Vor allem in den ersten zwei Jahrzehnten auf dem Thron griff Wilhelm II. – gemäß seinem Selbstverständnis vom Gottesgnadentum – häufig ins politische Tagesgeschehen ein. Seine unschlüssige Politik, seine hochfahrend-widersprüchliche Kommunikation und seine Unfähigkeit, aus Fehlern zu lernen, beschädigten schon früh die Hohenzollern-Monarchie.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Reisen und reden: Auf diese beiden Tätigkeiten lässt sich die Regierung Kaiser Wilhelms II. reduzieren. Allein das Jahr 1894 verzeichnete 200 offizielle Reisetage des Monarchen. Bis zum Kriegsausbruch 1914 hielt der Hohenzoller rund 600 öffentliche Reden, also beinahe alle 14 Tage eine neue Rede, die nicht-öffentlichen Ansprachen gar nicht mitgezählt. Das Tempo, von vielen Zeitgenossen als Hast, Ruhelosigkeit und politische Unstetigkeit getadelt, charakterisiert die Herrschaft Wilhelms II.
Dabei hätte ständiges Reisen und Reden durchaus Gutes bewirken können: Wenn dieser moderne Monarch wie ein mittelalterlicher Herrscher überall Kontakt zu seinen Untertanen gesucht und gefunden hätte, wenn er verständige Ansprachen gehalten hätte, die im Inneren des durch krasse Klassenunterschiede gespaltenen Landes für Ausgleich und nach außen für Ruhe und Stabilität in den internationalen Beziehungen gesorgt hätten. Meist erreichte der Kaiser jedoch das Gegenteil.
Wenn er auf seine Untertanen traf, kamen selten Dialoge zustande. Wilhelm II. monologisierte lieber, ertrug Widerworte nur schlecht und benötigte das Volk, speziell die bei solchen Gelegenheiten schulfrei erhaltende Jugend, nur als Staffage, um sich an ihrem befohlenen „Hurra“-Schreien wie an einem Aufputschmittel zu berauschen. Einen Großteil seiner Tage verbrachte er in einer Blase, abgeschirmt von seiner hochadligen Entourage: auf exklusiven Jagden, in seinem Sommerpalast auf Korfu, auf „Nordlandreise“ an Bord seiner Luxusjacht „Hohenzollern“ oder auf „Pilgerfahrten“ im Heiligen Land, weit entrückt von den Sorgen und Nöten der normalen Deutschen jener Jahre.
Außenpolitik nach Bismarck führt in die internationale Isolierung
Selbst innerhalb der Herrschaftseliten herrschte nach der Thronbesteigung Wilhelms II. 1888 eine neue, eigenartige Atmosphäre, die bald als „Neo-Byzantinismus“ bezeichnet wurde. Schmeicheleien, anhimmelnde Blicke, tiefe Verbeugungen und permanente Liebedienerei waren an der Tagesordnung beim Dienst für den „Allerhöchsten Herrn“. Von den Reichskanzlern, von den Würdenträgern Deutschlands, insbesondere von seinen preußischen Generälen, nahm der Monarch gerne Handküsse entgegen.
„Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich Euch noch entgegen. … Mein Kurs ist der richtige, und er wird weiter gesteuert.“ Solch oft wenig authentisch, sondern aufgesetzt wirkende Schneidigkeit war typisch für Wilhelm II. und seine öffentlichen Verlautbarungen. Briten, Russen und Amerikaner wurden vom Kaiser immer wieder rhetorisch vor den Kopf gestoßen. Womit sie noch gut bedient waren, denn selbst illustre Staatsgäste, russische Großfürsten wie Schahs von Persien, mussten damit rechnen, von Wilhelm II. „neckische“ Schläge ins Kreuz oder auf den Hintern zu erhalten. Langfristig fatal war, dass des Kaisers lautstarkes Auftrumpfen bei vielen öffentlichen Auftritten in den Nachbarländern für echte Kriegslust gehalten wurde, obwohl darin oft genug Nervosität über die Lage des Deutschen Reiches zum Ausdruck kam ebenso wie die Furcht, die Festigkeit der Monarchie als Staats- und Gesellschaftsform könnte bedroht sein. Von den vielen Nervenzusammenbrüchen Wilhelms II. erfuhr die Öffentlichkeit nichts.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Schwäbische Alb: 40.000 Jahre alte Vogelfiguren entdeckt
30. Juli 2026
Archäologen haben in der Hohle-Fels-Höhle zwei kleine, aber filigran ausgearbeitete Vogelfiguren aus Mammutelfenbein entdeckt. SIe sind rund 40.000 Jahre alt.
Geschichte & Archäologie
Fußspuren zeigen: Paranthropus war größer als gedacht
28. Juli 2026
Bisher galt der Vormensch Paranthropus boisei als ein kleinerer, primitiverer Zeitgenosse des Homo erectus. Doch in Kenia entdeckte Fußspuren widerlegen dies.
Neben einer latenten Beunruhigung über ein derartig sprunghaftes Reichsoberhaupt trugen offenkundige politische Fehlentscheidungen zum Verfall der preußisch-deutschen Monarchie nach innen und außen bei. Bismarcks Sturz 1890 führte sofort zur Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland. Der „neue Kurs“ des Kaisers war das komplizierte Bündnissystem Bismarcks leid und beschwor die Vorzüge einer „Politik der freien Hand“. Selbst Bündnisangebote Großbritanniens lehnte man mehrfach unwirsch ab.
Aussöhnung mit Frankreich bleibt ein unerfüllter Wunsch
Unter der außenpolitischen Anleitung des Geheimrats Friedrich von Holstein und gestützt auf das politische Krisenmanagement seines besten Freundes Philipp Graf (seit 1900 Fürst) zu Eulenburg, glaubte Wilhelm II., Deutschland könne ohne allzu feste Bindungen, von Österreich-Ungarn abgesehen, zur Weltmacht aufsteigen. Dabei wollte er die etablierten Großmächte gegeneinander ausspielen.
Wie sich spätestens mit der britisch-französischen „Entente cordiale“ des Jahres 1904 zeigte, erreichte diese Schaukelpolitik das genaue Gegenteil. Zunächst hatte die nach-bismarckische Politik das zaristische Russland in die Arme des republikanischen Frankreich getrieben, dann führte sie durch den größenwahnsinnigen Aufbau einer Schlachtflotte die ewigen Kolonialkonkurrenten Frankreich und Großbritannien zueinander. Die „Einkreisung“ des Deutschen Reiches wurde sogar von verbitterten Alldeutschen und chauvinistischen Imperialisten als selbstverursachte „Auskreisung“ empfunden; ein „großer Krieg“ erschien vielen Wilhelminern seit 1909 als einzig möglicher Befreiungsschlag gegen eine so empfundene „Welt von Feinden“.
Auffällig ist eine Konstante in der Politik Kaiser Wilhelms II., der er jedoch gegen heftige Widerstände in den Herrschaftseliten wie auch im deutschen Volk kaum zur Geltung verhelfen konnte: die Idee einer Aussöhnung mit Frankreich. Hierfür wäre er trotz aller Schlachtdenkmäler-Einweihungen und Lobpreisungen kriegerischer „Heldentaten“ von Vater und Großvater zu erheblichen Zugeständnissen bereit gewesen. Während seine Schmähungen Großbritanniens Legion sind – dabei war er halber Engländer und selbsterklärter Lieblingsenkel von Queen Victoria –, findet sich kaum jemals ein böses Wort gegen die Franzosen als Volk. Nur die Republik und ihr Politikertypus blieben ihm suspekt. Ein Staatsbesuch in Paris, eine Aussöhnung mit dem westlichen Nachbarn, das blieb das unerfüllte politische Ziel Wilhelms II. und seines Favoriten Eulenburg. Dafür zogen sie sogar eine Rückgabe Elsass-Lothringens in Betracht, ein geheimer Plan, der 1906 zum Auslöser des „Eulenburg-Skandals“ wurde.
Die „Hunnenrede“ – ein krasses Beispiel verfehlter Kommunikation
Seine Frankreichliebe blieb in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, seine Sympathien für das zaristische Russland teilte Wilhelm II. mit den Hochkonservativen und Reaktionären in den preußischen Herrschaftseliten. Was heute unter dem Rubrum „Russlandversteher“ firmiert, hat hier seinen Ursprung. Die Selbstherrschaft des Zaren, sein Gottesgnadentum, eine – scheinbar – intakte Ständegesellschaft übten magische Anziehungskraft auf diejenigen Junker und Hochadligen aus, die mit den Transformationsprozessen der Moderne, der Entwicklung Deutschlands zur industriellen Massengesellschaft, mit Urbanisierung und Demokratisierung haderten.
Die Russlandliebe Wilhelms II. führte auch zu einer der bizarrsten Szenen seiner Privat-Außenpolitik, dem „Vertrag“ von Björkö (russisch: Primorsk, Stadt westlich von Petersburg) im Juli 1905: Ohne Abstimmung mit ihren politischen Ratgebern unterzeichneten Kaiser und Zar eine Beistandserklärung, die in ihren Ländern wegen massiver Widerstände nie ratifiziert wurde.
Die mit Blick auf die langfristigen Wirkungen vielleicht verhängnisvollste Rede hielt Wilhelm II. am 27. Juli 1900 in Wilhelmshaven anlässlich der Verabschiedung des deutschen Expeditionskorps’ zur Niederschlagung des „Boxer“-Aufstandes in China: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Die Ansprache firmierte im In- und Ausland schnell als „Hunnenrede“.
Dabei war diese martialische Weltanschauung, der von Wilhelm II. beschworene „Endkampf“ zwischen der „abendländischen Kultur und der orientalischen Halbkultur“, der überall für Verwunderung und Entsetzen sorgte, völlig überflüssig. Der spätere Generalstabschef Helmuth von Moltke (der Jüngere) kommentierte es mit den trockenen Worten: „Wenn wir ganz ehrlich sein wollen, so ist es Geldgier, die uns bewogen hat, den großen chinesischen Kuchen anzuschneiden. Wir wollen Geld verdienen, Bahnen bauen, Bergwerke in Betrieb setzen … Darin sind wir keinen Deut besser als die Engländer in Transvaal [in Südafrika].“
Trotz des damals auch in Großbritannien sehr verbreiteten „Jingoismus“ (überheblicher Nationalismus britischer Prägung) wurde dieses Schlüsseldokument des imperialistischen Chauvinismus noch Jahre später im Ersten Weltkrieg von der alliierten Propaganda weidlich ausgeschlachtet, die Deutschen in Tausenden Karikaturen und Schmähschriften als „Hunnen“ gebrandmarkt und Wilhelm II. als „Attila“ verhöhnt. Solchen modernen Barbaren, so die Logik der britisch-französischen Kriegspropaganda, seien alle möglichen Kriegsverbrechen zuzutrauen, selbst das Abhacken von Baby-Händen im besetzten Belgien. Die Episode ist überdies typisch für die Konfusion, die Wilhelm II. nach innen und außen anrichtete, denn eigentlich sah er die „gelbe Gefahr“ für Europa weniger in China als im „Preußen Asiens“, in Japan, heraufziehen.
„Gottesgnadentum“ und die Angst vor den eigenen Untertanen
Als formelles Oberhaupt der preußisch-unierten Kirche liebte es der Kaiser auch, Kanzeln zu erklimmen und seine politischen Reden in die Form von Predigten zu kleiden. Wenig christlich, hegte Wilhelm II. allerdings ein gewaltiges Misstrauen gegenüber seinen Nächsten, seinen Untertanen, ja oftmals kamen Verachtung und Hass zum Vorschein.
Als beim Streik der Berliner Trambahner 1900 Unruhen ausbrachen, telegraphierte der Monarch dem Generalkommando: „Ich erwarte, dass beim Einschreiten der Truppe mindestens 500 Leute zur Strecke gebracht werden.“ Als ob es um einige der zahllosen Tiere ging, die Wilhelm II. im Lauf seines Jägerlebens abknallte, anders kann man die arrangierten Jagdspektakel nicht nennen, wollte er immer wieder gerne das Blut „seiner“ Berliner sehen. Ihren Aufruhr in der Revolution von 1848/49 gegen seine Dynastie verzieh der 1859 geborene Hohenzoller ihnen nie.
Selbst kaisertreue Untertanen irritierte der Monarch immer wieder mit einer bizarren Mischung aus Rückwärtsgewandtheit und Zukunftsoptimismus. Germanenkult, Mittelalterromantik und Hohenzollern-Verklärung kollidierten regelmäßig mit „Weltpolitik“, Imperialismus und Kolonialismus, Befürwortung der Industrialisierung und Bewunderung der neuesten Massenvernichtungswaffen.
Für das Prestige der Monarchie besonders verhängnisvoll wirkte sich der für Wilhelm II. eigentümliche Mix von Gottesgnadentum, Antisemitismus und Spiritismus aus, der im „Eulenburg-Skandal“ der breiten Öffentlichkeit bekanntwurde. Séancen und Geisterbeschwörungen bildeten für ihn nicht nur aristokratisch-dekadenten Zeitvertreib, sondern das Reichs- und Kirchenoberhaupt glaubte ernsthaft, durch solche Rituale politische Offenbarungen, etwa über den Zaren, erlangen zu können, die Normalsterblichen verschlossen blieben.
Die Flucht in Irrationalität und Antiaufklärung, eine bis heute wenig bekannte Traditionslinie am preußischen Hof seit dem 18. Jahrhundert, kann auch verständlich machen, warum bei Wilhelm II. nie ein Lernprozess aus Fehlern, Rückschlägen, Niederlagen und Skandalen einsetzte.
Das Urteil, das 1890 der dem Hohenzollern-Herrscher äußerst wohlgesinnte General Alfred Graf Waldersee abgab, blieb im Grunde bis zum Ende seiner Herrschaft gültig: „Der Kaiser hat noch auf keinem Gebiet eine eigentliche Ansicht und weiß nicht, wo er hinaus will; er ist von leidlich geschickten Leuten leicht zu beeinflussen und macht die überraschendsten Sprünge nach allen Seiten … Er hascht geradezu nach Ovationen und hat nichts lieber als Hurra brüllende Volksmassen. Da er von seinen eigenen Fähigkeiten sehr eingenommen ist (was leider auf arger Täuschung beruht), so empfindet er Schmeicheleien sehr angenehm. Gern spielt er den Mäzen und wirft mit dem Gelde um sich, ohne sich die geringsten Sorgen zu machen … Er besitzt eine bezaubernde Liebenswürdigkeit und gewinnt die Herzen überall, wo er hinkommt – und nicht lange bleibt.“
Nach dem Wunsch Wilhelms II. sollte das politische Naturtalent Bernhard von Bülow (Reichskanzler 1900 bis 1909) schließlich „sein“ Bismarck werden. Und in der Tat verliefen ihre Wege fast immer deckungsgleich, wenn es um das imperialistische Ringen der Großmächte ging. Beide wollten das Deutsche Reich zu einer „Weltmacht“ befördern.
Der Kaiser kann das Schwadronieren nicht lassen
Bülow forderte für Deutschland einen „Platz an der Sonne“, Wilhelm II. schwadronierte von einer „Hohenzollern-Weltherrschaft“, sprach von einem „deutschen Weltreich“ und schrieb den Deutschen zu, „das Salz der Erde“ zu sein. Selbst Philipp zu Eulenburg versuchte erfolglos zu mäßigen, weniger bei den politischen Plänen, mit denen er übereinstimmte, wohl aber im Hinblick auf das mitunter katastrophale Erscheinungsbild des Kaisers und seines „persönlichen Regiments“ (des Kaisers Einmischung in die Tagespolitik) in der Öffentlichkeit. Während der alljährlichen Nordlandreise 1899 versuchte Eulenburg dem Monarchen ins Gewissen zu reden, nachdem dieser wieder einmal mit einem veröffentlichten Telegramm für Verstimmung in der deutschen Öffentlichkeit gesorgt hatte: „Der Kampf gipfelt in einem bedenklichen Gegensatz zwischen der Persönlichkeit E.M. [Euer Majestät] und dem gesamten Volke. Die zweifellos moderne Seite E.M. … trägt einen fast fortschrittlichen Charakter, aber sie wird paralysiert durch eine zu hart in die Öffentlichkeit tretende Energie. Durch Reden, Telegramme erwecken E.M. den Eindruck, den absoluten König wieder aufleben lassen zu wollen. Das aber wird von keiner Partei des ganzen Reiches mehr begriffen.“
Zu viele Reden, zu viel Publizität, das war dem Favoriten Wilhelms suspekt, der im Geheimen die Strippen zog. Auch Eulenburg war klar: Ein konstitutioneller Monarch sollte sich, schon aus Eigeninteresse, aus der Alltagspolitik heraushalten. Seine Minister und Ratgeber mochten sich politisch verbrauchen, etwa die Innenminister Karl von Boetticher (1880–1897) und Arthur Graf Posadowsky-Wehner (1897–1908), denn sie konnten jederzeit ersetzt werden. Kaiser Wilhelm II. tat jedoch das genaue Gegenteil, indem er beständig, in großen und kleinen, gar in läppischen Fragen, in die Tagespolitik intervenierte. Auf diese Weise wurde das Prestige der Hohenzollern-Monarchie schon vor dem Weltkrieg langsam aufgezehrt.
Viele Untertanen ticken wie er, aber es gibt auch scharfe Opposition
Dennoch: Immer wieder verkörperte Wilhelm II. den „Wilhelminer“ schlechthin, die Epoche trug in Deutschland mit vollem Recht seinen Namen. Auch wenn wir für diesen Zeitraum nicht über demoskopische Umfragen verfügen, lässt sich aus vielen anderen Quellen schließen, dass eine Mehrheit insbesondere der bürgerlichen Deutschen mit ihrem Monarchen generell zufrieden war und ähnlich tickte wie er. Heinrich Mann hat diesem damals millionenfach existierenden Komplementärtypus zum Kaiser in seinem Roman „Der Untertan“ (1918, bereits 1914 als Vorabdruck in Fortsetzungen erschienen) in der Figur des Diederich Heßling ein literarisches Denkmal gesetzt.
Die schärfste Opposition erfuhr Wilhelm II. hingegen von Seiten, die manchen heute ungewöhnlich erscheinen mögen. Dass die zunehmend erstarkenden Sozialdemokraten gegen ihn als Person und die Monarchie als Institution waren, versteht sich von selbst, obwohl nicht zuletzt das politische Agieren des Kaisers dazu beigetragen haben dürfte, dass ihre Wahlergebnisse in seiner Regierungszeit von neun auf 35 Prozent stiegen. Doch gerade im hochkonservativ-reaktionären Adel Brandenburg-Preußens stießen die Art des Kaisers und viele seiner politischen Ziele auf Widerstand und Ablehnung.
Die Bismarckianer sind hier als einflussreichste Kaiserkritiker zu nennen. Dass auch alle immer wieder von ihm als „Reichsfeinde“ geschmähten Deutschen einen Groll gegen den Kaiser hegten, nimmt nicht wunder, neben den Sozialdemokraten so große Bevölkerungsgruppen wie die Katholiken, die Welfen und die Polen sowie generell alle Süddeutschen, denen die preußische Dominanz im kleindeutschen Reich von 1871 viel zu weit ging und die sich nach wie vor ein habsburgisch-katholisches Großdeutschland wünschten.
Nach allem, was wir wissen, wollte Kaiser Wilhelm II. den „großen Krieg“, den „Weltkrieg“, wie er in der Belle Époque von Kriegstreibern in vielen Ländern über Jahre herbeigesehnt, herbeigeschrieben und herbeidiskutiert wurde, eigentlich vermeiden. Nicht zuletzt aus dem puren Eigeninteresse des Dynasten heraus, der ahnte, dass ein verlorener Krieg das Ende der Hohenzollern-Monarchie in Deutschland bedeuten konnte.
Gegenläufig dazu tat er jedoch beinahe jeden Tag alles, um der Weltöffentlichkeit glaubhaft zu machen, dass das Deutsche Reich Weltmacht werden wollte, ja eine Weltherrschaft anstrebte. Das deutsche Kaiserreich wurde dadurch als hochnervöser, wenig Vertrauen erweckender Akteur in der Mitte Europas wahrgenommen, als politischer Unruheherd voller unklarer, mehrdeutiger Ambitionen. Bismarcks Erbe, das Bemühen, als „ehrlicher Makler“ wahrgenommen zu werden, das Beteuern der „Saturiertheit“, es war im Sommer 1914 schon seit vielen Jahren verschleudert worden.
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Die Krieger des Mahdi
27. Juli 2026
Am Ende des 19. Jahrhunderts erhoben sich sudanesische Kämpfer gegen die ägyptische Fremdherrschaft in ihrem Land. Sie waren Anhänger des islamischen Führers…
Geschichte & Archäologie
Halle: Silbermünzen-Hort aus der römischen Republik gefunden
23. Juli 2026
Silbermünzen aus der Zeit der römischen Republik sind in Mitteldeutschland rar. Umso spannender ist ein Hortfund von fünf Silberdenaren aus jener Zeit in Halle…