wohl zu therapeutischen Zwecken vorgenommen wurden.
„Ötzi“ trug eine Ausrüstung mit sich, mit der er auch im schwierigen Gelände des Hochgebirges überleben konnte: warme Kleidung, Werkzeug, ein Beil, einen Langbogen, Pfeile, einen Dolch, ein spezielles Werkzeug zum Schärfen des Dolches, ein Birkenrindgefäß zum Transport glühender Holzkohle und sogar eine Reiseapotheke.
Die Untersuchung der Ausrüstung hat wesentlich dazu beigetragen, die Welt, in der „Ötzi“ lebte, besser zu verstehen. So konnte 2016 festgestellt werden, dass das Kupfererz, aus dem die Beilklinge gefertigt wurde, nicht aus dem Alpenraum, sondern aus der südlichen Toskana stammt – es bestand also ein Austausch mit Mittelitalien.
Die spektakulärste Einzelentdeckung gab es 2001, als bei einem CT-Scan eine Pfeilspitze im Körper des Toten entdeckt wurde. In den Folgejahren widmete sich die Forschung verstärkt den letzten Stunden und Tagen im Leben „Ötzis“. Danach war er in den Tagen vor seinem Tod in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt und zog sich dabei eine Verletzung an der Hand zu.
Die Untersuchung der Pollen in Magen und Darm lässt darauf schließen, dass er kurz vor seinem Tod eine längere Distanz zurücklegte und dabei viele Höhenmeter überwand. Etwa eine Stunde vor seinem Tod nahm er eine letzte, gehaltvolle Mahlzeit zu sich, bei der er unter anderem Steinbockfleisch verzehrte. Er starb an der Verletzung der Schlagader durch einen Pfeilschuss in den Rücken, die ihn binnen Minuten verbluten ließ. Etwa zeitgleich erlitt er durch Fremdeinwirkung oder Sturz eine schwere Kopfverletzung. Seine Mörder ließen den Toten einfach im Gebirge liegen, wo er verblieb – bis die Simons ihn entdeckten.
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