Der beeindruckende Steinkreis in Südwestengland regt seit jeher die Phantasie der Menschen an. Lange dachte man, keltische Druiden hätten hier ihre Zeremonien abgehalten. Obwohl es dafür keine Belege gibt, zieht Stonehenge heute auch Neuheiden und Esoteriker an.
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Der lange Zeitraum, in dem die vorgeschichtlichen Bewohner von Salisbury Plain Stonehenge als Kultstätte nutzten und immer wieder veränderten, ist eine der bemerkenswertesten Eigenheiten des Steinkreises. Gleichwohl ist die wechselvolle Geschichte der mit ihm verbundenen Vorstellungen vom Mittelalter bis zur Neuzeit kaum weniger erstaunlich.
Was genau in den rund zweieinhalb Jahrtausenden zwischen den letzten baulichen Veränderungen in der Bronzezeit und der ersten schriftlichen Erwähnung im 12. Jahrhundert mit dem Denkmal passierte, ist uns weitgehend unbekannt. Man kann nur vermuten, dass die Anlage allmählich verfiel, da die Tragsteine in ihren relativ flachen Gruben kein sicheres Fundament besaßen und die geringen Abstände zwischen ihnen beim Umstürzen eines einzigen Steins einen Domino-Effekt auslösen konnten.
Auch war die Gegend um Stonehenge mit Steinen, die sich für den Häuserbau eigneten, keineswegs reich gesegnet, so dass im Lauf der Jahrhunderte wohl immer wieder umgefallene Steine zerschlagen und anderweitig verbaut wurden. Funde einzelner Keramikscherben aus der Zeit der römischen Besatzung führten zu Spekulationen, römische Legionäre könnten den Steinkreis wegen seiner religiösen Bedeutung für die einheimischen Kelten gezielt beschädigt haben, doch gibt es weder für eine solche Zerstörungsaktion noch überhaupt für eine religiöse Nutzung von Seiten der Kelten triftige Anhaltspunkte.
Verbindung mit mittelalterlichen Mythen und Legenden
Um 1130 erwähnte der Historiker Henry von Huntingdon Stonehenge in der Einleitung zu einer lateinisch geschriebenen Geschichte Englands in einer Aufzählung der bemerkenswertesten Denkmäler des Landes und stellte dabei fest, dass niemand wisse, wer die Anlage erbaute und welchen Zwecken sie einst diente.
Dies ließ der Phantasie freien Raum, und so erzählte nur wenige Jahre später Geoffrey von Monmouth in seiner ebenfalls lateinisch geschriebenen „Geschichte der Könige Britanniens“, einst hätten Riesen den von ihm als „Riesenreigen“ (chorea gigantum) bezeichneten Steinkreis aus dem fernen Afrika auf die damals von ihnen bewohnte Insel Irland gebracht.
Auf Geheiß und mit Hilfe des Zauberers Merlin habe dann im späten 5. Jahrhundert n. Chr. Uther Pendragon, der Bruder des britannischen Königs Aurelius Ambrosius, die Steine in die Ebene von Salisbury gebracht. Dort, so erzählt Geoffrey weiter, stellte Merlin sie erneut auf, und zwar als Mahnmal zum Gedenken an über 400 britannische Edelleute, die im nahegelegenen Amesbury von den Sachsen unter ihrem Anführer Hengist heimtückisch ermordet worden waren. Später sollen dann sowohl Aurelius Ambrosius als auch sein Bruder und Nachfolger Uther Pendragon im Innern des Steinkreises begraben worden sein. Noch im späten 16. Jahrhundert verwendete der Dichter Edmund Spenser (gest. 1599) die Geschichte von Merlin in seinem Versepos „The Faerie Queene“. Historiker hatten sich da längst von Geoffreys Erzählung distanziert.
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Aus dem 14. Jahrhundert stammen die beiden ältesten bildlichen Darstellungen von Stonehenge; eine davon zeigt einen ins Riesenhafte vergrößerten Zauberer Merlin, der unter den erstaunten Blicken zweier sehr viel kleinerer Zeitgenossen einen Deckstein auf zwei Tragsteine legt (siehe Abbildung Seite 20).
Der Architekt Inigo Jones widmet dem Steinkreis 1652 ein Buch
Die ältesten realistischen, nach dem Augenschein gezeichneten Abbildungen des Steinkreises stammen dagegen erst aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das erste Buch über Stonehenge erschien 1652. Es stammt aus der Feder des Architekten Inigo Jones, der die Anlage im Auftrag König Jakobs I. untersuchte und als kaiserzeitlichen Tempel des römischen Gottes Coelus deutete.
Dagegen vertrat sein jüngerer Zeitgenosse Walter Charleton in seinem 1663 veröffentlichten Werk „Chorea Gigantum“ die Ansicht, Stonehenge sei ursprünglich die Krönungsstätte der dänischen Könige Englands gewesen. Der Altertumsforscher Aylett Sammes wiederum gab in seinem 1676 publizierten Buch „Britannia Antiqua Illustrata“ der Überzeugung Ausdruck, die in der Antike als Seefahrer berühmten Phönizier hätten den Steinkreis errichtet.
Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts schloss der Altertumsforscher John Aubrey aus der Ähnlichkeit der Anlage mit anderen Steinkreisen in Wales und Schottland auf einheimische, vorrömische Erbauer. Da griechische und lateinische Schriftsteller relativ ausführlich über die Druiden als eine privilegierte Priesterklasse der vorrömischen Kelten berichten, äußerte Aubrey die Vermutung, die Steinkreise der Britischen Inseln seien – obwohl antike Autoren dies nirgends erwähnen – die Kultstätten jener Druiden gewesen.
Diese Annahme erschien zu seiner Zeit durchaus naheliegend, da Altertumsforscher noch keinerlei Möglichkeiten einer Datierung vorrömischer Bodendenkmäler hatten und die antiken Kelten vom Ursprung der Menschheit im Garten Eden kaum doppelt so weit entfernt schienen wie von der damaligen Gegenwart.
Besonderen Einfluss erlangte in diesem Zusammenhang die Deutung der Anlage durch den Mediziner und Altertumsforscher William Stukeley, der in seiner erstmals 1740 veröffentlichten Gesamtdarstellung „Stonehenge, a Temple Restored to the Druids“ zu beweisen versuchte, dass Stonehenge eine Kultstätte der keltischen Druiden gewesen sei.
Im Unterschied zu Aubrey, der den Druiden überaus kritisch gegenüberstand, sah Stukeley in ihnen die Vertreter eines ursprünglichen Monotheismus und damit Vorläufer der anglikanischen Theologen seiner eigenen Zeit. Großen Zuspruch fand seine Zuschreibung des Steinkreises an die Kelten nicht zuletzt dank der unkritischen Begeisterung für alles tatsächlich oder vermeintlich Keltische, die ausgehend von der „Ossian“-Dichtung James Macphersons im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert weite Kreise der Gesellschaft nicht nur in Großbritannien, sondern in ganz Europa erfasste.
Die Druiden ziehen sich für ihre Rituale in die Wälder zurück
Tatsächlich gibt es für eine rituelle oder kultische Nutzung vorgeschichtlicher Steinsetzungen durch die keltischen Priester keinerlei Belege. Während antike Autoren davon berichten, dass die Druiden ihre Opfer in naturbelassenen heiligen Hainen vollzogen, wissen moderne Archäologen namentlich durch Ausgrabungen im vorrömischen Gallien von Kultstätten, die im Wesentlichen aus hölzernen Einfriedungen bestanden. Auch mittelalterliche irische Literaturwerke, die mitunter vorchristliche Druiden erwähnen, bringen sie nicht mit Steinkreisen in Erwähnung.
Neben William Stukeley spielte auch der walisische Altertumskundler Edward Williams, besser bekannt als Iolo Morganwg, eine wichtige Rolle. 1747 in Glamorganshire geboren, erwarb Williams sich früh eine umfassende Kenntnis der walisischen Sprache und Literatur und machte in London die Bekanntschaft der Gwyneddigion, einer 1770 gegründeten, literarisch und altertumskundlich orientierten gelehrten Gesellschaft patriotischer Waliser.
In seinem Bemühen, die walisische Dichtung als den legitimen Erben druidischer Gelehrsamkeit zu präsentieren, gründete er 1792 ebenfalls in London den Gorsedd Beirdd Ynys Prydain, die „Versammlung der Barden der Insel Britannien“. Dabei handelte es sich um eine Vereinigung walisischer Dichter und Musiker, deren Versammlungen der Gründer mit Hilfe vorgeblich uralter, in Wahrheit jedoch von ihm selbst erfundener Riten Glanz und Weihe verlieh.
Eine wichtige Rolle spielen die von Edward Williams ersonnenen Riten noch heute in der Einrichtung der Nationalen Walisischen Eisteddfod (Eisteddfod Genedlaethol Cymru), einemlandesweiten Kultur-, Literatur- und Musikfestival, das alljährlich in der ersten Augustwoche an wechselnden Orten in Wales stattfindet. Dort umfasst die bereits erwähnte „Versammlung der Barden der Insel Britannien“ – in aufsteigender Rangfolge – die grün gewandeten Ovaten, die blau gewandeten Barden und die weiß gewandeten Druiden.
An der Spitze des Gorsedd steht der Erzdruide (archdderwydd), der für einen Zeitraum von drei Jahren gewählt wird und die mit dem Gorsedd verbundenen Zeremonien leitet. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Kreis aus zwölf aufrecht stehenden Steinen und einem liegenden Stein als Plattform für den Erzdruiden in der Mitte. An vielen Orten in Wales erinnert ein Steinkreis an einst dort abgehaltene eisteddfodau, doch werden seit 2005 dazu bewegliche und wieder verwendbare Replikate aus Kunststein genutzt.
1757 erzählte der englische Dichter Thomas Gray in seiner Ode „The Bard“ die Sage, wie der letzte walisische Dichter die englischen Eroberer verfluchte, bevor er sich von einem Felsen in die Tiefe stürzte. 17 Jahre später nahm der Maler Thomas Jones dieses Gedicht als Vorlage für ein phantasievolles Gemälde (siehe Abbildung Seite 41), auf dem neben dem antikisierenden Gewand des Barden auch der Steinkreis von Stonehenge die vorchristlichen Ursprünge der walisischen Dichtung versinnbildlichen sollte.
Neuheiden und Esoteriker vereinnahmen Stonehenge
Bereits 1781 wurde in London nach dem Vorbild der Freimaurer eine Geheimgesellschaft mit dem Namen Ancient Order of Druids gegründet. Sie bestand bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts und hielt seit 1905 immer wieder Zeremonien in Stonehenge ab. Dies war der Anfang der modernen Nutzung von Stonehenge als neuheidnische Kultstätte.
Eine wichtige Rolle spielte dabei die esoterische Theorie von den sogenannten Ley-Linien, derzufolge die vorgeschichtlichen Menschen von der Wahrnehmung erdmagnetischer Kraftfelder geleitet wurden. In der Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, die durch Zivilisationskritik, Zukunftsangst, Unübersichtlichkeit der Lebenswelt und einer zunehmenden Säkularisierung geprägt war, fanden solche Vorstellungen breiten Zuspruch. Das einmütige Kopfschütteln der Archäologen und Historiker wurde von den Anhängern neuheidnischer Anschauungen ignoriert oder als Ausdruck fachwissenschaftlicher Borniertheit abgetan.
Zur Sommersonnenwende 1974 fand in Stonehenge das erste alternative Free Festival statt, das in den folgenden Jahren immer größere Scharen von Teilnehmern anlockte, bis die Regierung nach gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Festivalbesuchern und der Polizei im Juni 1985 ein Versammlungsverbot verhängte. Von da an waren Zusammenkünfte in Stonehenge zu den beiden Sonnenwenden und den Tagundnachtgleichen untersagt.
Erst zu Beginn des 3. Jahrtausends konnten die Anhänger alternativer Kulte unter Berufung auf den Grundsatz der freien Religionsausübung die Aufhebung dieses Verbots durchsetzen. Vom sonnigen Wetter und dem Zusammenfall der Sommersonnenwende mit einem Wochenende begünstigt, kamen am 21. Juni 2003 erneut rund 30 000 Menschen in Stonehenge zusammen. Seither wird dort alljährlich an den neuheidnischen Festtagen gefeiert, während ansonsten überaus strenge Besuchsregeln gelten.
Betrachtet man Stonehenge unter dem Aspekt seiner Nutzung als Kultstätte, so erscheinen mehrere Aspekte besonders bemerkenswert. Dazu zählt vor allem die außerordentliche und wohl von keinem anderen Ort erreichte Länge der Zeitspanne, in dem dort – wenn auch mit langen Unterbrechungen – religiöse Handlungen nachweisbar sind.
Sie reicht vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis zur Gegenwart oder – wenn man den 1966 entdeckten mesolithischen Pfostenlöchern eine rituelle Bedeutung beimisst – vielleicht sogar vom 8. Jahrtausend v. Chr. bis in unsere Zeit. Besonders erstaunlich ist auch der augenfällige Gegensatz zwischen der räumlichen Kontinuität des Ortes und dem beständigen Wandel vieler aufeinander folgender und mitunter radikal verschiedener religiöser Weltbilder, der sich von den animistischen Vorstellungen der frühen Wildbeuter und der Sonnenverehrung jungsteinzeitlicher Ackerbauern und Viehzüchter über die Religionskritik im Zeitalter der Aufklärung bis hin zum Neuheidentum der Gegenwart erstreckt.
Wer heute in der Umgebung von Stonehenge von seinem Besuch des Steinkreises berichtet, wird von älteren Einheimischen mitunter daran erinnert, wie sehr sich die Zeiten im vergangenen halben Jahrhundert verändert haben. Gerne erzählen sie, wie Kinder damals auf Ausflügen zwischen den Steinen herumtollen durften und viele das für nichts Besonderes hielten. Inzwischen ist das Gelände jedoch weiträumig abgesperrt und wird auch nachts von den Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes überwacht.
Seit 2013 gibt es ein neues Besucherzentrum
Der Steinkreis selbst gehört dem Staat und wird von English Heritage, der Verwaltung staatlicher Denkmäler, betreut. Die weitere Umgebung dagegen gehört dem National Trust, einem gemeinnützigen Verein zur Bewahrung des natürlichen und kulturellen Erbes in England. Von Amesbury aus kann man auf diesem öffentlich zugänglichen Gelände fast bis zum Steinkreis selbst wandern.
Die große Mehrzahl der Besucher erreicht Stonehenge indessen vom Besucherzentrum aus, das ungefähr 2,5 Kilometer westlich des Steinkreises eingerichtet und im Dezember 2013 eröffnet wurde. Dort gibt es ein Museum mit zahlreichen Artefakten und Rekonstruktionen, in dem der gegenwärtige Stand unseres Wissens von Stonehenge und der Kultur seiner Bewohner zusammengefasst ist.
Vom Besucherzentrum aus verkehren die Pendelbusse, mit denen die Besucher zwar nicht ins Innere der Anlage, aber doch zum Ausgangspunkt eines Rundwegs gebracht werden.
Derzeit ist Stonehenge – obschon aus beträchtlicher Distanz – auch von der naheliegenden Schnellstraße aus zu sehen. Dies könnte sich jedoch schon in den nächsten Jahren ändern, wenn ein seit langem geplanter vierspuriger Straßentunnel von über 2,5 Kilometern Länge endgültig genehmigt und gebaut wird.
Die Behörden erhoffen sich davon eine deutliche Verbesserung und Entlastung der Verkehrsführung. Namhafte Forscher befürchten dagegen unumkehrbare Schäden, die sich aus der unvermeidlichen Absenkung des Grundwasserspiegels im Zuge der Bauarbeiten für die gesamte archäologische Hinterlassenschaft – so etwa auch in Blick Mead – ergeben würden.
Interpretierte man Stonehenge im Mittelalter wiederholt als Mahnmal zur Erinnerung an bedeutende Ereignisse der Vergangenheit, so erscheint der Steinkreis heute fast wie eine steingewordene Mahnung eben dieser Vergangenheit selbst, verantwortungsvoll und auch mit Rücksicht auf die Zukunft mit ihr umzugehen.
Autor: Prof. Dr. Bernhard Maier
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