Die XX. Olympischen Spiele, die am 26. August 1972 in München begannen, sollten der Welt eine freundliche Bundesrepublik zeigen – ein Land, das sich seit den Spielen von 1936 grundsätzlich gewandelt hatte. Doch Anfang September kam es zur Katastrophe, als palästinensische Terroristen auf der Jagd nach Juden das olympische Dorf überfielen.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Am 5. September 1972 in den frühen Morgenstunden ging die Nachricht um die Welt, dass palästinensische Terroristen in das olympische Dorf in München eingedrungen waren und israelische Sportler als Geiseln genommen hatten. Sofort griff Ehud Barak, der spätere Ministerpräsident Israels (1999 – 2001), zum Telefon und rief seinen Vorgesetzten Aharon Yariv an. Barak war Kommandeur der militärischen Spezialeinheit „Sajeret Matkal“, und er beschwor Yariv, alles zu tun, um deren Einsatz in München zu ermöglichen, denn die deutschen Sicherheitskräfte hätten nicht genügend Erfahrung mit Terroristen: „Keine Chance, dass die Deutschen das hinbekommen.“ Eine zutreffende Einschätzung, wie sich später zeigen sollte.
Die Olympischen Spiele in München bedeuteten für die Veranstalter eine große Herausforderung: Es galt, die Spiele von 1936 – diese umfassend inszenierte Schau des NS-Regimes, das der Welt seine Macht präsentieren und zugleich ein freundliches Gesicht vorgaukeln wollte – vergessen zu machen. Hans-Jochen Vogel, SPD-Oberbürgermeister von München (1960 –1972), hatte es wegen der Nazi-Vergangenheit seiner Stadt sogar für unmöglich gehalten, dass die Spiele tatsächlich nach München kommen würden. Als München dennoch den Zuschlag erhielt, sollte alles, was auch nur entfernt an den martialischen Geist der 1930er erinnern könnte, vermieden werden. Dieser Ansatz bestimmte auch das Sicherheitskonzept der Spiele: Dem „Ordnungsdienst“ zugeteilte Polizisten waren unbewaffnet, trugen eigens designte himmelblaue Uniformen und weiße Hemden. Bei Konflikten sollten sie stets freundlich auftreten und deeskalierend wirken.
Natürlich kalkulierten die Veranstalter auch schwerwiegende Fälle ein. Man bereitete sich etwa darauf vor, dass es Angriffe auf prominente Einzelpersonen geben könnte. Mit einem Terrorakt rechnete man jedoch nicht – und das, obwohl im Mai 1972 eine Anschlagsserie der RAF das Land erschütterte (DAMALS 6-2022). Auch Angriffe palästinensischer Terroristen auf israelische Zivilisten hatten bereits zwei Jahre zuvor München erreicht: Am 10. Februar 1970 hatten drei Bewaffnete versucht, auf dem Flughafen München-Riem Passagiere und Besatzung einer El-Al-Maschine in ihre Gewalt zu bringen.
Die Olympischen Spiele, so glaubte man wohl, würden derlei Gewalt nicht anziehen. So kam es, dass am 5. September 1972 um 4.20 Uhr acht mit Kalaschnikows und Handgranaten bewaffnete palästinensische Terroristen über den Zaun kletterten, der das olympische Dorf umgab, und kurz darauf in das Haus Connollystraße 31 eindrangen. Sie gehörten zum „Schwarzen September“, benannt nach dem gescheiterten palästinensischen Umsturz in Jordanien. Ihr Ziel war es, israelische Sportler in ihre Gewalt zu bringen und auf diese Weise inhaftierte Mitstreiter freizupressen.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Älteste Bibliothek der Iberischen Halbinsel identifiziert
6. August 2026
Ein rätselhafter Raum in einer römischen Villa nahe Córdoba hat sich als älteste Bibliothek der Iberischen Halbinsel entpuppt. Der Raum galt zuvor als Mithräum.
Geschichte & Archäologie
Ausgrabung enthüllt mittelalterlichen Friedhof am Naumburger Dom
4. August 2026
Letzte Ruhestätte einer Elite? Archäologen haben zwischen Naumburger Dom und Nikolaikapelle einen mittelalterlichen Friedhof aus dem 11. Jahrhundert entdeckt.
Irgendetwas musste der Kampfrichter Josef Gutfreund gehört haben, denn als seine Zimmergenossen aus dem Schlaf gerissen wurden, stemmte er sich bereits mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. „Freunde, haut ab!“, rief er. So konnte sich Tuvia Sokolsky, Trainer der israelischen Gewichtheber, retten, indem er über die Terrasse floh. Alle anderen – die Trainer Mosche Weinberg, Kehat Shorr, André Spitzer und Amitzur Shapira sowie der Gewichtheber-Richter Jaakow Springer – wurden neben Gutfreund von den Terroristen als Geiseln genommen.
Weinberg wurde mit vorgehaltener Waffe aufgefordert, den Terroristen den Weg zu weiteren Israelis zu zeigen. Er führte sie an zwei Appartements vorbei – direkt zu den Schwerathleten. Die Mannschaftsärzte und sechs Sportler wurden so verschont. Doch die Gewichtheber Josef Romano, David Mark Berger und Seew Friedmann sowie die Ringer Elieser Halfin, Mark Slavin und Gad Tsabari gerieten in die Gewalt der Terroristen. Nun warf sich Weinberg auf einen der Angreifer; Romano tat dasselbe. Beide wurden aus nächster Nähe von Kalaschnikow-Salven getroffen und waren wohl sofort tot. Tsabari gelang es immerhin, den Moment zur Flucht zu nutzen.
Inzwischen hatten nicht nur der entkommene Sokolsky, sondern auch andere Bewohner des olympischen Dorfes die Polizei alarmiert. Außer der Nachtschicht der Kriminalwache gab es allerdings niemanden, der Maßnahmen hätte einleiten können. Während sich der Polizeipräsident von München, Manfred Schreiber, mit Blaulicht auf den Weg zum Tatort machte, bekamen der Bürgermeister des olympischen Dorfes, Walter Tröger, und Bayerns Innenminister Bruno Merk (1966–1977) nur vage Informationen. Merk nahm zuerst an, es sei eine Rauferei unter Sportlern ausgebrochen. Unterdessen rasten alle verfügbaren Streifenwagen zum olympischen Dorf. Kriminalinspektoren und Arabisch-Dolmetscher wurden aus ihren Betten geklingelt. Einer nach dem anderen wurden weitere Entscheidungsträger informiert.
Der Krisenstab, der sich schließlich im Olympia-Verwaltungsgebäudes versammelte, wurde von Bruno Merk geleitet. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP; 1969–1974) vertrat die Bundesregierung. Dazu kamen neben Walter Tröger, Manfred Schreiber und Hans-Jochen Vogel zahlreiche hohe Beamte und Vertreter der Spiele. Vor ihnen lagen die mit Schreibmaschine geschriebenen Forderungen der Terroristen: Sollte nicht bis neun Uhr die Freilassung von 328 Terroristen veranlasst werden, würden alle Geiseln getötet. Bis eine Kopie der Forderungen auftauchte (die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete am 20. Juli 2022), war in der Wissenschaft von rund 230 Terroristen die Rede.
Um 8.35 Uhr begaben sich Schreiber und Tröger in die Connellystraße 31, um zu verhandeln. Der Mann, der die Terroristen anführte und während der folgenden dramatischen Stunden den Kontakt zur Außenwelt aufrechterhielt, hatte sich als „Issa“ vorgestellt. Er hatte in Deutschland studiert, machte einen abgeklärten Eindruck und sprach von der „Revolution“. Wie zu erwarten gewesen war, ließ er sich auf einen Aufschub bis zwölf Uhr ein.
Inzwischen begann im olympischen Dorf ein scheinbar normaler Tag. Nur die Connellystraße war abgesperrt – und auch das nur ungenügend: Mehreren Reporter gelang es, das Gelände zu betreten. Auch jenseits der Connellystraße wimmelte es bald von Journalisten. Eine Nachrichtensperre konnte nicht mehr umgesetzt werden.
In Jerusalem betrat Mossad-Chef Tzwi Zamir das Büro von Premierministerin Golda Meir (1969 –1974). Gemeinsam mit Verteidigungsminister Mosche Dajan (1967–1974) und einem Vertreter des Inlandgeheimdienstes Schin Bet besprach er die Lage in München. Zamir sah die Befreiung der Geiseln unter den gegebenen Bedingungen als äußerst schwierig an. Er hielt es für möglich, dass die Deutschen Israel um Hilfe bitten würden. Mosche Dajan aber winkte ab: Deutschland habe selbst militärische Spezialeinheiten, die in der Lage seien, mit der Situation fertigzuwerden.
Als den Krisenstab in München allerdings die Information erreichte, dass der israelische Botschafter Eliashiv Ben-Horin auf dem Weg sei, hielt es Schreiber durchaus für möglich, dass die Israelis kurz davor stünden, die Befreiungsaktion zu übernehmen. Tatsächlich versuchte Ehud Barak weiter, seinen Chef davon überzeugen, genau dies zu erwirken.
Bundeskanzler Willy Brandt (SPD; 1969–1974), der es sich zum Ziel gemacht hatte, die Beziehungen zu den arabischen Staaten zu verbessern, forderte in einem Schreiben an arabische Regierungschefs: „Die ganze Welt erwartet von Ihnen, dass sie Ihren Einfluss unverzüglich geltend machen.“ Doch weder arabische Regierungen noch israelische Elitetruppen sollten dem Münchner Krisenstab zu Hilfe kommen. Dessen Mitglieder versuchten vergebens, Herr der Lage zu werden. Anders, als Mosche Dajan behauptet hatte, stand in München keine speziell ausgebildete Einsatztruppe bereit. Der Polizei fehlte es überdies an angemessener Bewaffnung und schusssicheren Westen.
Die Verhandlungen mit Issa gerieten in eine Sackgasse. Der Terroristenführer ließ sich von seinem Ziel nicht abbringen – und die israelische Regierung schloss die Freilassung von Terroristen kategorisch aus. Daher begann man, mögliche Befreiungsaktionen durchzuspielen, während Issa zu immer neuen Fristverlängerungen überredet wurde.
Neun Präzisionsschützen nahmen um das Haus Aufstellung, und zwölf Trupps aus je drei Mann bereiteten sich auf den Sturmangriff vor. Die Bauleitung des olympischen Dorfes hatte jedoch nur schlechte Nachrichten: Das Haus hatte keine Schwachstellen. Eine Erstürmung würde wohl viele Todesopfer fordern. Bei einem weiteren Gespräch mit Issa bot sich Genscher als Austauschgeisel an. Der Palästinenser lehnte ab.
Gleichzeitig bot sich nun jedoch eine neue Gelegenheit: Issa forderte plötzlich, dass seine Leute zusammen mit den Geiseln ausgeflogen werden sollten. Im Krisenstab verlegte man sich umgehend darauf, die Befreiung auf dem Weg zum Flughafen oder am Flughafen selbst durchzuführen. Es gelang sogar, Issa davon zu überzeugen, den Weg zu den Hubschraubern, mit denen es zum Flughafen gehen sollte, zu Fuß zurückzulegen – ideal für den Zugriff.
Kurz bevor es losgehen sollte, forderte Issa allerdings, die Strecke ablaufen zu dürfen. Damit hatte niemand im Krisenstab gerechnet. Als Issa erschien, zogen sich die auf der Lauer liegenden Polizisten schnell tiefer in ihre Deckung zurück. Schreiber rief etwas von einem „Probegang“. Damit war es um den Plan geschehen. Issa hatte Lunte gerochen. Er brach den Gang ab und verlangte nun, die Geiseln per Bus zu den Hubschraubern bringen zu lassen. Es war inzwischen 21.35 Uhr, und der Zugriff auf dem Flughafen blieb die letzte Option.
Als die Terroristen die Geiseln schließlich um 22.04 Uhr in die bereitstehenden Hubschrauber schoben, stellten die Beobachter fest, dass es sich um acht Terroristen und neun Geiseln handelte – eine Information, die nicht an die Einsatzleitung weitergegeben wurde; am Flughafen rechnete man mit fünf Terroristen, und nur fünf Präzisionsschützen standen bereit.
Um 22.34 Uhr landeten die Hubschrauber auf dem Flugfeld. Entgegen der Abmachung nahmen die Terroristen nun auch die Besatzungen der Hubschrauber als Geiseln, während Issa und ein weiterer Geiselnehmer das Flugzeug inspizierten. Als sie gerade auf dem Rückweg waren, traten zwei ihrer Komplizen aus der Deckung. Im Tower gab der Münchner Vize-Polizeipräsident den Befehl: „Feuer frei“. Hätten mehr Präzisionsschützen zur Verfügung gestanden, wäre die nächste Minute möglicherweise anders abgelaufen. Issa und zwei weitere Terroristen wurden erschossen. Aber das reichte nicht, um die Geiseln zu retten. Aus nächster Nähe schossen die überlebenden Terroristen auf die gefesselten Geiseln. Bis auf David Mark Berger waren alle sofort tot.
Radpanzer, die man brauchte, um der übrigen Terroristen Herr zu werden, standen im Stau. Man hatte vergessen, die Zufahrtsstraßen für den Verkehr zu sperren. Als die Panzer kurz vor Mitternacht endlich ankamen, rückten sie umgehend vor. Durch eine Handgranate der Terroristen ging einer der Hubschrauber in Flammen auf. Der verletzte Berger konnte sich noch retten, starb jedoch wenig später an seinen Wunden und einer Rauchvergiftung. Drei Terroristen überlebten und wurden festgenommen. Die Katastrophe war vorüber – und wurde doch noch einmal schlimmer gemacht, als Nachrichtensendungen weltweit verkündeten, die Befreiung sei geglückt. Erst am Morgen wurde die Meldung korrigiert.
Am 6. September wurde um zehn Uhr im Olympiastadion der Opfer gedacht. Als Letzter der Redner der Trauerfeier verkündete Avery Brundage, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees: „The games must go on.“ Somit wurden die Spiele nach einer 24-stündigen Unterbrechung fortgesetzt. Für die überlebenden Israelis waren sie dagegen zu Ende. Sie begleiteten die Särge ihrer getöteten Kameraden zurück nach Tel Aviv. Die drei überlebenden Terroristen wurden ein Jahr später von Mitstreitern mit Hilfe einer Flugzeugentführung freigepresst. Mindestens zwei von ihnen wurden später von Mossad-Agenten getötet.
Geschichte & Archäologie
Schwäbische Alb: 40.000 Jahre alte Vogelfiguren entdeckt
30. Juli 2026
Archäologen haben in der Hohle-Fels-Höhle zwei kleine, aber filigran ausgearbeitete Vogelfiguren aus Mammutelfenbein entdeckt. SIe sind rund 40.000 Jahre alt.
Geschichte & Archäologie
Fußspuren zeigen: Paranthropus war größer als gedacht
28. Juli 2026
Bisher galt der Vormensch Paranthropus boisei als ein kleinerer, primitiverer Zeitgenosse des Homo erectus. Doch in Kenia entdeckte Fußspuren widerlegen dies.