In Rom kursierten zahlreiche Gerüchte darüber, welchen geheimen Lastern Kaiser Tiberius in der Abgeschiedenheit seiner Villen auf der Insel Capri frönte. Im Jahr 27 n. Chr. hatte er Rom für immer verlassen und auf dieser Lieblingsinsel seinen ständigen Wohnsitz genommen. Für die römischen Adligen war ein solches Verhalten völlig unverständlich. Nur die Anwesenheit in Rom ermöglichte es schließlich, am politischen Tagesgeschehen des Weltreiches mitwirken zu können. Gerade vom Herrscher erwartete man zudem, daß er auch für das Volk der Hauptstadt immer präsent war. Wenn auch persönlich nicht mehr anwesend, so hatte Tiberius immerhin Vorkehrungen getroffen, um mit der Hauptstadt in Kontakt zu bleiben. Boten reisten ständig hin und her, und ein Signalsystem vom höchsten Punkt der Insel stellte sicher, daß Nachrichten sogar bei unruhigem Wetter zwischen der Insel und dem gegenüberliegenden Festland übermittelt werden konnten. Auf diese Weise kam Tiberius, wenn auch nur aus der Ferne, seinen Regierungsaufgaben weiterhin nach. Bereits sein Vorgänger Kaiser Augustus hatte die Schönheit der Insel zu schätzen gewußt. Er hatte die Stadt Neapel veranlaßt, ihm Capri im Tausch gegen Ischia zu überlassen. Seine Aufenthalte waren jedoch nie von langer Dauer gewesen, und immer hatte er viele Begleiter um sich gehabt. Von Tiberius hingegen erzählte man sich, daß er sich in den zwölf Villen, die er auf der Insel hatte bauen lassen, nur mit seinen engsten Vertrauten umgebe und zahlreiche Orgien feiere. Nur zwei Mal soll er sich noch auf den Weg nach Rom gemacht haben, so der Kaiserbiograph Sueton, doch beide Male sei er, bevor er es erreichte, wieder umgekehrt.





