Kunst: Säulen der Herrschaft wie „Legitimation“ und „Dynastie“ haben ebenso ihren Platz in Andreaes Panoptikum Römische Kunst wie „Frauen“ und ihre Frisuren; Krieg ebenso wie Religion; NaMit seiner 2011 gestarteten Reihe „Römische Kunst“ hat der tur ebenso wie der „Markt“. Die Verbindungslinien zwijetzt zur Wissenschaftlichen schen den Essays wirken auf Buchgesellschaft gehörende Verlag Philipp von Zabern eines den ersten Blick assoziativ, erst der ambitioniertesten Projekte bei vollständiger Lektüre entseiner langen Firmengeschich- steht ein Gesamteindruck von römisch-kaiserzeitlicher Kunst, te in Angriff genommen. Der erste Band der Reihe, eine Ge- deren Begriff allerdings deutschichte der frühen römischen lich enger gefasst ist als bei Coarelli. Stand für den ArchäoKunst aus der Feder Filippo Coarellis, hat die visuelle Kultur logen aus Perugia die historider ersten Jahrhunderte römi- sche Dimension materieller Kultur im Mittelpunkt, so ist scher Geschichte behutsam in die historischen Entwicklungs- Andreaes Darstellung eher konventionell-kunstgeschichtlinien der republikanischen lich orientiert. Das muss kein Gesellschaft eingebettet. So Nachteil sein, im Gegenteil: entstand ein facettenreiches So erfährt das Publikum eine Gesamtbild, in dem sich die Menge an Nützlichem über Entwicklung römischer Kunst eng mit der Genese der Nobili- die Arbeitstechniken antiker tät verzahnte, jener Führungs- Künstler. Andreae diskutiert etwa am Beispiel des „Papyrus schicht, die jahrhundertelang Artemidoros“ die Bedeutung so gekonnt den Spagat zwivon Musterbüchern für das schen Wettbewerbsethik und Schaffen römischer Meister – aristokratischer Solidarität freilich unterlässt er es, auf die meisterte. hitzige Debatte um die EchtWährend von dieser frühen heit des Dokuments einzugeEpoche nur vergleichsweise wenige Zeugnisse die Jahrtau- hen. Instruktiv lesen sich inssende überdauert haben, ist das künstlerische Schaffen der besondere die Ausführungen römischen Kaiserzeit – der Ge- über römisches Originialitätsgenstand des jetzt von Bernard empfinden und das komplexe Andreae vorgelegten Bandes – Spannungsfeld zwischen „Eigenständigkeit“ und „Kopie“, ausgesprochen gut dokumenin dem römische Künstler tiert. Andreae hat sich für einen Zugriff auf das Material fortwährend operierten. „Die Künstler treten hinter ihrem entschieden, der radikal von Auftrag zurück“ – in diesem Coarellis historisch-analytizentralen Satz Andreaes bünschem Ansatz abweicht: In 48 delt sich, aus moderner Sicht, thematischen Essays führt er die ganze Fremdartigkeit anseine Leser an ausgewählte Aspekte der Kaiserzeit und ih- tiker Kunst, die Anlass zu so vielen Missverständnissen gerer materiellen Kultur heran. geben hat. Die Themen sind so vielfältig Auf ganz andere Weise als wie die Sujets kaiserzeitlicher Coarelli, aber intellektuell nicht weniger tiefgründig, hat Andreae mit seiner exzellent illustrierten Geschichte der kaiserzeitlichen Kunst ein Kompendium vorgelegt, das auf lange Jahre Maßstäbe setzen wird.
Bernard Andreae, Römische Kunst. Von Augustus bis Constantin. Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz 2012, 316 Seiten, € 79,–.





