Wir wüßten über Troia heute gar nichts mehr, hätte nicht ein Grieche namens „Hómeros“ im 8. Jahrhundert v.Chr. ein großes episches Gedicht – rund 16000 Verse – geschaffen, dessen Handlung vor und in der Festung Troia spielt: die „Ilias“. Alles, was jemals über Troia erzählt, geschrieben, gedichtet, gesungen, gemalt, in Stein gemeißelt wurde, geht auf sie – und zum Teil auch auf das zweite große Werk Homers: die „Odyssee“ (rund 12000 Verse) – zurück. Bereits die Griechen fragten sich: Wer war Homer? Auf diese Frage kann es keine Antwort des gewohnten Typus geben – geboren dann und dann im Orte soundso, Schule, Studium, Heirat, erste Schreibversuche und so fort. Denn die Zeit, in die Homer in Griechenland hineingeboren wurde, kannte weder Ämter noch Registrationen. Sie konnte es auch nicht, denn das Mittel, Daten zu fixieren, war erst kurz zuvor von den Griechen aus dem Osten, aus Phönizien, übernommen worden: die Schrift. Folglich gibt es keine Dokumente über die Person Homers, und so können wir uns von dem Dichter nur durch die genaue Analyse seines Werks und die Betrachtung seiner Zeit eine Vorstellung machen. Die Griechen waren um 2000 v. Chr. in die südliche Balkanhalbinsel eingewandert und hatten in rund 800 Jahren in dem Gebiet, das sie noch heute innehaben, eine wehrhafte und reiche Kultur aufgebaut. Zu deren Hauptort war im Lauf der Jahrhunderte jene Burg und Stadt geworden, die wir als Griechenland-Touristen heute noch bewundern: Mykene in der Landschaft Argos (heute Argolís) auf der Peloponnes. Nach diesem Zentrum nennen wir die erste Hochkultur der Griechen die mykenische. Es war eine Kultur von unsagbarem Reichtum. Dergleichen weckt Begehrlichkeiten. Um 1200 fiel das hochorganisierte System miteinander kommunizierender Zentralpaläste einem Ansturm von Völkerschaften aus dem Norden zum Opfer. Die Herrschaftsschicht, sofern sie nicht im Abwehrkampf zugrunde ging, ergriff die Flucht, die Paläste gingen in Flammen auf, die politische und wirtschaftliche Organisation brach größtenteils zusammen. Griechenland sank zurück in eine Phase der Zerrissenheit und kulturellen Regression. Sogar die Schrift, die man vor der großen Katastrophe schon besessen hatte, geriet in Vergessenheit. Rund 400 Jahre lang spielten die Griechen auf der Bühne des mediterranen Großkulturraums keine nennenswerte Rolle mehr. Um 800 v.Chr. jedoch begann – durch mancherlei Aktivitäten und Kontakte vorbereitet – ein neuer Aufbruch. Er setzte ein mit der Übernahme einer Reihe von Errungenschaften aus dem Orient. Darunter war die Schrift – nunmehr in einer neuen Form. In einer Handelsfaktorei in der Levante (heute Al Mina, nicht weit entfernt von Antakya, dem antiken Antiocheia) saßen damals phönizische und griechische Kaufleute einträchtig nebeneinander und betrieben unter Aufteilung ihrer Interessensphären einen florierenden Seehandel. Er reichte über Kleinasien, die Inselwelt der Ägäis und Griechenland weit hinüber in den Westen, bis nach Sizilien und Gibraltar. Die Griechen in Al Mina schauten ihren phönizischen Kollegen Technik und System des Schreibens ab. Sie übernahmen die Reihenfolge der Zeichen und deren Namen und verbesserten das Ganze mit scharfem Blick fürs Praktische: Die Phönizier schrieben nur die Konsonanten, die Griechen fügten Zeichen für die fünf Vokale hinzu. Mit dem neugeschaffenen 26-Zeichen-System konnten sie von nun an jedes Wort lautge- treu und damit leicht identifizierbar durch Zeichenfolgen wiedergeben. Damit war die europäische Lautschrift geboren, die wir in der lateinischen Version noch heute nutzen.





