Vor 50 Jahren wurde das sozialistische Experiment in Syrien durch einen Staatsstreich beendet. Verantwortlich dafür war Verteidigungsminister Hafis al-Assad. Mit seiner Machtübernahme endete ein jahrelanger Machtkampf. Assads Herrschaft sollte Syrien langfristig formen.
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Am 16. November 1970 landete Muammar al-Gaddafi auf dem Flughafen von Damaskus. Der selbsternannte Revolutionsführer Libyens (1969–2011) machte es sich in der VIP-Lounge bequem und verkündete, dort auf denjenigen warten zu wollen, der über den angemessenen Rang verfüge, ihn zu empfangen. Kurze Zeit später tauchte Hafis al-Assad auf. Lächelnd begrüßte er Gaddafi und erklärte, es sei gut, dass dieser nicht eine halbe Stunde früher eingetroffen sei.
Damit waren die Spekulationen beendet, die nicht nur die arabische Welt in den vorangehenden Tagen beschäftigt hatten. Gaddafi hatte herausgefunden, was er wissen wollte: Ein stiller Coup – ohne Panzer auf den Straßen und ohne Blutvergießen – hatte in Syrien klare Verhältnisse geschaffen. Assad stand nun offiziell an der Spitze des syrischen Staates. Präsident Nureddin al-Atassi (1966 –1970) und Assads Erzrivale Salah Dschadid waren politisch vernichtet und sollten den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen.
Dabei hatten die Kontrahenten noch wenige Jahre zuvor am selben Strang gezogen. Als Mitglieder eines fünfköpfigen Militärkomitees waren Assad und Dschadid für den Sturz Präsident Nasim al-Qudsis (1961–1963) und für die Wiedererweckung der Baath-Partei – eine panarabische, sozialistische Bewegung – in Syrien mitverantwortlich. Drei Jahre später hatte Dschadid dann mit einem weiteren Putsch selbst die Macht übernommen und Assad zu seinem Verteidigungsminister gemacht.
Doch schnell hatte es inhaltliche Differenzen gegeben. So wurde seit 1967 immer deutlicher, dass Assad sich auf den Kampf gegen Israel, Dschadid aber auf die sozialistisch inspirierten Reformen im Inland konzentrieren wollte. Assad bewegte sich nach rechts und entfernte sich dabei mehr und mehr von Dschadid und seinen Ministerkollegen. Bald mussten sich Offiziere entscheiden, ob sie in Assads oder in Dschadids Lager standen. Und wer sich für Dschadid entschied, fürchtete nicht viel später um sein Amt, denn wie sich zeigte, hatte Dschadid seit seiner Transformation zum Staatslenker die Verbindung zur Armee verloren. Assad dagegen brachte überall seine Vertrauten in Position.
Bereits im Februar 1969 ließ Assad es auf den offenen Schlagabtausch ankommen. Anlass war der vermeintliche Versuch, Assad und seinen Bruder Rifaat zu ermorden. Ein Mann, der vor Assads Anwesen aufgegriffen wurde, gestand, Attentate geplant zu haben – im Auftrag Abd al-Karim al-Jundis. Jundi war der Chef des „Parteibüros für nationale Sicherheit“, des Geheimdienstes. Seine Leute hielten Damaskus in eisernem Griff. Um Dschadid und seinem Lager gefährlich zu werden, musste Assad gegen Jundi vorgehen.
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Und genau das tat er. Am 25. Februar rollten Panzer durch die Stadt. Herausgeber der Regierungszeitung „al-Thawra“ und der Parteizeitung „al-Baath“ mussten ihre Stellung räumen und wurden durch Assads Leute ersetzt. Der gleiche Vorgang vollzog sich in den Studios der großen Radiosender. Innerhalb von vier Tagen wurden im ganzen Land Parteigänger Dschadids aus ihren Büros vertrieben. Doch der wichtigste Schlag galt Jundi. Seine Patrouillen wurden eine nach der anderen im Verteidigungsministerium verhaftet, wo sie regelmäßig mit ihren Jeeps zum Tanken vorfuhren. Erst als auch Jundis Chauffeur verhaftet wurde, begriff der Geheimdienst-Chef, was da gerade passierte.
In der Nacht auf den 2. März beging Jundi vermutlich Selbstmord. Sein Tod durch Kopfschuss wurde im Italienischen Krankenhaus der Hauptstadt festgestellt. Der letzte Verteidiger der Assad-Gegner war gefallen – und diese waren sich dessen sehr wohl bewusst. Als sie Jundi in seiner Heimatstadt Salamiya zu Grabe trugen, dachten sie auch über ihre eigene Zukunft nach. Ihr wichtigster Beschützer war tot. Assad hatte inoffiziell die Macht übernommen.
Von außen war nicht notwendigerweise zu erkennen, dass ein Machtwechsel stattgefunden hatte. Dschadid hatte noch immer den Großteil der Parteifunktionäre hinter sich. Als Syrien im September 1970 auf Seiten palästinensischer Guerillas in Jordanien einfiel, war man sich in Diplomatenkreisen nicht klar darüber, wie diese Entscheidung zustande gekommen war und wer sie gefällt hatte.
Im selben Monat, eine Woche nachdem Syrien seine Panzer zurückgezogen hatte, starb der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser (1954 –1970). Eine wichtige Führungsfigur, ein Bindeglied der arabischen Welt lebte nicht mehr. Assad nahm an der Beerdigung in Kairo teil und entschied wohl zu dieser Zeit, seinen unvollständig gebliebenen Coup aus dem Vorjahr zu Ende zu bringen.
Was genau der Anlass für die entscheidende Konfrontation war, sorgte schon bald für Spekulationen. Es wurde zum Beispiel berichtet, Assads Soldaten hätten in den Gärten des Schwiegervaters von Präsident Atassi Gräben ausgehoben und den Präsidenten damit zur Weißglut gebracht. Assad habe unter den Orangenbäumen Schätze vermutet, die im Jahr 1918 von abziehenden osmanischen Truppen dort versteckt worden seien. Aber einen solchen Anlass brauchte es nicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Der Konflikt spitzte sich zu – mit oder ohne entwurzelte Obstbäume.
Beide Seiten wussten, dass die finale Auseinandersetzung kurz bevorstand. Dschadid, der noch auf die Loyalität der meisten Parteisoldaten bauen konnte, berief einen außerplanmäßigen Nationalkongress ein. Seine Hoffnung war es vermutlich, dass eine solche öffentliche Demonstration der Unterstützung, die er noch immer durch die Baath-Partei erhielt, seinem Gegenspieler einen Dämpfer verpassen würde. Viele hatten deshalb ihre Zweifel, ob Assad den Kongress überhaupt stattfinden lassen würde.
Assad verhinderte den Kongress jedoch nicht. Aber er sorgte dafür, dass nichts, was dort entschieden wurde, jemals umgesetzt wurde. Er gab seine Befehle und stellte sich dann ein letztes Mal seinen Gegnern auf dem politischen Parkett. Knapp zwei Wochen lang gingen sich die Kontrahenten in ihren Reden gegenseitig an die Gurgel. Gleich am ersten Tag forderte Dschadids Fraktion, dass Assad während der Dauer des Kongresses keine Truppenbewegungen veranlassen dürfe. Das war nur der Anfang. Dschadid sorgte sogar dafür, dass Assad seine Ämter in Regierung und Militär gleichermaßen abgeben musste. Seine Offiziersclique sollte in ihre Schranken gewiesen werden.
Dafür war es aber längst zu spät. Die vehementen Angriffe auf Assad waren nichts weiter als das letzte Aufbäumen der Besiegten. Assads Truppen umstellten das Kongressgebäude und ließen keinen Zweifel daran, dass eine neue Zeit angebrochen war. Resolution um Resolution wurde verabschiedet. Doch ihr Wert war nur noch ein symbolischer. Aus Trotz und Verzweiflung wurden sie Assad entgegengeschleudert.
Nachdem der Kongress beendet war, ließ Assad alle seine Gegner verhaften. Einigen wurde angeboten, sich als Diplomaten ins gehobene Exil zu begeben. Wer darauf einging, blieb auf freiem Fuß. Viele landeten im berüchtigten Gefängnis Mezze. So auch Dschadid. Vielleicht hoffte er, es würde der Tag kommen, an dem sich das Blatt wendete. Doch dieser Tag sollte nicht kommen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1993 blieb er hinter Gittern.
So ambivalent der Coup von 1969 zu Ende gegangen war, so gründlich ging Assad diesmal zu Werke. Der Geheimdienst der Luftwaffe brauchte gerade einmal zwei Stunden, um alle Gefolgsleute Dschadids im ganzen Land festzusetzen. Die Weltöffentlichkeit bekam von alledem nicht viel mit. Läden blieben geöffnet, der Alltag verlief ungestört, nirgendwo waren Panzer zu sehen.
Als Gaddafi in Damaskus eintraf und von einem triumphierenden Assad empfangen wurde, war klar, dass sich die Dynamik innerhalb der arabischen Welt verändern würde. Die westliche Presse informierte ihre Leserschaft über den Mann, der nun Syrien regierte. Neben seinem Aufstieg vom alevitischen Bauernsohn zum Verteidigungsminister und schließlich zum ersten Mann im Staat hatte die „New York Times“ zu berichten: „General Assad hört gerne Witze, auch wenn er selbst selten welche erzählt. Es wurde berichtet, dass er lachen musste, als sich der sowjetische Botschafter in Syrien während einer Besprechung mit den Worten beschwerte: ,Die Syrer nehmen gerne alles von uns an, außer gute Ratschläge.‘“
Kurze Zeit nachdem Gaddafi in Damaskus eingetroffen war, machten die Iraker ihre Aufwartung. Die dortige Baath-Partei – zutiefst zerstritten mit ihrem syrischen Pendant – hatte Assads Coup herbeigesehnt. Und tatsächlich stellte Assad schnell die Weichen. Iraker, die in Syrien als politische Häftlinge im Gefängnis saßen, wurden freigelassen. Die distanzierte Haltung gegenüber Ägypten, die seit der Spaltung der Vereinigten Arabischen Republik (des kurzlebigen Zusammenschlusses von Syrien und Ägypten) im Jahr 1961 vorgeherrscht hatte, wich einer neuen Offenheit. Die generelle Isolationspolitik, die Syrien seit 1963 verfolgt hatte, wurde beendet. Schon im Dezember verkündete Assad einen Militärpakt zwischen Syrien, Ägypten, Libyen und dem Sudan – ein Bündnis, das ausdrücklich dem Kampf gegen Israel dienen sollte.
Innenpolitisch gab es ebenfalls einen Schnitt. Dem entschieden sozialistischen Ansatz der abgesetzten Regierung wurde ein Ende bereitet. Die Zeiten, in denen insbesondere reiche Großgrundbesitzer politische Repressalien zu fürchten hatten, waren vorüber. Im Gegensatz zu seinen besiegten Kontrahenten stützte sich Assad nicht nur auf die Klientel der Baath-Partei in der Provinz, sondern zunehmend auf das Bürgertum der Hauptstadt. Zu diesem Zweck verfolgte er eine eher liberale Wirtschaftspolitik. Auch Schriftsteller und Intellektuelle, die zuvor als reaktionäre Vertreter einer abgelegten Ordnung behandelt worden waren, wurden von Assad rehabilitiert.
Mehrheitlich nahmen die Syrer den Wechsel dennoch fast gleichgültig zur Kenntnis. Alle paar Jahre gab es schließlich einen neuen Coup. Nur wenige ließen sich von der Politik und dem Ringen innerhalb der Baath-Partei begeistern. Assad wollte dies jedoch ändern. Er hatte immer bewundert, wie es Nasser in Ägypten gelungen war, eine breite Unterstützung in der Bevölkerung für sein Regime aufzubauen. Vor diesem Hintergrund begann er damit, große Versprechungen zu machen. Auf einer Demonstration, die von Assads Unterstützern organisiert wurde, verkündete zum Beispiel Mohammed Ali al-Halabi, der Bürgermeister von Damaskus (1969 –1971), dass die Zeiten nun vorbei seien, in denen sich die Politik von der Bevölkerung isoliert habe. Von nun an werde die Regierung den Menschen zuhören.
Nach den zahlreichen Revolutionen und Umstürzen in der Region und in Syrien selbst war es nicht absurd anzunehmen, dass auch Assads Tage bald gezählt sein würden. Doch Assad bot seinen Gegnern keine Gelegenheit. Um seine Stellung zu festigen, stützte er sich auf Mitglieder seiner Familie und seines Stammes. So hatte sein Bruder Rifaat das Kommando über Eliteeinheiten inne. Nach dem Coup waren immer wieder Gerüchte zu hören, es gebe Konflikte zwischen Assad und seinem jüngeren Bruder. Schließlich wurde auch behauptet, Rifaat sei bereit für den Umsturz. Doch die Gerüchte bestätigten sich nicht. Assads Position blieb unangefochten.
Als es später doch zum Bruch mit Rifaat kam, fiel dieser in eine Zeit großer Herausforderungen für Assad. In den frühen 1980er Jahren eskalierte der schon lange gärende Konflikt mit der Muslimbruderschaft, der sunnitisch-islamistischen Oppositionspartei. Zudem machte ihm seine Gesundheit zu schaffen. Dass sein Regime, längst eine Diktatur, dennoch nicht ins Wanken geriet, lag auch an der liberalen Wirtschaftspolitik. Investitionen aus dem Ausland flossen reichlich und boten Assads Gefolgsleuten viele Möglichkeiten zur persönlichen Bereicherung.
Neben Assad gelang es niemandem, sich eine eigene Machtbasis aufzubauen, die der Assads hätte gefährlich werden können. Tatsächlich saß er bald so fest im Sattel, dass aus seiner Herrschaft eine Dynastie wurde. Schon in den 1990er Jahren bereitete er seinen Sohn Basil al-Assad darauf vor, ihn zu beerben. Als Basil bei einem Autounfall ums Leben kam, rückte dessen jüngerer Bruder Baschar in die Position des Nachfolgers vor. Schon vor dem Jahr 2000, als Assad starb und sein Sohn die Macht übernahm, war der Name Assad längst mit dem Präsidentenamt verschmolzen.
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