Dass mit Alexander Demandt einer der erfahrensten Althistoriker schreibt, dessen facettenreiche Publikationen weit über das Fach hinaus wirken, weckt die Vorfreude auf einen hochindividuellen Zugang. Sie wird erfüllt: Entstanden ist ein Buch mit jeder Menge Selbstbewusstsein, das quer durch seine zehn Hauptkapitel einen zügigen Exkursionsschritt beibehält.
Die kleinteilige, handbuchartige Gliederung, die Fülle der Endnoten und der lapidare Stil, garniert mit diversen Spitzen, setzen Signale der Autorität. Demandt ist kein Freund des Worts „vielleicht“: Laufende Debatten etwa über kaiserliche Selbstdarstellung oder politische Gesamtstrategien werden wie uninteressant vor dem Publikum ausgeblendet; einige große Probleme treten nur auf, um ein für allemal als beseitigt erklärt zu werden.
Glänzen sollen vielmehr die „Zimelien“, Prunkstücke wie die Analyse der Reiterstatue auf dem Kapitol oder Überlieferungsepisoden, die sich dankbar erzählen und bestaunen lassen – und sie glänzen wirklich. Für Überraschungen ist auch sonst stets gesorgt: Mal zwingen Anekdoten und Exkurse zu geistigen Spurwechseln, dann wieder stellt Demandt in bewusster Imitation der großen Standardwerke des späten 19. Jahrhunderts konkurrenzlos dichte Quellenensembles zur Bau- oder Rechtspolitik des Kaisers zusammen. Auch die unbekümmerte Striktheit der Wertungen orientiert sich an einer anderen Zeit.
Das hat seinen Preis: Bei Spezialfragen etwa zu Münzen oder Familienstrukturen wird die Auflösung grobkörnig, sind manche Urteile keineswegs in Stein gemeißelt. Es hat aber seinen ganz eigenen Wert, sich der fachlich-souveränen Willkür anzuvertrauen, mit der eine veritable Historikerpersönlichkeit wie Alexander Demandt an hundert Einzelstellen Funken aus dem Thema schlägt – die Achterbahnfahrt wird vielfältig mit neuen Gedanken belohnt.
Rezension: Dr. Jörg Fündling
Alexander Demandt
Marc Aurel
Der Kaiser und seine Welt. Verlag
C. H. Beck, München 2018, 592 Seiten, € 38,–





