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Stresstest für Gandhis Ideale
Als Hitler 1933 an die Macht kam und die Verfolgung der Juden begann, fragten sich viele Zeitgenossen, ob Gandhis Konzept der Satyagraha auch in Deutschland funktionieren könne. Gandhi sprach den Juden zwar Mut zu, blieb allerdings fokussiert auf die politische Situation in Indien.
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Es geschieht auf Grund der außerordentlich bestürzenden Situation in den europäischen Ländern und in meinem eigenen Land, Deutschland, dass ich es wage, mich persönlich an Sie zu wenden.“ So leitete Dietrich Bonhoeffer im Oktober 1934 seinen Brief an Gandhi ein. Der evangelische Theologe, den die Nazis wenige Tage vor Kriegsende hinrichteten, hatte bereits während seiner Zeit als Vikar in Barcelona 1928 seine Bewunderung für den indischen Freiheitskämpfer ausgedrückt.
Mit Beginn der NS-Diktatur stellte sich für Bonhoeffer die konkrete Frage, ob sich Gandhis Konzept der Satyagraha als Vorbild für den christlichen Widerstand in Deutschland eigne. Ernüchtert durch die zahllosen Christen, die sich mit dem Regime arrangierten, fragte er im August 1934 als Vertreter der Bekennenden Kirche auf einer ökumenischen Konferenz in Dänemark: „Müssen wir uns von den Heiden im Osten beschämen lassen?“
In seinem Brief an Gandhi machte Bonhoeffer deutlich, dass er in Deutschland keine christliche Friedensbewegung entstehen sah, die den zu erwartenden Krieg und den damit verbundenen „geistlichen Tod Europas“ verhindern könne. Daher setzte er alle Hoffnungen auf Gandhis Bewegung: „Ich weiß selbstverständlich, dass Sie kein getaufter Christ sind; doch die Menschen, deren Glauben Jesus pries, gehörten zumeist auch nicht zu der offiziellen Kirche ihrer Zeit.“
Um Gandhis vorbildliches „Eintreten für Frieden und Gewaltlosigkeit, für die Wahrheit und ihre Kraft“ genauer kennenzulernen, bat Bonhoeffer um die vorübergehende Aufnahme in dessen Aschram: „Ich habe kein Vertrauen in kurze Interviews, sondern bin davon überzeugt, dass man miteinander leben sollte, wenn man einander kennenlernen möchte“ (Übersetzung: Wolfgang Huber).
Das Terrorregime der Nationalsozialisten ist nicht mit Großbritannien vergleichbar
Gandhi hatte prompt auf diesen Brief reagiert und Bonhoeffer zu sich eingeladen. Bonhoeffer trat die Reise jedoch nicht an, weil es für ihn dringlicher war, in Finkenwalde bei Stettin Pastoren im Geist der Bekennenden Kirche auszubilden. Der Theologie-Professor Reinhold Niebuhr, bei dem Bonhoeffer in New York studiert hatte, sah im gewaltlosen Widerstand ohnehin kein Vorbild: „Hitlers Glaube und Taten hätten mit den britischen Wegen und Methoden keine Ähnlichkeit. Die Nazis würden nicht wie die Engländer bei der Anwendung von Gewalt Gewissensbisse verspüren, und organisierter passiver Widerstand würde schließlich endgültig scheitern.“
Hielt Gandhi selbst aber tatsächlich Satyagraha für ein Mittel, um gegen den NS-Staat Widerstand zu leisten, gerade auch von Seiten der Juden?
Gandhi äußerte sich erstmals im November 1938 in seinem Wochenmagazin „Harijan“ ausdrücklich zum Nationalsozialismus: Die Ergebnisse der Münchner Konferenz von 1938 seien ein Triumph von Hitlers Gewalt und das reichsweite Pogrom am 9. November ein beispielloser Ausbruch staatlich organisierter Gewalt gegen Juden. Man müsse fürchten, dass der antisemitische Furor in Deutschland zur „Massakrierung der Juden“ führe.
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Verhindern lasse sich dies nur durch Satyagraha, schrieb Gandhi: „Wäre ich als Jude in Deutschland geboren worden und hätte dort meine Arbeit, dann würde ich Deutschland als meine Heimat bezeichnen, so wie es auch der größte nicht-jüdische Deutsche könnte. Ich würde ihn herausfordern, mich zu erschießen oder mich in den Kerker zu werfen. Ich würde nicht erst auf meine Mitjuden warten, damit sie sich meinem gewaltlosen Widerstand anschließen. Ich würde vielmehr darauf vertrauen, dass am Ende der Rest meinem Beispiel folgt … Wenn sie jemand mit Mut und Weitblick in gewaltlosen Aktionen anzuführen vermag, dann bin ich davon überzeugt, dass durch die Standhaftigkeit unbewaffneter Männer und Frauen aus einer entwürdigenden Menschenjagd ein Sieg der deutschen Juden über die deutschen Nicht-Juden erfolgen würde – und zwar in dem Sinn, dass diese zur Wertschätzung der menschlichen Würde bekehrt würden.“
Gandhi sind diese Äußerungen immer wieder als Ausdruck seiner Naivität und Ignoranz gegenüber der Gewaltpolitik des NS-Staates vorgehalten worden. Als naiv erscheinen die Äußerungen aber vor allem, weil sie zumeist ohne den Rest des entsprechenden „Harijan“-Artikels zitiert werden. Es waren eben keine zeitlosen Weisheiten über die stets zu bevorzugende Gewaltlosigkeit, die Gandhi in seinem Artikel kundtat. Vielmehr äußerte er seine Ansichten über die Judenverfolgung in Deutschland neben seinen Bemerkungen über die arabisch-jüdischen Konflikte in Palästina zur selben Zeit. Wenn er den deutschen Juden Satyagraha empfahl, dann war das die Konsequenz der für ihn eigentlich zentralen Botschaft seines Artikels: Die furchtbare Situation der Juden in Deutschland, so etwa lautete diese, sei noch lange kein Grund für eine Auswanderung nach Palästina.
Die Botschaft richtet sich eigentlich an die indischen Muslime
Denn, so fährt er fort, „Palästina gehört den Arabern in demselben Sinn, wie England den Engländern oder Frankreich den Franzosen gehört. Es ist falsch und unmenschlich, die Juden den Arabern aufzuzwingen. Was sich heute in Palästina abspielt, lässt sich durch keine Moral der Welt rechtfertigen … Es wäre ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die stolzen Araber zu unterdrücken, um den Juden Palästina teilweise oder ganz als ihre nationale Heimat zurückzugeben.“
Gandhi blickte also alles andere als naiv auf die Lage der deutschen Juden. Er hege, schrieb er weiter, große Sympathien für sie, kenne Juden seit seiner Zeit in Südafrika und sei mit einigen eng befreundet. Von ihnen wisse er auch von den Verfolgungen, denen sie schon lange ausgesetzt seien. Im Grunde seien die Juden doch die „Unberührbaren des Christentums“: „Die Parallele zwischen ihrer Behandlung durch die Christen und der Behandlung der Unberührbaren durch die Hindus ist sehr eng. In beiden Fällen wurde die unmenschliche Behandlung mit religiösen Argumenten gerechtfertigt“.
Aber solche Sympathien machten ihn nicht blind für die Gerechtigkeit. Das Streben der Juden nach einem eigenen Staat könne er nicht gutheißen. Würden denn alle Juden der Welt in einen solchen Staat emigrieren und ihre alte Heimat aufgeben – „oder wollen sie zwei Heimaten, in denen sie sich nach Belieben aufhalten können“?
Diese im Angesicht der manifesten Verfolgungen von Juden in Deutschland eigentlich zweitrangigen Überlegungen machen deutlich, dass Gandhi bei seinen umstrittenen Äußerungen zu den Juden über Bande spielte. Wenn er darauf beharrte, dass Juden eine religiöse und keine nationale Gemeinschaft bildeten, dass sie keinen eigenen Staat brauchten, sondern auf einer „gerechte Behandlung“ bestehen sollten, „wo immer sie geboren und aufgewachsen sind“, dann sprach er damit vor allem die indischen Muslime an, die sich wiederum mit den aufständischen Arabern in Palästina solidarisiert hatten.
Mit Blick auf die Anteilnahme seiner muslimischen Landsleute relativierte Gandhi sogar gewaltsame Übergriffe der Araber auf jüdische Siedler und kritisierte diese vielmehr dafür, ihre Präsenz in Palästina auf britische Bajonette zu gründen. Und noch eines wollte Gandhi am Beispiel der Juden klarstellen: Wenn religiöse Gruppen keine Nationen bildeten, dann konnten auch in Indien Hindus und Muslime in einem Staat zusammenleben und gemeinsam für dessen Unabhängigkeit kämpfen. Bei seinen Ausführungen über die Lage der Juden in Europa hatte Gandhi also vor allem den indischen Unabhängigkeitskampf im Sinn, den Hindus und Muslime gemeinsam führen sollten.
Auch seine weiteren Aussagen zu Deutschland waren doppelbödig: Kein Tyrann in der Geschichte sei, so räumte er ein, so wahnsinnig wie Hitler, kein Land auf so fanatische Weise unmenschlich. Wenn es jemals einen gerechten Krieg geben könne, dann wohl gegen Deutschland. Doch schon im nächsten Satz relativiert er diese Feststellung: „Aber ich glaube nicht an Kriege. Daher werde ich auch nicht weiter darüber diskutieren.“ Nur eines sei sicher: Man könne mit Deutschland, dem Todfeind von Gerechtigkeit und Demokratie, keine Abkommen schließen. Trotzdem habe Großbritannien genau dies in München getan.
Kurzum: Der Artikel über die Juden enthielt im Wesentlichen innenpolitische Botschaften. Die Anspielungen auf das Münchner Abkommen sollten die Briten als Heuchler aussehen lassen und der Rest des Artikels die indischen Muslime aus strategischen Gründen in ihrer Solidarität mit den Arabern in Palästina bestärken. Gandhi wusste genau, dass die Unterdrückungsregime der Briten in Indien und der Nazis in Deutschland grundverschieden waren.
Ein „jüdischer Gandhi“ würde umgehend exekutiert werden
Auf empörte Zuschriften, unter anderem von Martin Buber, bemerkte er im Mai 1939, dass ein „jüdischer Gandhi“ in Deutschland selbstverständlich nach fünf Minuten auf der Guillotine landen würde. Aber seine angebliche Sympathie für die Juden, die er noch im November 1938 bekundet hatte, war in Enttäuschung umgeschlagen, wie sich einem „Harijan“-Artikel aus dem Februar 1939 entnehmen lässt: „Die Juden sind keine Engel. Ich wollte damit sagen, dass sie nicht in dem von mir gemeinten Sinn gewaltlos waren. Ihre Gewaltlosigkeit hatte und hat keine Liebe in sich. Sie ist passiv. Sie leisten keinen Widerstand, weil sie wissen, dass sie sich nicht mit Erfolg widersetzen können.“
Es sei nicht auszuschließen, dass die deutschen Juden auf die Hilfe von Frankreich, England und Amerika hofften, was aber Krieg bedeute. Allen Ernstes schrieb Gandhi: „Ich habe zufällig einen jüdischen Freund, der bei mir wohnt. Er glaubt prinzipiell an die Gewaltlosigkeit. Aber er sagt, er könne trotzdem nicht für Hitler beten. Er ist so voller Wut über die deutschen Greueltaten, dass er nicht zurückhaltend über sie sprechen kann. Ich streite mich nicht mit ihm über seine Wut. Er will gewaltlos sein, aber das Leid der jüdischen Mitbürger ist für ihn nicht zu ertragen. Was für ihn gilt, gilt auch für Tausende von Juden, die nicht einmal daran denken, ,den Feind zu lieben‘. Für sie wie für Millionen gilt: ,Rache ist süß, Vergebung ist göttlich.‘“
Den Feind zu lieben – von den Arabern oder von den angegriffenen Polen verlangte Gandhi dies nicht. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und in Kenntnis des Holocaust blieb Gandhi bei seiner Auffassung: Viele hätten gerettet werden können, wenn sich die Juden bereitwillig ihren Schlächtern gestellt oder wenn sie sich von Klippen gestürzt hätten. Dieses Opfer hätte die Deutschen und die Welt geweckt, meinte er: „So aber sind sie millionenfach zu Tode gekommen.“
Zum laufenden Krieg und den Folgen für die Unabhängigkeitsbewegung äußerte sich Gandhi unter anderem 1942. Mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Dezember 1941 stationierten diese auch Truppen in Britisch-Indien, um eine mögliche Invasion der Japaner abzuwehren. Mit den US-amerikanischen Soldaten kam auch der jüdische Journalist Louis Fischer.
Im Sommer 1942 gelang es Fischer, sich mit Gandhi für ein ausführliches Interview zu verabreden. Wie viele andere Besucher zuvor wurde Fischer für eine Woche in Gandhis Aschram eingeladen. Tatsächlich führte der jüdisch-amerikanische Journalist nicht nur ein Gespräch mit Gandhi und dem ebenfalls anwesenden Jawaharlal Nehru, sondern versuchte beide davon zu überzeugen, die Anti-Hitler-Koalition durch eine Unterbrechung ihres Unabhängigkeitskampfes zu unterstützen. Vom Ausgang dieses Kriegs hinge die Freiheit der ganzen Welt ab, also auch die Indiens. Bei einem Sieg der Achsenmächte versinke die Welt in Dunkelheit.
Die Unabhängigkeit Indiens hat für Gandhi absoluten Vorrang
Gandhi ließ sich von diesem Argument jedoch nicht beeindrucken. Wenn man den Briten jetzt helfe, den Krieg zu gewinnen, dann stütze man damit nur ihre fortgesetzte Beherrschung Indiens. Doch „wie können wir für die Demokratie in Japan, Deutschland und Italien kämpfen, wenn Indien nicht demokratisch ist? … Sklaven kämpfen nicht für die Freiheit der Welt“.
Es sei daher unsinnig, den Kampf für die Unabhängigkeit in die Nachkriegszeit zu verschieben. Sie müsse jetzt durchgesetzt werden, dann würde ein freies Indien die Alliierten mit ganzer Kraft unterstützen. Fischer ließ sich von Gandhi überzeugen und übermittelte dessen Position auch an US-Präsident Franklin D. Roosevelt (1933–1945).
Bereits im März 1942 hatte Gandhi der von Richard Stafford Cripps, Mitglied des britischen Kriegskabinetts, vorgetragenen Bitte um Kooperation und Unterstützung eine Absage erteilt. Mohammed Ali Jinnah, Anführer der Muslimliga, zeigte sich hingegen kompromissbereiter, nachdem Cripps einen eigenen Staat für die indischen Muslime nicht ausgeschlossen hatte. Gandhi hielt dagegen am 8. August 1942 in Bombay eine Rede, die durch die Aufforderung an die Briten „quit India“ („verlasst Indien“) bekannt wurde: Der entscheidende Schritt zur Unabhängigkeit solle jetzt erfolgen, wo die Briten im Krieg gebunden seien. Zwar dürfe auch dieser Kampf nur durch gewaltlosen Ungehorsam ausgetragen werden, aber mit der eigenen Bereitschaft zum Opfer: „Tut es oder sterbt.“
Einen Tag nach der Rede wurde Gandhi erneut verhaftet. Im Mai 1944 ließen ihn die Briten frei, da man vermeiden wollte, dass der 75-jährige und durch Krankheiten geschwächte Volksheld im Gefängnis starb.
Gandhi kehrte allerdings nicht nur in die Freiheit, sondern auch in eine veränderte politische Lage zurück: Die Muslimliga gab in der Unabhängigkeitsbewegung mittlerweile den Ton an. Gandhi konnte Mohammed Ali Jinnah von seinem Plan, ein eigenes, „reines“ Land der Muslime (wörtlich in Urdu, der Sprache der indischen Muslime: Pakistan) zu schaffen, nicht mehr abbringen. Jinnahs Aufruf an die Briten lautete: „Teilt und verlasst dann Indien!“ Die hindu-muslimische Union, für die Gandhi jahrzehntelang gekämpft hatte – auch mit seinem Artikel zum Thema Juden vom November 1938 – hatte keine Zukunft mehr.
Seit 1946 setzte Jinnah auf den Druck öffentlicher Proteste der Muslime, was im August in Kalkutta zu mörderischen Auseinandersetzungen mit Hindus führte; 4000 Menschen starben. Von der bengalischen Metropole breitete sich eine Welle hasserfüllter Gewalt zwischen Muslimen sowie Hindus und Sikhs in zahlreichen nordindischen Städten aus.
Zuvor hatten Inder innerhalb der britischen Streitkräfte gemeutert, was den Labour-Premierminister Clement Attlee (1945–1951), der die indische Unabhängigkeit seit langem befürwortet hatte, dazu veranlasste, die gesetzliche Grundlage für eine Loslösung Indiens zu schaffen. Lord Louis Mountbatten, 1947 der letzte britische Vizekönig von Indien, hatte an diesem Gesetz mitgewirkt und sollte es nun in die Tat umsetzen. Für ihn war die Teilung der riesigen Kolonie entlang religiöser Linien in Nord- und Ostindien (Punjab und Bengalen) bereits ausgemachte Sache.
Im Juni 1947 verständigte sich Nehru mit Jinnah und Führern der Sikhs auf die vom britischen Juristen Cyril John Radcliffe vorgeschlagenen Demarkationen. Gandhi konnte bei alldem nur ohnmächtig zuschauen. Am 14. und 15. August entließ Mountbatten die beiden Teile der Kolonie als zwei neue Staaten in die Unabhängigkeit.
Teilung führt zu einer der größten Fluchtbewegungen der Geschichte
Schon das Bekanntwerden des Radcliffe-Plans hatte in vielen religiös gemischten Ortschaften für Gewaltausbrüche gesorgt. Die Monate nach der Teilung waren durch chaotische Fluchtbewegungen geprägt. In der nunmehr geteilten Provinz Punjab, die auch die Region Kaschmir umfasste, flohen rund sechs Millionen Muslime in den pakistanischen Westteil und fünf Millionen Hindus und Sikhs von dort in den indischen Ostteil. Im ehemaligen Bengalen waren insgesamt mehr als drei Millionen Menschen auf der Flucht ins indische Westbengalen und nach Ostpakistan, aus dem 1971 Bangladesch hervorging (siehe DAMALS 2-2022).
Aus Delhi, einst die Residenz der muslimischen Mogulherrscher, wurden in den folgenden Jahren bis zu 300 000 Muslime vertrieben, Tausende kamen dabei ums Leben. Insgesamt wurden mindestens 15 Millionen Menschen durch die Teilung vertrieben. Konservative Schätzungen gehen von 200 000 Todesopfern aus, andere kommen auf zwei Millionen Tote.
Gandhi hatte den Unabhängigkeitstag fastend und spinnend verbracht. Sein Ruf nach Gewaltlosigkeit verhallte. Am Nachmittag des 30. Januar 1948 wurde Gandhi im Garten seiner Unterkunft in Neu-Delhi von einem Hindu-Nationalisten mit drei Schüssen getötet. Der 1949 hingerichtete Attentäter Godse nannte Gandhis Naivität gegenüber den Muslimen, die den Hindus unermessliches Leid zugefügt hätten, als Grund für seine Tat.
Gandhis Tod wurde weltweit bedauert. Fünf Millionen Menschen begleiteten seine Kremierung in Delhi. Nehru, Gandhis Weggefährte und erster Premierminister Indiens, wurde durch das Attentat in seiner Autorität gestärkt und nutzte diese zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung. Auch die in Indien verbliebenen Muslime trauerten aufrichtig um Gandhi. Für Nehru was dies ein Anlass, den Forderungen, Indien zu einem Hindu-Staat zu erklären, eine Absage zu erteilen.
Autor: PROF. DR. ANDRÉ KRISCHER
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