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Unabhängigkeit wider Willen
Am 7. August 1965 war Singapur plötzlich unabhängig. Für die Einwohner kam das recht überraschend. Malaysia hatte den Stadtstaat quasi über Nacht aus der gemeinsamen Föderation ausgeschlossen. Die spätere Erfolgsgeschichte Singapurs war damals noch nicht abzusehen.
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Futuristische Skylines, altehrwürdige und aufwendig restaurierte Hotels, überdimensionale Shopping Malls, atemberaubende Gärten, eine boomende Wirtschaft auf der einen Seite; autoritäre Regelungen im Alltag, drakonische Strafen und die meisten Pro-Kopf-Todesurteile der Welt auf der anderen Seite – das Bild von Singapur könnte widersprüchlicher nicht sein. Als der südostasiatische Stadtstaat vor 55 Jahren selbständig wurde, sah es noch nicht nach der Erfolgsgeschichte aus, die Singapur später zu einer Drehscheibe des internationalen Handels machen sollte.
In der Geschichte hat es immer wieder Versuche indonesischer Reiche gegeben, sich die Insel südlich der Malaiischen Halbinsel einzuverleiben, doch waren diese Initiativen nie von langer Dauer. Als die Briten im frühen 19. Jahrhundert die strategische Bedeutung Singapurs erkannten, war die Insel nur von einigen Fischerfamilien besiedelt. Das änderte sich rasch, nachdem Sir Thomas Raffles 1819 im Namen der britischen Ostindien-Kompanie eine Niederlassung gegründet hatte. Die Briten erwarben die Insel fünf Jahre später ohne militärische Gewalt von ihrem Besitzer, dem Sultan von Johor. Umgerechnet auf heute war Singapur damals 60 000 Dollar wert.
Im Südosten von Singapur herrschten die Niederländer über das heutige Indonesien. Sie machten große Geschäfte mit dem Gewürzhandel. Im Norden behauptete das Königreich Siam (heute Thailand) seine Unabhängigkeit, weiter im Osten, auf den Philippinen, saß die größte Konkurrenz der Briten, die Spanier. Die britische Krone war in Südostasien schwach vertreten und wollte ihre Macht bündeln. Sie machte Singapur zu einem Teil der straits settlements, eines Zusammenschlusses von vier isolierten, aber strategisch günstig gelegenen Territorien der Malaiischen Halbinsel. Die Briten trugen der wachsenden Bedeutung Singapurs für Schifffahrt und Handel Rechnung, indem sie die Insel zur Hauptstadt der straits settlements erklärten und die Territorien 1867 zur Kronkolonie erhoben.
Die japanische Besetzung von 1942 bis 1945 unterbrach die britische Hoheit nur kurz. Wie überall in Asien errichteten die zunächst als Befreier von der Kolonialherrschaft gefeierten japanischen Truppen ein Terrorregime, dessen berüchtigtste Stätte in Singapur das Changi-Gefängnis war, das wie ein Konzentrationslager geführt wurde.
Nach der Kapitulation der Japaner führte die britische Verwaltung grundlegende Reformen durch; dazu zählte das Frauenwahlrecht. Doch die Briten konnten sich dem Geist der Zeit, der Dekolonialisierung, nicht entziehen. Ihr Kronjuwel Indien wie auch Birma (heute Myanmar) waren bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängig geworden, Indonesien hatte etwas später die niederländische Kolonialherrschaft abgeschüttelt. Das Gleiche galt für andere südostasiatische Staaten wie die Philippinen oder Vietnam. Allein die Malaiische Halbinsel blieb noch mehr als ein Jahrzehnt unter kolonialer Verwaltung.
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Im Jahr 1959 erhielt Singapur den Status einer Kronkolonie mit innerer Selbstverwaltung. Die ersten Wahlen gewann die People’s Action Party (PAP) unter dem jungen, ehrgeizigen Lee Kuan Yew, der damit erster Ministerpräsident der Insel wurde – und es für mehr als drei Jahrzehnte bleiben sollte. Die Entwicklung deutete noch nicht auf die Unabhängigkeit hin. Zunächst stand eine Föderation mit dem heutigen Malaysia im Raum, dessen Westteil seit 1957 unabhängig war.
Gemeinsam mit den ostmalaysischen Bundesstaaten Sarawak und Sabah wurde Singapur am 1. September 1963 von Großbritannien als Teil einer solchen Föderation in die Unabhängigkeit entlassen. Dafür setzten sich auch die PAP und vor allem Lee Kuan Yew persönlich ein. In einem fragwürdigen Referendum vom 1. September 1962, bei dem die Unabhängigkeit gar nicht zur Debatte stand, stimmte eine große Mehrheit von 95,8 Prozent für eine Vereinigung mit Malaysia.
Dieses Konstrukt hatte jedoch keine stabile Basis. In Singapur waren unter der britischen Herrschaft vor allem Chinesen aus dem Süden Chinas sowie anderen Teilen Südostasiens eingewandert. Sie waren überwiegend Buddhisten. Von den muslimischen Malaien, die in der Föderation die Mehrheit bildeten, fühlten sie sich diskriminiert und marginalisiert. So kam es 1965 zu Unruhen, die am Festtag zu Ehren von Mohammeds Geburtstag (21. Juli) begannen. 23 Menschen starben dabei, zahllose Geschäfte wurden zerstört. Der genaue Auslöser ist bis heute unklar.
Während Zentralregierungen aufständische Bewegungen in der Regel militärisch zu unterdrücken versuchen, reagierte die Regierung in Kuala Lumpur ungewohnt: Aus Angst, die Unruhen könnten auf weitere Provinzen mit starkem chinesischem Bevölkerungsanteil übergreifen, schloss sie Singapur am 7. August 1965 aus der Föderation aus – gegen den entschiedenen Willen von Lee Kuan Yew. Zwei Tage später erkannte Kuala Lumpur die Unabhängigkeit offiziell an. Der 9. August gilt deshalb als Beginn der Eigenständigkeit und wird heute als Nationalfeiertag begangen. Lee Kuan Yew beugte sich den Fakten und wurde erster Ministerpräsident eines Staates, den er gar nicht wollte.
Seine Partei PAP sah sich nun einer gänzlich neuen Herausforderung gegenüber. Singapur umfasst drei Haupt- und 58 kleinere Inseln, die insgesamt etwa die Fläche von Hamburg ausmachen. Abgeschnitten vom malaiischen Hinterland, drohte Mangel auf allen Ebenen: Es gab zu wenig Ackerland, Rohstoffe, Arbeitsplätze und Wohnraum. Nachdem Lee Kuan Yew die Fakten widerwillig akzeptiert hatte, legte seine Regierung den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Heute steht Singapur laut der UNDP, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, auf dem fünften Platz im Index der menschlichen Entwicklung. Auch in Sachen Korruptionsbekämpfung ist der Inselstaat vorbildlich. Nur wenige europäische Länder gelten als weniger anfällig für Korruption, und innerhalb Asiens ist Singapur ein einsamer Leuchtturm.
Als Basis des Erfolgs besann sich Lee Kuan Yew auf das zurück, was schon die Briten an der Insel geschätzt hatten: die Lage als internationale Handelsdrehscheibe. Zudem entwickelte sich Singapur zu einem der weltweit wichtigsten Finanzplätze und einer Steueroase. Eine weitgehend deregulierte Wirtschaft zog zahlreiche finanzstarke Investoren an, die allerdings nicht alle nur hehre ethische Grundsätze verfolgten. Viele asiatische Potentaten wie die Militärs in Myanmar horteten und horten ihr Vermögen in dem Inselstaat.
Diese Entwicklung verstärkte sich noch nach der weltweiten Finanzkrise von 2008/09, in der Singapur als stabiler Faktor gesehen wurde. Der Reichtum ermöglicht es den Verantwortlichen, auf modernste Technologien zu setzen, etwa im Bereich der Biotech- und Pharmaindustrie. Die Börse ist ein wichtiger Index über den südostasiatischen Markt hinaus und der Hafen einer der modernsten der Welt. Der wichtigste Handelspartner ist heute China.
Ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor ist zudem der Tourismus. Etwa zwölf Millionen Besucher pro Jahr – viele davon auf der Durchreise in andere asiatische Staaten oder nach Australien – füllen den Staatshaushalt. Um sie wirbt der Staat mit zahlreichen Attraktionen. Eine der spektakulärsten ist die 2012 eröffnete, über 100 Hektar große Anlage „Gardens by the Bay“, die jährlich etwa zehn Millionen Besucher verzeichnet.
Dabei enthält das Modell Singapur viele einander widersprechende Elemente. Der deregulierten Wirtschaft steht zum Beispiel ein fast sozialistisch geregelter Wohnungsmarkt gegenüber. Dort geht es nicht um Profite, sondern darum, den knapp sechs Millionen Menschen bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen – und das in einer der teuersten Städte der Welt. Große und gleichzeitig vorbildlich ausgestattete Wohnsiedlungen vor allem im Norden bieten den meisten Menschen eine Herberge.
In scharfem Kontrast zur wirtschaftlichen Freiheit steht auch die rigide Ordnung im Alltag. Es dürfte keine Stadt der Welt geben, in der Straßen, Gehwege und Shopping Malls derartig sauber sind wie in Singapur; kein Wunder, denn selbst „Vergehen“ wie Rauchen in der Öffentlichkeit werden mit einer Strafe von 1000 Singapur-Dollar (rund 650 Euro) oder Essen und Trinken im öffentlichen Verkehr mit 500 Singapur-Dollar belegt.
Für Vandalismus, wozu auch Graffiti zählen, wird die Prügelstrafe angewandt, wobei auch auf Ausländer keine Rücksicht genommen wird; ebenso wenig wie beim Vollzug der Todesstrafe. In keinem Land der Welt ist die Zahl der Hinrichtungen pro Einwohner so hoch wie in Singapur, etwa 25 Menschen werden pro Jahr hingerichtet. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Drogendelikte. Der Besitz von mehr als 500 Gramm Cannabis, 15 Gramm Heroin oder 30 Gramm Morphium gilt als Drogenhandel und wird ausnahmslos mit dem Tod bestraft.
Zu einer besonders skurrilen Maßnahme zählte ein Gesetz von 1992, das die Einfuhr und den Verkauf von Kaugummi untersagte. Offizielle Begründung war die Verunreinigung öffentlicher Orte durch ausgespuckten Kaugummi. Das löste starken Protest der Kaugummi-Lobby in den USA aus. Singapur wurde vorgeworfen, gegen die eigenen Grundsätze zu verstoßen – nämlich den freien Handel. Eine Lockerung des Gesetzes zwölf Jahre später gilt als Kompromiss. Heute gibt es Kaugummi auf Rezept.
Nicht weit her ist es auch mit der Pressefreiheit. Obwohl Singapur eine demokratische Republik ist, sieht sich die Presse einer starken staatlichen Kontrolle ausgesetzt, die längst zu einer Selbstzensur geführt hat. Der tiefere Grund dafür liegt in der staatlich verordneten Harmonie, wogegen nach offizieller Auffassung eine Presse verstoßen könnte, die zu kritisch über gesellschaftliche Schattenseiten berichtet.
Bei aller Kritik an den drastischen Strafen lässt sich nicht leugnen, dass Singapur nicht nur wirtschaftlich Beachtliches geleistet hat. Der aus ethnisch-religiösen Unruhen hervorgegangene Staat ist heute ein Beispiel für ethnische und religiöse Toleranz, die über Asien hinaus ihresgleichen sucht. Die Chinesen stellen mit gut drei Vierteln der Bevölkerung die deutliche Mehrheit, die Malaien folgen mit etwa 14 Prozent, Inder mit acht Prozent.
Die Verteilung der Religionen ist noch heterogener. Die Buddhisten stellen ein Drittel der Bevölkerung, die verschiedenen christlichen Kongregationen – zu denen sogar eine armenische Gemeinde zählt – 20 Prozent, die Muslime 14 Prozent, die Daoisten zehn und die Hindus fünf Prozent. Dazu kommt eine kleine jüdische Gemeinde, deren Wurzeln ins 19. Jahrhundert zurückreichen.
Der Staat achtet nicht nur darauf, dass alle ethnischen und religiösen Gruppen ihre Identität ungehindert leben können, er hat sogar ein Proporzsystem auf dem Wohnungsmarkt eingeführt: Minderheiten steht ein Anteil an Wohnungen gemäß ihrer Größe zur Verfügung. Das soll Diskriminierung verhindern. Die Toleranz zeigt sich auch darin, dass die derzeitige Staatspräsidentin eine strenggläubige malaiische Muslima ist, Halimah Yacob.
Diese Gratwanderung zwischen extrem liberaler Wirtschaftspolitik mit sozialistischen Elementen, Toleranz zwischen den verschiedenen Ethnien und Religionen sowie einem rigiden, unnachgiebigen Ordnungssystem trägt die Handschrift von Lee Kuan Yew, dem 2015 im Alter von 91 Jahren verstorbenen Übervater des Landes. Er war nicht nur 31 Jahre lang Ministerpräsident, sondern gehörte danach noch für 21 Jahre dem Kabinett als „Senior Minister“ an. Mit 87 Jahren zog er sich schließlich aus der Politik zurück.
Heute ist sein Sohn Lee Hsien Loong der dritte Ministerpräsident des Landes. Als Singapur unter Lee Kuan Yew 1965 ungewollt in die Unabhängigkeit stolperte, waren Korruption und Kriminalität weit verbreitet. Er war davon überzeugt, nur ein starker Staat mit einer autoritären Führung sei in der Lage, die anstehenden Probleme zu lösen. Da ihm die Entwicklung durchaus recht gab, hielt er bis ins hohe Alter an seinen Überzeugungen fest. Nachhaltig berühmt wurde sein Zitat „Ein Übermaß an Demokratie führt zu disziplin- und ordnungslosen Bedingungen, die der Entwicklung schaden.“
Ein politischer Freund Lees war der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die beiden trafen sich noch im hohen Alter zum Gedankenaustausch, und Schmidt hat seiner Bewunderung für Lees Lebenswerk immer Ausdruck verliehen.
Autor: Klemens Ludwig
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