Im Jahr 1412 bekam ein durchaus begütertes Bauernpaar aus dem lothringischen Domrémy sein viertes Kind, das sie Jeanette nannten – die Verniedlichung des französischen Namens Jeanne. Das Mädchen wurde in eine dramatische Zeit hineingeboren. Sie erinnerte sich später, dass die Jungs aus Domrémy sich mit denen aus dem nur zwei Kilometer entfernten Nachbarort Maxey geprügelt hätten und voller Wunden zurückgekommen seien – weil man in Maxey „burgundisch“ sei, in Domrémy aber „armagnakisch“. Es habe in Domrémy überhaupt nur einen „Burgunder“ gegeben, so Jeanne, den sie am liebsten geköpft sehen wollte.
Jeanne formulierte diese Worte aus der Rückschau des Jahres 1431, als sie gefangen genommen und in Rouen vor ein Inquisitionsgericht gestellt worden war. Die Erinnerungen an ihre Kindheit waren da selbstverständlich durch ihre späteren Erlebnisse im Krieg geprägt – es ist also fraglich, ob Jeanne als junges Mädchen tatsächlich einem Dorfbewohner den Tod gewünscht hatte. Ihre Erinnerungen machen jedoch deutlich, dass sich selbst die einfache Bevölkerung im entlegenen Lothringen kaum der ideologischen Politisierung durch den Bürgerkrieg zwischen den sogenannten Armagnacs sowie den Burgundern entziehen konnte oder wollte. Tatsächlich wuchs Jeanne d’Arc in einer Zeit auf, in der Frankreich im politischen und militärischen Chaos versank. Eine Vielzahl von Krisen zehrte das Land aus: Krieg, Invasion und Besatzung, Bürgerkrieg und Fürstenmorde.





