Die Institutionalisierung in Gesellschaften und Forschungsinstituten sowie die „Verwissenschaftlichung“ der Rassenhygiene legen Zeugnis von der weiten Verbreitung dieses Gedankenguts besonders in Deutschland ab. Doch erst die nationalsozialistische Diktatur schuf die politischen Voraussetzungen für die Erhebung der Theorien der „Erbgesundheitslehre“ und der „Rassen-hygiene“ zur Staatsdoktrin.
Bei einer großen Anzahl von Ärzten und Wissenschaftlern stieß die menschenverach‧tende Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten auf breite Zustimmung, so dass deren Umsetzung unter großer Beteiligung der Ärzteschaft rasch vorangetrieben werden konnte. Sie fand nach der Zwangssterilisation auf der Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (300000 Betroffene) und der Ermordung „Minderwertiger“ oder Kranker im Rahmen der Krankenmordaktion „T 4“ (über 200000 Opfer) ihren Höhepunkt in der Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden. Während im Nürnberger Ärzteprozess nur die Haupttäter der medizinischen Verbrechen zur Anklage kamen und verurteilt wurden, konnten viele der beteiligten Ärzte nach dem Krieg unbeschadet ihre berufliche Karriere weiterverfolgen.
Im vorliegenden Band wird die Dynamik dieser verhängnisvollen Entwicklung von der Zwangssterilisation bis zum Judenmord von international anerkannten Experten umfassend analysiert und allgemeinverständlich dargelegt. Die Beiträge widmen sich den politischen, gesellschaftlichen und psychologischen Handlungskontexten dieser Verbrechen ebenso wie den ethischen und juristischen Konsequenzen, die nach 1945 aus dieser „tödlichen Medizin“ gezogen wurden. Insgesamt ist hier ein bemerkenswerter Band entstanden, dessen Lektüre ohne jede Einschränkung empfohlen werden kann.
Rezension: Eckart, Wolfgang U.





