Umstritten war er schon zu Lebzeiten, und er ist es geblieben: An Thomas Becket (um 1120–1170), Kanzler des englischen Königs Heinrich II. und Erzbischof von Canterbury, scheiden sich die Geister. Als Sohn einer Londoner Kaufmannsfamilie normannischer Herkunft gelang dem talentierten Thomas eine steile Karriere in der höfischen Welt des Mittelalters. Durch seinen Förderer, Erzbischof Theobald von Canterbury, für das Amt des königlichen Kanzlers empfohlen, wurde Thomas nicht nur zum wichtigen Ratgeber, sondern sogar zum Freund Heinrichs II. Als der König Thomas zum Nachfolger Theobalds in Canterbury machte, hoffte er, sein Vertrauter werde eine kompromißbereite Haltung in den Interessenkonflikten zwischen Kirche und Königtum einnehmen. Doch Becket zeigte sich nun als unerbittlicher Verfechter kirchlicher Rechte. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen floh Thomas nach Frankreich ins Exil, die ohnehin nur oberflächliche Versöhnung mit dem König nach der Rückkehr 1170 überlebte der streitbare Erzbischof nur um we?nige Tage: Er wurde von vier Rittern in der Kathedrale von Canterbury getötet. Schon bald häuften sich die Berichte über Wunder am Grab des Ermordeten, der bereits 1173 von Papst Alexander III. heiliggesprochen und dessen Grab zum bedeutenden Wallfahrtsziel wurde. Dieser faszinierenden Persönlichkeit und ihrem spannungsvollen Verhältnis zum englischen König hat die emeritierte Mediävistin Hanna Vollrath eine spannend und anschaulich geschriebene, differenzierte Biographie gewidmet. Sorgfältig werden Motivlagen und Handlungsspielräume der Beteiligten ausgelotet. Es entsteht zudem vor dem Leser ein plastisches Bild der englischen Gesellschaft dieser Zeit.
Rezension: Talkenberger, Heike





