Reisen und reden: Auf diese beiden Tätigkeiten lässt sich die Regierung Kaiser Wilhelms II. reduzieren. Allein das Jahr 1894 verzeichnete 200 offizielle Reisetage des Monarchen. Bis zum Kriegsausbruch 1914 hielt der Hohenzoller rund 600 öffentliche Reden, also beinahe alle 14 Tage eine neue Rede, die nicht-öffentlichen Ansprachen gar nicht mitgezählt. Das Tempo, von vielen Zeitgenossen als Hast, Ruhelosigkeit und politische Unstetigkeit getadelt, charakterisiert die Herrschaft Wilhelms II.
Dabei hätte ständiges Reisen und Reden durchaus Gutes bewirken können: Wenn dieser moderne Monarch wie ein mittelalterlicher Herrscher überall Kontakt zu seinen Untertanen gesucht und gefunden hätte, wenn er verständige Ansprachen gehalten hätte, die im Inneren des durch krasse Klassenunterschiede gespaltenen Landes für Ausgleich und nach außen für Ruhe und Stabilität in den internationalen Beziehungen gesorgt hätten. Meist erreichte der Kaiser jedoch das Gegenteil.





