Seit 1959 begann man in Berlin “unbesungene Helden” zu ermitteln, die “uneigennützig” Juden unterstützte hatten. Diese wurden vom Senat unter anderem mit einer kleinen Rente geehrt. Das Berliner Institut für Antisemitismus-Forschung schloß später ein weiteres Programm zur Ermittlung von Solidarität und Hilfe für Juden an. Jetzt legt ein Team von knapp 20 Historikern und Augenzeugen gut und eindrucksvoll lesbare Berichte über die Lebensläufe und Notsituationen vor, in denen Juden zeitweilig oder dauerhaft überleben konnten. Daß dies gerade für Berlin geschehen konnte, liegt an der starken jüdischen Gemeinde und den Hoffnungen von Juden auch anderer Orte, dort untertauchen zu können. Deutlich wird an den behutsamen Rekonstruktionen, daß “eine Perspektive, die nur Opfer und Täter kennt” unbefriedigend ist. Ebenso kann man kein eindeutiges und allgemein moralisches Motiv etwa eines Helfersyndroms ausmachen. Gelegentlich gab es Netzwerke, welche sehr vielen Juden mit Unterkunft und Verpflegung, zu einer anderen Identität oder gar zur Flucht verhalfen, mal waren es einzelne, die sich durchaus materiell schadlos zu halten wußten, hohe Miete oder Konversion zum christlichen Glauben erwarteten. Eine Prostituierte machte sich verdient, und es waren zum Teil auch “Täter” im üblichen Sinne: Gestapobeamte, jüdische “Greifer”, die ab 1943 zum Aufspüren von Juden oft mit großem Eifer eingesetzt wurden. Es gab hohe Risiken – aber selten hohe Strafen für Helfer. Die nüchternen Berichte bestechen dadurch, daß sie versuchen, die soziale Situation von Verfolgten und Helfern insgesamt einzubeziehen. Dadurch kommt kein Pathos des edlen Helden auf (wie dies am nächdrücklichsten für eine größere Öffentlichkeit im Film über Oskar Schindler gezeigt worden ist), wohl aber gehen die Autoren zu recht davon aus, daß jüdisches Überleben auch um den Preis der Ausnutzung von Notsituationen positiv zu werten ist. Oft ist die Quellenlage höchst problematisch, wenn die Selbstanpreisungen von “Rettern” nicht überprüft werden konnten, aber das wird klar benannt. Am wichtigsten aber scheint: die alte Legende, man habe ja nichts machen können, wird durch diese und viele andere Beispiele entlarvt. Und das öffnet wie manche andere Veröffentlichungen der letzten Jahre einen ganz anderen Blick auf die NS-Zeit.
Rezension: Dülffer, Jost





