Die 1920er-Jahre waren geprägt von gesellschaftlichem Aufbruch und ästhetischen Experimenten. In diesen Jahren machte die „Neue Frau“ von sich reden, die nach Emanzipation und Unabhängigkeit strebte. Trude Fleischmann selbst verkörperte dieses Image der jungen, selbstbewussten Frau. Ihr Atelier wurde zum Treffpunkt des Wiener kulturellen Lebens – bis 1938 der „Anschluss“ ihrer Karriere vorerst ein jähes Ende bereitete. Nach ihrer Vertreibung gelang es ihr, in New York eine zweite berufliche Existenz aufzubauen.
Das Wien Museum präsentiert nun – mehr als 20 Jahre nach ihrem Tod – die erste große Überblicksausstellung zu Trude Fleischmann, in deren Mittelpunkt ihre Wiener Zeit von 1920 bis 1938 steht. Zu sehen sind aber nicht nur ihre bekanntesten Werke, sondern auch bisher unbekannte Arbeiten: Fleischmann war eine überaus vielfältige Fotografin, ihr Werk reicht weit über ihre bekannten Studioaufnahmen hinaus, es ist umfangreicher und thematisch deutlich breiter als bisher angenommen. Ein großer Teil der in der Ausstellung gezeigten Arbeiten stammt aus der Fotosammlung des Wien Museums, das eines der größten und international bedeutendsten Fleischmann-Konvolute besitzt.
Von 1913 bis 1916 war Trude Fleischmann Schülerin an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, wo sie eine fundierte technische und praktische Ausbildung erhielt. Es folgten Praktika im berühmten Atelier d´Ora (der Fotografin Dora Kallmus) und beim avancierten Fotografen Hermann Schieberth. Bereits 1920 – im Alter von 25 Jahren – eröffnete Fleischmann ihr eigenes Fotoatelier in der Ebendorferstraße 3 in der Nähe des Rathauses. Das dafür notwendige Kapital bekam sie von ihrer Familie zur Verfügung gestellt, der Vater war ein gut situierter Kaufmann. Die Eroberung einer Männerdomäne war kein Zufall: Arbeitskräfte wurden im Laufe des Ersten Weltkrieges immer knapper, man setzte Frauen mehr und mehr in „Männerberufen“ ein – so auch in den Fotoateliers. Als sich nach 1918 zahlreiche junge Frauen, viele von ihnen jüdischer Herkunft, selbstständig machten, spitzte sich der Kampf der Geschlechter zu. Fotografierende Frauen hätten, so wetterte 1921 der einflussreiche Wiener Fotograf und Fotopublizist Hermann Clemens Kosel, „das Dirnentum ins Lichtbild“ gebracht und „den sittlichen Ernst der Kunst ins Abgeschmackte“ herabgezogen. Die Fotografinnen ließen sich von solcher Polemik nicht beeindrucken, sie setzen ihren beruflichen Weg fort. Zu den bekanntesten unter ihnen zählen – neben Trude Fleischmann – Edith Barakovich, Grete Kolliner, Marianne Bergler, Pepa Feldscharek, Hella Katz, Steffi Brandl, Kitty Hoffmann, Edith Glogau, Trude Geiringer und Dora Horowitz. Fleischmanns Karriere als Gesellschaftsfotografin wies bereits kurz nach der Eröffnung ihres Ateliers steil nach oben: Innerhalb weniger Jahre war sie „die“ moderne Porträtistin Wiens. In ihrem Atelier empfing sie die Theaterprominenz der großen Wiener Bühnen: Schauspielerinnen und Tänzerinnen, Dirigenten und Sänger/innen. Die Fotografin war eine begnadete Networkerin und schrieb aktiv Prominente an, um sie kostenlos abzulichten – als Gegenleistung konnte sie die Aufnahmen für eigene Werbezwecke verwenden. Sie fotografierte aber auch Vertreter der gutbürgerlichen Wiener Gesellschaft, unter ihnen Wissenschaftler, Politiker und Freiberufler. Zwischen Tradition und Avantgarde





