Wann Troia, das auch unter dem Namen Ilion bekannt ist, zum erstenmal mit dem Schauplatz des Troianischen Krieges identifiziert wurde, läßt sich kaum noch feststellen. Sicherlich geschah es aber bis zum 5. Jahrhundert v. Chr., denn 480 v. Chr. unterbrach der persische König Xerxes dort seinen Kriegszug nach Griechenland, um den Helden des Troianischen Krieges 1000 Ochsen zu opfern. Dies verweist auf einen wichtigen Aspekt: Troia lag an einem der bequemsten Übergänge von Europa nach Asien und konnte daher ebenso als “östlich” wie als “westlich” gelten. Xerxes scheint die Troianer als Menschen Asiens gesehen zu haben, was seine bemerkenswerte Aufmerksamkeit für den Ort erklärt. Dann aber wurden die Perser von Alexander dem Großen geschlagen, und auch dieser machte (334) eine sentimental journey an diesen Ort. Da er aus dem Tempel der Athene Waffen mitnahm, die angeblich aus dem Troianischen Krieg stammten, scheint es dort eine Sammlung legendärer Relikte gegeben zu haben. Alexander und seine Freunde lieferten sich auch ein Rennen rund um das nahe gelegene Achilles-Grab, was andere Kaiser, die später nach Troia kamen, nachahmten. Alexander starb, bevor er sein Versprechen, Troia zu neuem Wohlstand zu verhelfen, erfüllen konnte. Um 300 v. Chr. stellten aber andere Wohltäter der Stadt beträchtliche Finanzmittel zu Verfügung, und ein regelrechter Bauboom war die Folge. Ilion baute einen neuen Athene-Tempel, dessen eine Seite Szenen des griechisch-troianischen Krieges zeigte. Im nordöstlichen Teil der Stadt wurde ein neues Theater gebaut, das vermutlich bis zu 8000 Besuchern Platz bot. Tempel wie Theater waren für das neue panathenische Fest erforderlich, das wahrscheinlich dem Athener Panathenäum nachempfunden war. Athene wurden Opfer dargebracht, auf der Agora (dem Marktplatz) wurden Wettkämpfe ausgetragen und im Theater Bühnenstücke aufgeführt. Zu dieser Zeit blickte Troia eindeutig nach Westen. Teile der gewaltigen spätbronzezeitlichen Befestigungsmauer auf der Südseite des Hügels wurden um 250 v. Chr. ausgebessert oder neu gebaut. Die Mauer diente wohl als weiterer Beweis dafür, daß Ilion Troia war. Wenn Ilions Panathenäen dem gleichnamigen Fest in Athen ähnelten, dann rezitierten Schauspieler auf dem Marktplatz aus der “Ilias” und der “Odyssee”. In Ilion lag die Agora unmittelbar südlich der Befestigungen von Troia VI, so daß die restaurierte Mauer ein idealer Hintergrund für die Aufführung Homers gewesen wäre; zudem hätte sie die Tatsache unterstrichen, daß das griechische Ilion mit dem Troia Homers identisch war. Zu dieser Zeit konnten Besucher auch den Brauch der lokrischen Jungfrauen beobachten: Einmal im Jahr wurden zwei Jungfrauen aus Lokris in Mittelgriechenland nach Ilion geschickt, um der Athene Ilions zu dienen und ihr Heiligtum zu reinigen. Dieser Brauch stellte eine Sühne dar für das Verbrechen des sagenhaften Stammvaters von Lokris, Ajas (Ajax), der Kassandra von der Athene-Statue in Troia weggezerrt und vergewaltigt hatte. Die jährliche An- und Abreise dieser Mädchen mußte jedem die homerische Identität der Stadt vor Augen führen. Auch die umliegenden Tumuli scheinen schon damals mit den Helden Homers in Verbindung gebracht worden zu sein. In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. steigerte sich Ilions Ansehen als Touristenattraktion noch weiter, denn es wurde zur Mutterstadt der Römer erklärt. Der Legende nach überlebte der troianische Krieger Aeaneas den Krieg und segelte übers Mittelmeer nach Italien. Dort kämpfte er in einem zweiten Krieg und wurde schließlich als Gründer des römischen Volkes betrachtet. Dies brachte Troia ins Bewußtsein von noch viel mehr Menschen. Als Folge kam die Stadt zu großem Wohlstand. Man vergrößerte das Heiligtum im Westen, baute zwei neue Tempel sowie am Fuße des Athene-Bezirks ein neues Bouleuterion (Versammlungsgebäude)…





