Am 16. November 1970 landete Muammar al-Gaddafi auf dem Flughafen von Damaskus. Der selbsternannte Revolutionsführer Libyens (1969–2011) machte es sich in der VIP-Lounge bequem und verkündete, dort auf denjenigen warten zu wollen, der über den angemessenen Rang verfüge, ihn zu empfangen. Kurze Zeit später tauchte Hafis al-Assad auf. Lächelnd begrüßte er Gaddafi und erklärte, es sei gut, dass dieser nicht eine halbe Stunde früher eingetroffen sei.
Damit waren die Spekulationen beendet, die nicht nur die arabische Welt in den vorangehenden Tagen beschäftigt hatten. Gaddafi hatte herausgefunden, was er wissen wollte: Ein stiller Coup – ohne Panzer auf den Straßen und ohne Blutvergießen – hatte in Syrien klare Verhältnisse geschaffen. Assad stand nun offiziell an der Spitze des syrischen Staates. Präsident Nureddin al-Atassi (1966 –1970) und Assads Erzrivale Salah Dschadid waren politisch vernichtet und sollten den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen.
Dabei hatten die Kontrahenten noch wenige Jahre zuvor am selben Strang gezogen. Als Mitglieder eines fünfköpfigen Militärkomitees waren Assad und Dschadid für den Sturz Präsident Nasim al-Qudsis (1961–1963) und für die Wiedererweckung der Baath-Partei – eine panarabische, sozialistische Bewegung – in Syrien mitverantwortlich. Drei Jahre später hatte Dschadid dann mit einem weiteren Putsch selbst die Macht übernommen und Assad zu seinem Verteidigungsminister gemacht.
Doch schnell hatte es inhaltliche Differenzen gegeben. So wurde seit 1967 immer deutlicher, dass Assad sich auf den Kampf gegen Israel, Dschadid aber auf die sozialistisch inspirierten Reformen im Inland konzentrieren wollte. Assad bewegte sich nach rechts und entfernte sich dabei mehr und mehr von Dschadid und seinen Ministerkollegen. Bald mussten sich Offiziere entscheiden, ob sie in Assads oder in Dschadids Lager standen. Und wer sich für Dschadid entschied, fürchtete nicht viel später um sein Amt, denn wie sich zeigte, hatte Dschadid seit seiner Transformation zum Staatslenker die Verbindung zur Armee verloren. Assad dagegen brachte überall seine Vertrauten in Position.
Bereits im Februar 1969 ließ Assad es auf den offenen Schlagabtausch ankommen. Anlass war der vermeintliche Versuch, Assad und seinen Bruder Rifaat zu ermorden. Ein Mann, der vor Assads Anwesen aufgegriffen wurde, gestand, Attentate geplant zu haben – im Auftrag Abd al-Karim al-Jundis. Jundi war der Chef des „Parteibüros für nationale Sicherheit“, des Geheimdienstes. Seine Leute hielten Damaskus in eisernem Griff. Um Dschadid und seinem Lager gefährlich zu werden, musste Assad gegen Jundi vorgehen.
Und genau das tat er. Am 25. Februar rollten Panzer durch die Stadt. Herausgeber der Regierungszeitung „al-Thawra“ und der Parteizeitung „al-Baath“ mussten ihre Stellung räumen und wurden durch Assads Leute ersetzt. Der gleiche Vorgang vollzog sich in den Studios der großen Radiosender. Innerhalb von vier Tagen wurden im ganzen Land Parteigänger Dschadids aus ihren Büros vertrieben. Doch der wichtigste Schlag galt Jundi. Seine Patrouillen wurden eine nach der anderen im Verteidigungsministerium verhaftet, wo sie regelmäßig mit ihren Jeeps zum Tanken vorfuhren. Erst als auch Jundis Chauffeur verhaftet wurde, begriff der Geheimdienst-Chef, was da gerade passierte.





