Die Sonne ist der Taktgeber unseres Kalenders. Ihr Auf- und Untergehen bestimmen den Ablauf der Tage, ihr mal niedriger, mal höherer Bogen über den Himmel den Ablauf des Jahres. Oder aus Kopernikanischer Sicht: Eine Drehung der Erde um ihre eigene Achse ist ein Tag, ein Umlauf um die Sonne ein Jahr.
Das Sonnensystem ist eine gigantische Uhr – nur hat sie einen folgenschweren Nachteil gegenüber jeder Räderuhr, bei der der große Zeiger durch eine einfache Zahnradübersetzung an den kleinen gekoppelt ist: Wären auch bei der kosmischen Uhr die beiden Drehbewegungen gekoppelt, hätte die Erde also nach einem Umlauf um die Sonne genau 365 oder irgendeine andere ganze Zahl an Drehungen um sich selbst hinter sich, hätte das den Kalendermachern viel Ärger und Mühe erspart.
Kalender führen heißt, den Lauf der Zeit in gleiche Abschnitte einteilen, die man mit Zahlen markiert – wie bei einer Uhr, deren Zifferblatt bei 0 beginnt und bei 12 endet und an dieser Stelle zugleich neu beginnt. Doch an welcher Stelle im Lauf der Weltgeschichte beginnt man mit dem Zählen? Was soll den Start, also den Nullpunkt der Jahresskala, und was jeweils den Wechsel von einem abgelaufenen zu einem neuen Jahr markieren?
Zunächst zum Start. Für die Juden begann der Lauf der Zeit – und damit die Zählung der Jahre – mit der Erschaffung der Welt, die sie aus den historischen Berichten des Alten Testaments errechneten. Das Jahr 1997 ist im jüdischen Kalender das Jahr 5758.
Für die Römer war die Geschichte erst seit der Gründung Roms erwähnenswert. Der Beginn ihrer Jahreszählung war nach unserer Rechnung das Jahr 753 v. Chr.
In fast allen Ländern der Erde gilt heute die Geburt Christi als Nullpunkt für das Datum, zum Beispiel das Jahr 1582 “n. Chr.”, eine Abkürzung für “nach Christi Geburt”. Doch hier gibt es zwei Unstimmigkeiten: Erstens wurde nach modernen historischen und astronomischen Untersuchungen Jesus Christus einige Jahre vor “Christi Geburt” geboren, zweitens ist dies kein Nullpunkt, da es kein Jahr Null gab.
Die Begründung unserer Zeitrechnung wird dem Mönch Dionysius Exiguus zugeschrieben, der sich im 6. Jahrhundert Gedanken über die seit den biblischen Geschichten abgelaufene Zeit machte. Das Jahr, in dem Christus nach seinen Berechnungen geboren war, nannte er das Jahr 1. Zu seiner Zeit gab es noch keine Null als Zahl, sie wurde erst viele Jahrhunderte später eingeführt. So war eine Zeitskala entstanden, die jeweils bei “Zeitenwenden” zu Irritationen führte: Wann genau beginnt ein neues Jahrhundert oder Jahrtausend?
Alle anderen Skalen, mit denen etwa Länge, Temperatur, Gewicht und so weiter gemessen werden, haben am Anfang eine Null. Der erste Zentimeter auf einem Zollstock ist in Millimeterstriche unterteilt, die 0,1, 0,2 … Millimeter anzeigen. Auch eine normale Uhr beginnt die Stundenzählung eines neuen Tages bei Null: Wenn die Hälfte der ersten Stunde vergangen ist, ist es 0.30 Uhr. Die 1 erscheint nicht in der “ersten” Stunde, sondern erst, wenn sie vollendet ist. Anders bei der Jahreszählung. Als das Jahr 2 begann, war erst ein Jahr vollendet. Am Neujahrstag des Jahres 100 waren erst 99 Jahre vollendet. Das zweite Jahrhundert begann demnach am Neujahrstag des Jahres 101, das dritte Jahrtausend beginnt am 1. Januar des Jahres 2001.
Soweit die mathematische Seite der Sache, die einen Fehler am Beginn der Zählung berücksichtigt und immer weiter mitschleppt. Gemessen an historischen Epochen ist er gering, für die Astronomen jedoch ist er erheblich – sie haben deshalb für ihre Zählungen das Jahr Null nachträglich eingeschoben. So fand ein wichtiges astronomisches Ereignis, die erste bekannte Erscheinung des Kometen Halley im Jahr 240 v. Chr., für die Astronomen im Jahr -239 statt.
Auch andere markante Punkte im Kalender sind an christliche Tradition gebunden, zum Beispiel die Regel für das Osterfest: Ostern ist immer am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling. Das früheste Osterfest feiern wir also, wenn der Frühlingsanfang (21. März) auf einen Samstag fällt, morgens Frühlingsbeginn und nachmittags Vollmond ist. Dann ist bereits am Tag danach Ostern. Liegt dagegen am 21. März der Zeitpunkt des Vollmonds vor dem Frühlingsanfang, muß man über vier Wochen bis zum nächsten Vollmond warten und dann eventuell nochmal bis zum nächsten Sonntag, was bis zu sechs Tage dauern kann. Der spätestmögliche Ostertermin ist deshalb der 25. April.
Diese Regel hat einen tief religiösen Ursprung: Der Freitag vor Ostern, Karfreitag, liegt damit immer nah bei einem Vollmond, mehr als eine Woche vom Neumond entfernt. Bei einer totalen Sonnenfinsternis wird die Sonne durch den Mond verdeckt, es ist also exakt Neumond. Somit kann an einem Karfreitag niemals wieder eine totale Sonnenfinsternis stattfinden. Die in der Bibel beschriebene Karfreitags-Sonnenfinsternis am Sterbetag Christi bleibt damit für immer einmalig.
Nun die zweite Frage zur “Jahrtausendwende”: Warum feiern wir den Jahreswechsel am 1. Januar? Dieses Datum ist auf keinerlei Weise ausgezeichnet in der Natur oder am Sternenhimmel. Astronomisch gäbe es viel markantere Daten, etwa den Frühlingsanfang, wenn also die Sonne von der Südhalbkugel der Erde auf die nördliche wechselt. Oder das “Perihel”, wenn die Erde bei ihrem Jahreslauf um die Sonne den sonnennächsten Punkt erreicht. 1997 war das am 2. Januar.
Die Wiege unseres Kalenders, also mit dem 1. Januar als Neujahrstag und allen Regeln über Schaltjahre, stand in Rom. Der langzeitige Taktgeber am Himmel war hier, wie in vielen alten Kulturen, der Mond. So legte der altrömische Staatsmann Numa Pompilius im Jahre 717 v. Chr. einen Mondkalender von zwölf Mondumläufen (“Monaten”) als die Dauer eines Jahres fest, das jedoch um elf Tage zu kurz war. So mußte alle zwei Jahre nach dem “Fest der Terminalien”, dem 23. Februar, ein Schaltmonat “Mercedonius” mit abwechselnd 22 und 23 Tagen eingeschoben werden.
Das war damals aber nicht etwa im zwei Monate jungen Jahr, sondern am Jahresende. Das Jahr begann mit dem März, also mit dem Frühling – darauf deuten noch heute die Monatsnamen September, Oktober, November, Dezember hin: der siebente, achte, neunte, zehnte Monat.
Im römischen Kalender herrschte eher willkürliches Korrigieren als exakte Beobachtungen und Rechnungen, wie es auch der griechische Historiker und Philosoph Plutarch in seiner Biographie des Gaius Julius Caesar beschreibt: “Die Neueinrichtung des Kalenders und die Verbesserung der Fehler, die sich mit der Zeit eingeschlichen hatten, wurde von ihm [Caesar] mit ungemeiner Genauigkeit behandelt … Bei den Römern hatte nicht nur in älteren Zeiten [wo man sich des Mondjahres bediente] viel Verwirrung in dem Verhältnis der Mondperioden zum Sonnenjahr geherrscht, so daß die Feste sich nach und nach verrückten und in die entgegengesetzten Jahreszeiten fielen.”
Der Frühlingsanfang war zu Caesars Zeiten bereits um zwei Monate ins vergangene Jahr gerutscht. Damit dies künftig nicht mehr passiere, verfügte er die Einfügung eines Schalttages alle vier Jahre. Die Römer dankten es ihm, indem sie den Monat Quintilius in Julius umbenannten. Caesars Nachfolger, der Kaiser Augustus, wollte sich auf gleiche Weise geehrt sehen, so wurde der nachfolgende Monat Sextilius nach ihm umbenannt.
Für andere Monate waren Götter die Namensgeber, zum Beispiel für den Januar: In Rom war der doppelgesichtige Gott Janus der Beschützer der öffentlichen Tore. Er konnte gleichzeitig nach außen und innen schauen. Der Würzburger Altertumsforscher Prof. Ernst Kern erklärt, was Janus mit dem Namen des ersten Monats im Jahr zu tun hat: “Janus wurden stets die ersten Gebete des Tages geweiht, dann die ersten Tage des Monats, und schließlich wurde er der Namensgeber des ersten Monats des Jahres: Januarius, der Gott, der auf das alte Jahr zurück- und auf das neue hinausschaut.”
Caesar hat nicht nur Korrekturen angebracht, sondern auch radikal in den Ablauf der Zeit eingegriffen. Das Jahr seiner Reformation (46 v. Chr.) hat er auf 445 Tage verlängert. Er hatte zwar den Mond als Zeitgeber ignoriert, eine letzte Reverenz erwies er dem “Gestirn der Nacht” aber doch: Den 1. Januar seines neuen Kalenders legte er auf einen Neumond. Damit rutschte der nächste Frühlingsanfang auf den 24. März.
Der Julianische Kalender mit seinen 365 Tagen pro Jahr und einem zusätzlichen Schalttag alle vier Jahre war noch nicht perfekt, das Jahr war etwas zu lang geraten. Deshalb wanderte der Frühlingsanfang allmählich zurück, pro Jahrhundert um etwa einen Tag.
Im Jahre 325 n. Chr. fand das Konzil von Nicäa statt. Frühlingsanfang war inzwischen am 21. März. Auf dem Programm des Konzils stand eine Reform des Kalenders, allerdings lebte zu der Zeit kein versierter Astronom, der den Kirchenvätern hätte behilflich sein können. So wurde diesmal noch nichts aus der Reform.
Der Julianische Kalender lief weiter bis ins 16. Jahrhundert, als Papst Gregor XIII. mit einem Beraterstab aus Mathematikern und Astronomen einen neuen Kalender durchsetzte, der Caesars Schalttag festhielt, ihn jedoch alle 100 Jahre (durch 100 teilbare Jahreszahlen) ausfallen ließ. Doch das wäre etwas zuviel des Guten gewesen, deswegen ist – entgegen dieser Ausnahmeregel – alle 400 Jahre doch ein Schaltjahr, zum Beispiel 1600 und 2000.
Dieser Gregorianische Kalender ist so genau, daß er noch 3300 Jahre weiterlaufen kann. Dann ist eine Korrektur mit einem einmaligen Schalttag nötig.
Papst Gregor schob den Kalender auch wieder an die “richtige” Stelle im Jahr: Die Kirchenväter von Nicäa hatten den Wunsch gehabt, den Frühlingsanfang dort festzuhalten, wo er bei ihrem Konzil lag: auf dem 21. März. Gregor erfüllte ihnen über 1000 Jahre später diesen Wunsch. Dazu mußte er allerdings zehn Tage ausfallen lassen: Auf Donnerstag, 4. Oktober 1582, folgte als nächster Tag gleich Freitag, der 15. Oktober 1582.
Viele fühlten sich damals betrogen: Der Papst hatte ihr Leben um zehn Tage verkürzt. So schreibt etwa der Kepler-Forscher Max Caspar in seiner Kepler-Biographie: “Am 11. April 1594 kam Kepler in Graz an. Unterwegs hatte er 10 Tage verloren beim Eintritt in die österreichischen Lande, oder vielmehr schon in Bayern, wo überall der neue Kalender eingeführt war, während Württemberg starr am alten festhielt.”
Der Kalender schuf eine tiefe Kluft zwischen den beiden Kirchen. In Grenzgebieten waren oft beide Kalender gleichzeitig in Gebrauch. Die Katholiken hackten lautstark Holz, wenn die Evangelischen Reformationsfest feierten, und diese misteten ausgerechnet dann ihre Ställe aus, wenn gerade die Fronleichnamsprozession vorbeikam. In Tübingen, der Hochburg der lutherischen Orthodoxie, schimpfte der Theologieprofessor Jakob Heerbrand über den neuen Kalender: “… ein Werk des Teufels und Antichristen, des Lügners und Menschenmörders”.
Auf dem Deutschen Reichstag von 1699 akzeptierte auf Empfehlung einer Vertretung der evangelischen Stände, des “Corpus Evangeliorum”, auch das evangelische Deutschland den Gregorianischen Kalender, hielt aber sein eigenes Datum für das Osterfest bei. Diese letzte Verwirrung beseitigte erst 1775 Friedrich der Große.
Ab jetzt herrschte kalendarische Ruhe – bis heute: In den kommenden 1000 Tagen wird sie wieder gestört werden. Die Diskussion darum, ob das dritte Jahrtausend am 1.1.2000 oder am 1.1.2001 beginnt, ist bereits im Gange. Für “ein neues Jahrtausend” ist jedoch eine neue Tausender-Ziffer ein wesentlich markanteres Signal als die exakte Länge der verstrichenen Zeit. Der Fehler beträgt heute übrigens nur noch 0,00014 Prozent.
So werden bereits in der Nacht, in der das Jahreszählwerk von 1999 auf 2000 springt, die Sektkorken knallen und Raketen in den Himmel steigen, um das neue Jahrtausend zu begrüßen.
Wolfram Knapp





