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Über die Perfektion zur Weltherrschaft
Die von Dareios I. (522–486 v. Chr.) gegründete Königsstadt Persepolis untermauerte mit ihren glanzvollen Gebäuden und den paradiesischen Gärten den persischen Anspruch auf die Beherrschung der Welt. Nachdem Alexander der Große die Stadt 330 v. Chr. erobert hatte, verlor sie ihre Bedeutung.
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Im Jahr 522 v. Chr. kam es im Perserreich zu einem Staatsstreich: Persische Adlige drangen in den Palast des Großkönigs Bardiya ein, erschlugen die Leibwächter, exekutierten Bardiya und präsentierten der vor dem Palast zusammenströmenden Menge seinen abgeschlagenen Kopf. Der antike Historiker Herodot (um 490–425 v. Chr.) berichtet, dass Bardiya in Wirklichkeit gar nicht der rechtmäßige Herrscher gewesen sei, sondern ein medischer Priester, der unbemerkt den Platz des von König Kambyses II. (529–522 v. Chr.) ermordeten Bardiya eingenommen habe. Als Kambyses an den Folgen einer Verletzung gestorben sei, habe der Priester als Bardiya, Bruder des Kambyses, die Herrschaft über das Perserreich übernommen.
Vielleicht trug sich alles aber auch ganz anders zu. Möglicherweise war es der echte Bardiya, den die persischen Adligen an jenem Tag enthaupteten. Und möglicherweise war die Geschichte von der Usurpation des vermeintlichen Betrügers nur ein Märchen, um die wahre Usurpation zu verschleiern – die Machtübernahme des Dareios. Denn Dareios war einer der sechs Verschwörer, die in den Palast eindrangen. Und Dareios war es, der schließlich die Königswürde für sich beanspruchte.
Der neue Mann auf dem Thron gibt seinem Reich ein festes Fundament
Sicher ist, dass der Herrschaftsantritt Dareios’ I. im Perserreich nicht einfach widerspruchslos hingenommen wurde. Es gab zahlreiche Aufstände, selbst in den Machtzentren des Reiches: in Babylonien, in Elam, in Medien und in der Persis, einer Region im Südwesten des heutigen Iran. Es sollte ein Jahr dauern, bis Dareios sein Reich endlich fest in Händen hielt. Und als es so weit war, machte sich der neue König daran, seiner Herrschaft ein festes Fundament zu bauen. Er setzte ein gewaltiges Heer aus Arbeitern in Bewegung, um mindestens zwei kolossale Palastanlagen zu errichten – eine in Susa und eine in Parša, das die Griechen später Persepolis nennen sollten.
Während Susa besonders wichtig für administrative Angelegenheiten wurde und sich überdies zum Anlaufpunkt für Gesandtschaften aus aller Welt, nicht zuletzt aus Griechenland, entwickelte, legte Dareios den Palastkomplex von Persepolis als ideologischen und spirituellen Mittelpunkt seines Reiches an.
Am Fuß des Berges Kuˉh-e Rahmat sollte die neue Königsstadt entstehen. Dort gab es bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Siedlung, und man kann vermuten, dass Dareios den Platz ausgesucht hatte, weil der Berg, der damals noch „Mithras Berg“ hieß, mit dem indoiranischen Gott Mithra in Zusammenhang stand, dem Gott des Rechts und des Bündnisses. Es wurde nun eine 455 mal 300 Meter große Terrasse errichtet, bestehend aus Kalksteinblöcken von variierender Form und Größe, die ohne Mörtel perfekt zusammengefügt wurden. Zwölf Meter ragte die Terrasse in die Höhe – eine eindrucksvolle Bühne für die Paläste, die nun entstehen sollten.
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Dareios selbst würde die ganze Pracht von Persepolis allerdings nicht mehr zu sehen bekommen. Die Arbeiten an der Terrasse waren so zeitaufwendig, dass er wohl nur den Bau des sogenannten Apadana und einiger kleinerer Bauten miterlebte. Außerdem waren wahrscheinlich ebenfalls schon die Befestigungsanlagen am Hang und im Osten der Terrasse vollendet, als Dareios 486 v. Chr. starb.
Der Apadana, eine quadratische Säulenhalle, stand auf einer 2,6 Meter hohen Plattform mit einer Seitenlänge von 112 Metern. Vier Ecktürme gaben dem Gebäude ein trutziges Äußeres. Reliefs schmückten die Treppen, die im Norden und Osten zu dem Gebäude hinaufführten. Sie zeigten Gesandte aller Völker des persischen Reichs auf ihrem Weg zum König. Denn um die Beziehung zwischen dem König und seinen Untertanen ging es in Persepolis und besonders im Audienzsaal des Apadana. Dort fanden bis zu 10 000 Menschen Platz.
Delegationen, die wochen- und monatelang unterwegs waren, trafen hier auf den Großkönig, um ihm Geschenke darzubringen. Und der 21 Meter hohe Audienzsaal mit seinen Säulen aus blaugrauem Kalkstein war nur die letzte Station auf einem Weg, der die ganze Macht des Perserkönigs vor Augen führen sollte – besonders, nachdem Dareios’ Sohn und Nachfolger Xerxes I. (486–465 v. Chr.) die Palastanlage um die Monumentaltreppe nahe der Nordwestecke der Terrasse ergänzt hatte. Diese Treppe führte hinauf zu einem weiteren neuen Gebäude: dem Tor der Länder. Dieses von geflügelten Stierwesen gestützte Tor war nun der Haupteingang der Palaststadt.
Der Rest der Terrasse wurde von einem König nach dem anderen mit immer weiteren Palästen ausgestattet, darunter der „Hundert-Säulen-Saal“ des Artaxerxes (465–424 v. Chr). Die Palaststadt wuchs über die Terrasse hinaus und umfasste schließlich 20 Quadratkilometer. Offene Plätze auf der Terrasse wurden einer nach dem anderen bebaut, bis ein wahrer Säulenwald entstanden war.
Obwohl die Perserkönige die Paläste von Persepolis mit der Absicht bauten, die Pracht der alten Reiche von Babylon und Elam in den Schatten zu stellen, war die neue Königsstadt doch nie darauf ausgelegt, zu einer pulsierenden Metropole zu werden. Natürlich stand Persepolis nicht im Nirgendwo. Jener Teil der Persis, der die Stadt umgab, war fruchtbar und dicht besiedelt, und schon bald nach der Stadtgründung fanden sich Händler und Bankiers ein. Gemeinsam mit Hofbeamten, Handwerkern, Künstlern und Arbeitern aus dem ganzen Reich bildeten sie ein durchaus weltstädtisches Völkergemisch. Doch zu keinem Zeitpunkt hatte Persepolis samt Umland mehr als 44 000 Einwohner.
Die kunstvollen Gärten sollen der göttlichen Schöpfung nahekommen
Statt einer weitläufigen Großstadt bot die Ebene am Fuß der riesigen Terrasse Platz für verstreute Residenzen, Zelt-anlagen und die berühmten persischen Gärten – die paridaida (wörtlich „umzäuntes Gelände“), woraus im Griechischen paradaisos (die Wurzel des Wortes „Paradies“) wurde. Persische Gärtner legten eine hohe Kunstfertigkeit an den Tag. Symmetrie spielte bei der Gartenarchitektur eine große Rolle. Besonders bemerkenswert war allerdings die Artenvielfalt der Gärten: Aus allen nahen und fernen Provinzen des Reichs wurden Pflanzen und Tiere herbeigebracht, um vor den Toren der Paläste eine Miniatur der bekannten Welt zu schaffen.
Ziel der persischen Gärten war es, eine Welt darzustellen, die der ursprünglichen göttlichen Schöpfung so nahe wie möglich kam – eine Welt, die noch nicht von der „Lüge“ verunreinigt worden war. Die „Lüge“, so glaubten die Perser, sei das Böse in der Welt, dessen Eintreffen die Zerstörung kosmischer Perfektion und den Beginn des Laufs der Geschichte eingeleitet habe. Die Gärten waren eine Nachahmung dieser Perfektion, fortgesetzt in den Palästen, die so symmetrisch waren, wie die Gärten und deren Säulen Pflanzen- und Tiermotive zeigten.
Persepolis war also nicht nur eine Hauptstadt. Vielmehr stand es für den Anspruch der persischen Könige, der Welt die verlorene Harmonie und Perfektion zurückzubringen. Wie eine geeinte und befriedete Welt, gereinigt von der „Lüge“, aussehen konnte, sollte hier vorgeführt werden. Und auf den Reliefs war zu sehen, welche Rolle den Untertanen dabei zukam: im Dienst des Königs durch ihre Arbeit und ihre Ehrerbietung die Schönheit und das Glück der ursprünglichen Schöpfung wiederherzustellen.
Der Kampf gegen die „Lüge“ und der unweigerlich damit verbundene Weg zur Weltherrschaft brachte die Perser auch nach Griechenland, wo allerdings erst Dareios und nach ihm sein Sohn Xerxes bittere Niederlagen erlitten. Für die Griechen wurde die abgewendete Unterwerfung durch die Perser identitätsstiftend. Und kaum waren die Perser geschlagen, wurden in der griechischen Welt Rufe laut, eines Tages Rache für die Zerstörungen zu nehmen.
Als im 4. Jahrhundert v. Chr. Denkern wie Isokrates ein Angriff auf das Perserreich als das beste Mittel erschien, um die innergriechischen Konflikte aus der Welt zu schaffen, konnte noch niemand ahnen, welch beispiellosen Eroberungszug Alexander der Große von 334 bis 324 v. Chr. unternehmen sollte.
Die Krieger, die unter der Führung des Makedonenkönigs in das Perserreich einfielen, hatten viele Motive, die sie miteinander verbanden: Ruhm, Reichtum und Abenteuer schwebten ihnen vor. Aber im Gegensatz etwa zu Makedonen und Thrakern stand den Griechen der Sinn überdies nach Rache – ein Antrieb, den Alexander zu befeuern wusste. Dieser Aspekt des Feldzugs konnte erst dann besonders zur Geltung kommen, als Alexanders Armee im Januar 330 die Persis betrat. Ägypter, Phönizier und Babylonier hatte man noch aus vermeintlicher oder tatsächlicher Knechtschaft „befreien“ können, doch in der Persis, dem Land der Perser, warteten die erbittertsten Widersacher.
Die wohl härteste Schlacht, die Alexander auszufechten hatte, war die Schlacht an den Persischen Toren, wo der persische Satrap Ariobarzanes den Zugang zur Persis versperrte. Doch auch hier war Alexander schließlich siegreich. Der Weg in das Herz des Reiches, nach Persepolis, war frei.
Alexanders Krieger plündern – Rache für den Feldzug des Xerxes?
Die Quellen verraten nichts darüber, was der Einmarsch der Invasoren für die Bevölkerung und die zahlreichen Städte der Persis bedeutete, aber sie beschreiben, was geschah, als Alexander Persepolis in Besitz nahm: Die antiken Autoren schildern, dass Alexander seine Krieger auf die Stadt losließ; es kam zu brutalen Plünderungen, Massakern an der Bevölkerung und schließlich zur Brandschatzung der stolzen Paläste. Es geht auf die Überlieferung des Kleitarchos zurück, dass es die athenische Hetäre Thaïs gewesen sei, die Alexander und sein Gefolge während der rauschenden Siegesfeier dazu angestiftet habe, Rache für die von Xerxes’ Heer niedergebrannte Akropolis zu üben.
Die archäologischen Funde bestätigen die Plünderungen. Dennoch ist nicht ganz klar, was in Persepolis tatsächlich geschah. Die Invasoren hielten sich von Januar bis Mai 330 v. Chr. in der Stadt auf, was massive Plünderungen zu Beginn des Aufenthalts eher unwahrscheinlich macht. Zu Gewaltexzessen wäre es also eventuell nicht bei der Siegesfeier gekommen, sondern sehr viel später, kurz vor dem Abzug der Truppen.
Es ist allerdings ohnehin eher anzunehmen, dass die in den Quellen beschriebenen Ausschreitungen in Wirklichkeit nicht die ganze Stadt, sondern nur einen kleinen Teil des Palastviertels auf der Terrasse betrafen. Die archäologischen Untersuchungen legen nahe, dass die Brandstifter mit Bedacht vorgingen und gezielt jene Gebäude zerstörten, die sie (wahrscheinlich anhand von Inschriften) direkt mit Xerxes I. in Verbindung bringen konnten: den Apadana sowie Xerxes’ Palast.
In Persepolis zu plündern und Xerxes’ Palast zu zerstören war ein wichtiges Signal an Griechenland: Alexander hatte Rache genommen für die Zerstörungen vor über eineinhalb Jahrhunderten. Es war strategisch klug, diese Botschaft zu senden. Die persische Öffentlichkeit bekam unterdessen gänzlich andere Signale: Mit ein paar Begleitern stieg Alexander den Hang neben der Terrasse von Persepolis empor, wo die Gräber Dareios’ I. und Xerxes’ I. in den Fels gehauen worden waren. Besuchte ein König das Grab eines anderen Königs, so war dies stets Zeichen einer ideellen Verbindung beider Monarchen, und tatsächlich war es ja Alexanders Ziel, nicht nur Bezwinger, sondern zugleich Nachfolger der Perserkönige zu werden. Bei den Gräbern vor Persepolis entstand so ein Eindruck, der sich ganz und gar nicht mit dem Rachegedanken vertrug.
Die Plünderungen betrafen indes in erster Linie das Schatzhaus. Dort nahmen die Eindringlinge alles mit, was sie tragen konnten. Und was sie nicht tragen konnten, schlugen sie in Stücke: Statuen, Schmuck, edle Kleider und Gefäße aus Alabaster, Marmor und Lapislazuli. Auch griechische Kunstgegenstände fielen den Plünderern zum Opfer, darunter auch die „Penelope von Persepolis“, von der nur der Torso und eine Hand am Tatort zurückblieben.
Antike Autoren sahen in den Ausschreitungen von Persepolis einen Beweis für den moralischen Verfall Alexanders und seines Gefolges. Doch abgesehen davon, dass der Racheakt ein klares Signal an die Griechen war, gab es noch weitere mögliche Motive, die die Plünderungen und Zerstörungen erklären könnten: Vielleicht stellten sie eine Drohung an den noch immer flüchtigen Dareios III. (336–330 v. Chr.) dar. Vielleicht wollte Alexander klarstellen, dass er sich als Nachfolger Dareios’ von Xerxes distanzierte. Und vielleicht wollte er Spuren der Zerstörung hinterlassen, um möglichen persischen Konkurrenten um die Krone eine Legitimitätsstätte zu nehmen.
Die Stadt verschwindet von der Landkarte
Klar ist, dass die Truppen Alexanders keine rauchende Ruinenstadt zurückließen, als sie schließlich abzogen. Persepolis blieb bewohnt und blieb Verwaltungszentrum der Region. Nach Alexanders Tod war der dort herrschende Satrap Peukestas, ein ehemaliger Leibwächter Alexanders, eine wichtige Figur in den Diadochenkämpfen, bei denen Alexanders Gefolgsleute um die Trümmer des Großreiches rangen. Im Jahr 317 v. Chr. richtete Peukestas ein gewaltiges Fest in Persepolis aus, bei dem man beobachten konnte, dass Alexanders Traum eines europäisch-asiatischen Königreichs im Kleinen noch nicht ganz am Ende war: Der Makedone Peukestas, der Persisch sprach, sich persisch kleidete und persische Sitten angenommen hatte, behandelte makedonische, griechische und persische Würdenträger gleich. Geopfert wurde sowohl griechischen als auch persischen Göttern.
Persepolis lebte weiter. Doch sein ursprünglicher Sinn war ihm genommen: Als Modell für persische Herrschaft, den Feldzug gegen die „Lüge“ und die Wiederherstellung eines perfekten Kosmos hatte Persepolis in dem Moment aufgehört zu existieren, als die letzte Hoffnung auf den Fortbestand des persischen Königtums zunichtegemacht worden war.
So schrumpfte Persepolis unaufhaltsam und verschwand noch in der Antike von der Landkarte. Im Gegensatz zu vielen anderen antiken Städten, die ihre Bedeutung verloren, geriet Persepolis als ideologisches Zentrum der Perserherrschaft jedoch nie ganz in Vergessenheit. Bis zum Ende des Mittelalters blieb es Anziehungspunkt für iranische Würdenträger. Muslimische Reisende hinterließen Inschriften auf Persisch und Arabisch. Eine Inschrift lautete: „Wo sind die Könige, die Hoheitsgewalt ausübten, bis der Mundschenk des Todes ihnen den verhängnisvollen Trunk einflößte? Wie viele Städte wurden auf der Erden erbaut, die nun zerstört liegen und deren Bewohner im Domizil des Todes sind?“ Die Zeit der paradiesischen Gärten war vorüber – für immer.
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