Auch am Donnerstag, den 16. Juli 1654, leitete Papst Innozenz X. die wöchentliche Sitzung des Heiligen Offiziums im Quirinalspalast. Neben dem Papst selbst nahmen sieben Kardinäle daran teil, darunter, als dienstjüngster, Francesco Albizzi, der erst im März in diesen Kreis von Purpurträgern aufgenommen worden war. Außer den Kardinälen durften, wie immer, nur zwei weitere Geistliche, der Kommissar und der Assessor, zugegen sein. Unter anderem stand ein Thema auf der Tagesordnung, das äußerst ungewöhnlich, ja dramatisch war und deswegen den Teilnehmern noch lange im Gedächtnis haften blieb. Verlesen wurde ein Brief aus Luzern, von Erzbischof Carlo Carafa, der den Papst als Nuntius in den katholisch gebliebenen Gebieten der Eidgenossenschaft vertrat. Bereits zuvor hatte der Botschafter einmal in dieser Sache an das Heilige Offizium geschrieben.
Der erste Brief war am 13. Mai zur Sprache gekommen. Die drei anwesenden Kardinäle, unter ihnen auch schon Albizzi, hatten damals mit Entrüstung zur Kenntnis genommen, daß „die weltliche Obrigkeit der Räter viele Jungen und Mädchen im Alter zwischen etwa acht und zwölf Jahren als angebliche Hexen zum Tode verurteilen“ wolle. Mit den „Rätern“ waren die Einwohner des Gebietes der Drei Bünde, des heutigen Kantons Graubünden, gemeint. Um die drohende Hinrichtung abzuwenden, schlug der Gesandte vor, die Kinder sollten von dem Inquisitor in Mailand aufgenommen und – angesichts ihrer Armut – auch versorgt werden. Die Kardinäle hatten daraufhin beschlossen, Carafa zu fragen, wie sicher es sei, daß die staatlichen Stellen die Angeklagten dem Mailänder Inquisitor oder einem anderen Beauftragten übergeben würden…
Dr. Rainer Decker





