Angefangen hatte alles im Jahr 1900 mit einem Schreiben, in dem die Einwohner Ricmanjes dem Bischof in Triest mitteilten, dass das Dorf „aus dem römisch-katholischen Ritus“ ausgetreten sei. Man wolle aber nicht der katholischen Kirche den Rücken kehren, sondern in die „griechisch-katholische Kirche“ übertreten. Diese (nicht zu verwechseln mit der griechisch-orthodoxen Kirche) war mit Rom uniert.
Den Hintergrund des erstaunlichen Ansinnens hat der Historiker Péter Techet erforscht. In der griechisch-katholischen Kirche war es möglich, slowenisch-sprachige Messen durchzuführen, und das wollte man. „Ich will den eigenen Gott in der eigenen Sprache anbeten“, wie es eine Dorfbewohnerin formulierte. Im Nationalitätenstreit kam der eigenen sprachlichen Identität immer mehr Bedeutung zu, und so wollten sich die Ricmanjer Geltung verschaffen, vor allem gegenüber dem dominierenden
italienischsprachigen Triest.
Der Heilige Stuhl in Rom jedoch stimmte dem Austritt nicht zu. Es entwickelte sich eine erbitterte Auseinandersetzung, vor allem, als mit Franz Xaver Nagl 1902 ein Hardliner Bischof von Triest wurde. Er lehnte vehement alle lokalen Normabweichungen und damit muttersprachliche Gottesdienste ab. Nun entschied sich das Dorf zu einem radikalen Schritt: Fortan hielt man Taufen, Eheschließungen und Begräbnisse einfach ohne Priester ab – ein Skandal! Der amtierende Kaplan wurde so stark angegriffen, dass er versetzt werden musste.
Landauf landab berichteten die Zeitungen über die Rebellen, die dabei gute Katholiken bleiben wollten. Dies zeigte sich auch, als protestantische bzw. orthodoxe Agitatoren in das Dorf kamen, um Anhänger für ihre Kirchen zu werben. Sie hatten ebenso wenig Erfolg wie Säkulare und Freidenker. Doch den slowenischsprachigen Dörfern ringsum ging die Radikalisierung der Ricmanjer zu weit; diese wurden immer mehr sozial isoliert. Schließlich kam es 1909 zum Kompromiss: Ein neuer Bischof in Triest duldete stillschweigend den volkssprachlichen Gottesdienst; die Wogen glätteten sich.
Autorin: Dr. Heike Talkenberger





