In seinen eindrucksvollen Lebenserinnerungen lässt der 1937 geborene Niederländer Zoni Weisz dieses Leid sehr konkret werden: Er verlor seine Familie im Mai 1944 im Rahmen einer NS-Aktion, alle „zigeunerartig aussehenden Menschen“ in den Niederlanden zu verhaften, in das Lager Westerbork bei Drente zu verbringen und zu deportieren.
Seine Eltern und Geschwister wurden in den Konzentrationslagern Auschwitz bzw. Mittelbau-Dora ermordet. Weisz verdankt sein Überleben der Hilfe eines niederländischen Polizisten, durch die er auf einen Personenzug springen und so der Deportation entgehen konnte. Am Bahnhof Assen sah er noch seine Eltern in dem Waggon, der diese nach Auschwitz brachte – eine traumatische Erinnerung, die ihn sein ganzes Leben begleitete: „Mein Kindergehirn überschlägt sich, und ich speichere innerhalb kürzester Zeit eine Menge von Eindrücken in meinem Gedächtnis. … Das Mäntelchen, den Polizisten ohne Mütze, die Augen meines Vaters – ich sehe sie noch immer vor mir, als wäre es gestern gewesen“, erinnerte sich Weisz Jahrzehnte später.
Mühsam schlug Zoni Weisz sich bis zum Kriegsende durch, absolvierte anschließend eine Ausbildung als Gärtner. Danach arbeitete er in Amsterdam bei einem bekannten Blumenhändler, dessen Betrieb er 1958 übernahm. Es gelang ihm eine eindrucksvolle Karriere: Mit seinen originellen Kreationen wurde Weisz zu einem der führenden Floristen des Landes; er war etwa für den Blumenschmuck bei Krönungen und Hochzeiten der niederländischen Königsfamilie verantwortlich.
Bewegend schildert Weisz in seinem Buch, wie schwer es für ihn war, sich mit seiner traumatischen Kindheit, mit dem Verlust von Eltern und Geschwistern auseinanderzusetzen und darüber zu sprechen. Doch er gab nie auf und überwand alle inneren wie äußeren Widerstände. Erfolgreich kämpfte er für die Anerkennung des „vergessenen Holocaust“. Bis heute engagiert sich Weisz im Niederländischen und im Internationalen Auschwitz-Komitee. Am 27. Januar 2011 sprach er als erster Vertreter der Sinti und Roma anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Deutschen Bundestag. Von Königin Beatrix wurde er zum Offizier des Ordens von Oranien-Nassau ernannt.
Viele Abbildungen sowie allgemeine Ausführungen zur Geschichte der Sinti und Roma stellen die lesenswerten Erinnerungen in einen größeren Kontext. „Ich habe ein außergewöhnliches Leben gelebt, mit einem tragischen Anfang. In diesem Buch geht es um alles, was ich in meinem Leben bin oder gewesen bin: Ehemann, Vater, Großvater, Florist, Designer, Sinto und ein Überlebender des Holocaust. Ich hoffe, dass meine Geschichte jeden ermutigt, der einen schweren Start im Leben hatte.“
Rezension: Prof. Dr. Dr. Rainer Hering





