Bartholomäusnacht – Tage der Gewalt - damals.de | DAMALS
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Tage der Gewalt
Es sollte eine Feier der Versöhnung werden: die Vermählung der französischen Prinzessin Margarete mit Heinrich, dem protestantischen König von Navarra. Doch es kam anders. Ein Anschlag auf den Hugenottenführer Coligny löste eine Spirale der Gewalt aus.
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Der heilige Bartholomäus ist nach biblischer Überlieferung ein Jünger Jesu. Legenden zufolge erlitt er ein grausames Martyrium: Man hat ihn bei lebendigem Leib gehäutet. Sein Gedenktag ist der 24. August. An diesem Tag wendeten sich die Menschen an den Heiligen, damit er sie vor Dämonen und bösen Geistern schütze. Doch in den frühen Morgenstunden des Bartholomäustags von 1572 wurden Geister gerufen, die man so schnell nicht mehr loswerden sollte. In der Nacht vom 23. auf den 24. August begann ein Massaker, das zu einem Wendepunkt in der Geschichte Frankreichs wurde.
Dabei standen in diesem Jahr eigentlich die Zeichen günstig für Versöhnung und Ausgleich zwischen den zerstrittenen Religionsparteien: Ein Ergebnis des dritten von insgesamt acht französischen Religionskriegen war, dass die Hugenotten sich an einigen Orten etablieren und dort auch Gottesdienste feiern konnten. In dieser Situation fädelte die Königinmutter Katharina von Medici eine folgenreiche Ehe zwischen ihrer Tochter Margarete und einem Hoffnungsträger der Hugenotten ein: dem jungen, noch nicht ganz 19-jährigen König Heinrich von Navarra. In dem kleinen Pyrenäenstaat hatte sich über Jahrzehnte der Glaube der Reformation erhalten können. Vieles schien auf einen dauerhaften Frieden zuzulaufen, wenn die Schwester des regierenden Königs Karl IX. einen Protestanten ehelichte. Zwar hatte der Papst in Rom dieser Verbindung nicht zugestimmt, doch die Vermählung ließ ein rauschendes Fest religiöser Versöhnung erwarten.
Am 18. August 1572 war es so weit: Vom Bräutigam verlangte man weder den Übertritt zum Katholizismus noch die Teilnahme an der katholischen Hochzeitsmesse – er durfte während des Gottesdienstes in einem Nebengebäude warten. Bei den folgenden dreitägigen Festlichkeiten, die aus Banketten, Turnieren und einer großen Maskerade bestanden, erlebte man ein geradezu vertrautes Miteinander von hochrangigen Protestanten und Katholiken, als ob das schon immer ganz normal gewesen wäre.
Die Abfolge der Ereignisse wirft noch immer Rätsel auf
Wie lässt sich erklären, dass nur wenige Tage nach einer so friedvollen Hochzeitsfeier ein Gewaltausbruch folgte, der sich bis heute fest im Gedächtnis eingeprägt hat, der Gegenstand von Opern und Filmen, von Romanen und historischen Werken wurde? Dafür hatten weder die Zeitgenossen eine plausible Erklärung, noch sind sich spätere Historiker restlos einig über Abläufe und Hintergründe.
Das Problem war: Jahrzehntelange Spannungen hatte man zwar übertüncht, aber nicht gelöst. Viele Katholiken im Land trauten der Lage nicht und vermuteten hinter den Friedensbekundungen eine hugenottische Verschwörung. So begleiteten kleinere Gewaltausbrüche bereits die Tage und Wochen vor der Hochzeit. Am 22. August, vier Tage nach der Eheschließung, wurde auf den hugenottischen Admiral Coligny – einst Rebellenführer, nun königlicher Berater – ein Attentat verübt. Zwar kam Coligny diesmal noch mit dem Leben davon, doch zwei Tage später hatte er weniger Glück: Am frühen Morgen des Bartholomäustages wurde er ermordet. Das war der Auftakt zu einem Massaker, wie es Paris und Frankreich bis dahin nicht erlebt hatten.
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Der erste Angriff auf Coligny vom 22. August hatte zwar sein eigentliches Ziel verfehlt – das Opfer überlebt –, doch als Spaltpilz, um den zerbrechlichen Frieden zwischen Hugenotten und Katholiken zu zerstören, war das Attentat höchst erfolgreich, denn es brachte die weiteren Ereignisse ins Rollen.
Wer stand dahinter? Zweifellos hatte die königliche Familie in den Jahren zuvor allerhand Gründe für ein tiefes Misstrauen gegenüber den Hugenotten angesammelt, doch diese Gefühle hatte man im Umfeld der Hochzeit unterdrückt. In der Rückschau sind unter anderen Katharina von Medici, aber auch andere überzeugte Katholiken wie die Familie Guise für die Attacke auf Coligny verantwortlich gemacht worden. Wer jedoch wirklich die Fäden zog, ist bis heute völlig unklar; dass der königliche Hof oder die Königinmutter tatsächlich eine aktive Rolle spielten, gilt als eher unwahrscheinlich.
Während die führenden Hugenotten noch über eine angemessene Reaktion auf den Mordversuch berieten, kursierten auf katholischer Seite bald Gerüchte, diese Reaktion werde eine offene Rebellion und Blutvergießen bedeuten. Dem kam am Abend des 23. August eine Initiative der Königinmutter Katharina zuvor. Im Einvernehmen mit König und Kronrat ordnete sie die Exekution der Hugenottenführer an. Vollzogen wurde die Aktion durch die königliche Schweizergarde.
Nach einer überlieferten Version der Geschehnisse starb Coligny durch die Hand des Herzogs Heinrich von Guise, der sein Handeln angeblich mit dem Ausruf „Es geschieht auf Befehl des Königs“ rechtfertigte. Der Herzog hatte mit dem Admiral zugleich aber auch noch eine persönliche Rechnung offen, denn Coligny galt als verantwortlich für den Tod seines Vaters.
Den Leichnam Colignys schleifte man durch die Straßen, er wurde verstümmelt, und eine Zeitlang stellte man ihn öffentlich zur Schau, schließlich wurde er angezündet und in der Seine versenkt. Colignys Ende verbindet die royale Exekution der hugenottischen Elite mit den Massakern der folgenden Tage.
Die Bevölkerung übernimmt das Kommando auf den Straßen
Wie viele Personen genau bei dieser „chirurgischen“ Aktion gegen führende Hugenotten ums Leben kamen, ist heute genauso unklar wie die weitaus höhere Zahl der Opfer bei den anschließenden Massakern in der Stadt Paris. Berichte von grausamen Morden und Verstümmelungen, vom Entkleiden der Opfer, von Gewalt speziell gegen schwangere Frauen und Kinder oder auch von Kastrationen, legen mehr als nur eine religiöse Motivation nahe.
Die tausendfachen Morde am Bartholomäustag und in den darauffolgenden Tagen und Wochen wurden vorwiegend von Zivilisten an Zivilisten begangen. Weitverbreitete Ängste und Verschwörungsgedanken führten innerhalb großer Teile der Bevölkerung zu einer Pogromstimmung.
Doch zugleich folgte das Morden auf beiden Seiten einer gewissen inneren Logik: Die Gesellschaft sollte von Abweichlern gereinigt, Entehrungen sollten mit schlimmeren Entehrungen vergolten werden, Gottes Wille sollte erfüllt und befürchtete göttliche Strafen sollten verhindert werden. Man imitierte obrigkeitliche Gerichtsverfahren, übernahm Rituale der konfessionellen Kontrahenten und erniedrigte die Gegner, weil man für das eigene Handeln eine höhere, gar göttliche Legitimation beanspruchte.
Dass nach Angaben von Augenzeugen so viele Leichen in Flüssen landeten, hing daher nicht allein mit Fragen der Entsorgung zusammen: Um die Gesellschaft von Übeltätern zu reinigen, die der göttlichen Ordnung zuwidergehandelt hätten, war im 16. Jahrhundert das Versenken von deren Körpern in fließenden Gewässern üblich. Dass – wie es scheint – vor allem die Leichen von Hugenotten in Flüssen landeten, war kein Zufall: Die Körper der vermeintlichen Häretiker wurden so quasi der reinigenden Kraft des Wassers ausgesetzt.
Der Konflikt wird teilweise geführt wie ein Kreuzzug
Doch die Gewalttaten nahmen mitunter auch kriegsähnliche Züge an, bei denen Katholiken gelegentlich geradezu systematisch gegen ihre hugenottischen Gegner vorgingen. Ausgestattet mit einem weißen Kreuzzeichen auf ihren Hüten, wähnten sich viele Menschen auf einem Kreuzzug gegen die Ungläubigen.
Kollektive Ängste, gepaart mit dem vermeintlichen Einzug hugenottischer Truppen in Paris und dem Läuten der Alarmglocken der Kirchen, mobilisierten Teile der Bevölkerung in Windeseile und setzten in beiden konfessionellen Lagern eine Spirale von Gewalt und Barbarei in Gang.
Glaubt man den erschütternden Darstellungen speziell auf protestantischer Seite, dann waren die Hugenotten in vielen Stadtvierteln dem Mob weitgehend schutzlos ausgeliefert. Die Frage, inwieweit es sich bei diesen Morden und Gewaltexzessen um geplante Aktionen oder spontane Ausbrüche handelte, ist in der Rückschau kaum zu beantworten.
Noch immer ist letztlich ebenso unklar, wie es zu so einem massiven Stimmungsumschwung von der Friedenshochzeit zum Massaker hatte kommen können. Protestantische Zeitgenossen vermuteten eine großangelegte Verschwörung von König Karl, Königinmutter Katharina und ihren Beratern – ja eine Falle, die den Hugenotten gestellt worden sei. Demnach hatte man anlässlich der Eheschließung möglichst viele hugenottische Würdenträger nach Paris gelockt und heizte anschließend durch das Attentat auf Coligny die Stimmung unter den Hugenotten derart auf, um schließlich massiv gegen die Andersgläubigen vorgehen zu können.
Spätere Historiker wiederum sahen die Schuld vor allem bei Katharina von Medici – der König sei demgegenüber primär friedlich gesinnt gewesen. Eine andere Deutung betont, es sei dem König darum gegangen, Hardliner auszuschalten, um seinen Traum vom Religionsfrieden in Frankreich zu retten. Beenden konnte er die Gewaltexzesse dann nicht mehr.
Drei Tage lang blieben die Tore von Paris verschlossen. Die Massaker hielten in nahezu ungebrochener Heftigkeit etwa eine Woche lang an, und sie erfassten auch zahlreiche französische Provinzstädte – von Hugenotten-Hochburgen wie La Rochelle abgesehen. So kehrte erst nach mehreren Wochen Ruhe ein.
Es ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachzuweisen, wie viele Menschen in der „Bartholomäusnacht“ und den Tagen danach den Tod fanden. Zeitgenössischen Angaben kann man dabei kaum trauen – ihre Zahlen liegen teils weit auseinander, je nachdem, auf welcher Seite die Beobachter standen und welche Absicht sie mit ihren Berichten verbunden haben. Inzwischen geht man von 2000 bis 3000 Opfern in Paris und von weiteren 3000 bis 10 000 Toten in den Provinzen aus.
Das Ausmaß an Gewalt schockiert selbst die Hartgesottenen
Für die Zeitgenossen war vor allem das Ausmaß des Mordens bemerkenswert. Grausame Hinrichtungen konfessioneller Gegner waren keine Seltenheit. In protestantischer Darstellung hatte man bereits Anführer früherer Verschwörungen gevierteilt und die Körperteile einzeln an Ausfallstraßen ausgestellt. Auch das Versenken von hugenottischen Leichen in Flüssen war schon vorgekommen. Doch der Horror der „Bartholomäusnacht“ waren die Straßen voller Blut und die Massen von Toten in der Seine, die Tage später noch an ihrem Unterlauf von den Massakern in der Residenzstadt kündeten.
Man wird in der Rückschau nicht alle dieser grausigen Schilderungen für bare Münze nehmen dürfen. Denn es ging den Verfassern immer auch darum, die Barbarei der anderen Seite zu brandmarken. Gleichwohl waren die unmittelbaren Folgen der „Bartholomäusnacht“ gravierend. Die Nachrichten über das Geschehen verbreiteten sich rasch in Europa und führten zu unterschiedlichen Reaktionen: In Rom etwa ließ Papst Gregor XIII. eine Dankesprozession abhalten und eine Gedenkmünze prägen. Der protestantische Genfer Theologe Theodor Beza dagegen sprach von einem „Holokaust“.
Aus Sicht der Hugenotten war der Traum eines protestantischen Frankreich vorerst geplatzt. Zehntausende machten sich auf den Weg ins europäische Exil – gleichsam als Vorhut derjenigen, die rund 100 Jahre später nach dem völligen Verbot des Protestantismus ihre französische Heimat verlassen mussten. Weit mehr Menschen reagierten auf die Ereignisse von 1572 jedoch durch ihren Übertritt zum katholischen Glauben. Zwar sollten die Religionskriege bald – und in kaum verminderter Härte – weitergehen, doch die Zahl der Hugenotten in Frankreich hatte sich deutlich verringert. Die Übriggebliebenen zeichneten sich in ihrem Denken und Handeln durch immer größere Militanz aus; dabei waren sie überzeugt davon, zu den von Gott auserwählten Märtyrern zu gehören.
Die „Bartholomäusnacht“ hat tiefe Spuren bei den Zeitgenossen hinterlassen. Wenige Jahre nach den Ereignissen von 1572 stellte der französische Schriftsteller Michel de Montaigne (1533 –1592) fest, selbst die Menschenfresser der Neuen Welt seien weniger grausam als die Religionsparteien vor der eigenen Haustür. Wie Montaigne machten sich immer mehr Gelehrte ernsthaft Gedanken darüber, zu welchen Gewaltexzessen Menschen unter bestimmten Umständen fähig sind.
Der Bartholomäustag am 24. August verbindet sich im bäuerlichen Jahreskreislauf traditionell mit Weinbau und Fischfang. Tatsächlich hat man in Paris, wie ein protestantischer Zeitgenosse festhielt, nach den Ereignissen von 1572 lange keinen Fisch mehr gegessen, weil der Gestank der Leichen die Seine zu einem Fluss des Abscheus gemacht hatte.
Autor: Prof. Dr. Alexander Schunka
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