Der Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion war von Anfang an als Vernichtungskrieg angelegt. Die zunächst völlig überforderte Rote Armee erholte sich jedoch von den katastrophalen Niederlagen der ersten Monate. Aus dem von beiden Seiten mit größter Härte geführten Ringen ging sie schließlich als Siegerin…
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Am 22. Juni 1941 eröffneten deutsche Truppen den Krieg gegen die Sowjetunion. Die Wehrmacht war im Sommer 1941 eine erfolgsverwöhnte Armee. In den zwei Jahren zuvor hatte sie halb Europa militärisch besiegt. Sieger wie Besiegte sprachen nur von „Blitzkriegen“, in denen ein übermächtig erscheinendes deutsches Militär innerhalb kürzester Zeit das Heft in der Hand hatte.
Mit dieser Erwartungshaltung gab Reichskanzler und „Führer“ Adolf Hitler am 18. Dezember 1940 die „Weisung Barbarossa“: Die deutschen Truppen sollten bis zum Winter 1941 den europäischen Teil der Sowjetunion erobert haben. Parallel dazu sollten sich diverse Reichsministerien darauf vorbereiten, das Land vollkommen ausbeuten zu können. Diese Vorgaben setzten die Planung eines verbrecherischen Großunternehmens in Gang, das wir heute als „Vernichtungskrieg“ bezeichnen.
Ein „Hungerplan“ sah vor, den europäischen Teil der Sowjetunion zu entvölkern, indem die ansässige Bevölkerung entweder nicht ernährt oder aber weit nach Osten vertrieben werden sollte. Die Bodenschätze und Produkte der Region sollten ausgebeutet und zukünftig das Land für die Ansiedlung von Deutschen genutzt werden („Lebensraum“). Als Folge nahmen die Planer den Tod von 30 Millionen sowjetischen Zivilpersonen an. Während des Krieges, planerisch waren das nicht mehr als vier Monate, sollte sich die Wehrmacht aus dem Land ernähren.
Hitlers mörderische Devise: „Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad“
Die Wehrmacht wusste, worauf sie sich vorbereitete. Hitler hielt Ende März 1941 vor den Generälen eine Grundsatzrede, in der er den kommenden Krieg als „Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander“ bezeichnete. Auf das Kriegsvölkerrecht könne daher keine Rücksicht genommen werden: „Wir müssen vom Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.“
Auf Basis dieser Vorgaben erteilte die Wehrmachtsführung im Sommer 1941 ihre Befehle: Alle Träger des sozialistischen Systems der Sowjetunion, die „Kommissare“, seien sofort zu töten. Kriegsgefangene sowjetische Soldaten seien nicht zu versorgen, und gegenüber der Zivilbevölkerung seien alle Maßnahmen erlaubt, welche die Wehrmacht für ihre Sicherheit für notwendig erachte. Damit waren alle Kriegskonventionen, die den Erhalt des Lebens der Soldaten in Gefangenschaft sowie den grundsätzlichen Schutz der Zivilbevölkerung (und auch des Kulturguts) zur Verpflichtung machten, aufgehoben.
Dem „Kommissarbefehl“ fielen rund 10 000 Menschen zum Opfer. Mindestens drei Millionen Rotarmisten kamen in deutscher Gefangenschaft ums Leben und – je nach Schätzung – bis zu 18 Millionen Einwohner der Sowjetunion durch die Kriegshandlungen bzw. die Maßnahmen der deutschen Besatzung. Die historische Forschung spricht einschließlich der im Kampf gefallenen Rotarmisten von 27 Millionen sowjetischen Opfern, die der deutsche Vernichtungskrieg forderte.
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Der Krieg gegen die Sowjetunion war kein „Blitzkrieg“. Er geriet zu einem dreijährigen militärischen Ringen auf sowjetischem Boden, dem ein viertes Jahr folgte, in dem die Rote Armee bis an die Elbe vorstieß. Im Juni 1941 aber war das Land in einem Schock. Stalin fand erst nach zwei Wochen die Kraft für eine Rundfunkansprache an sein Volk (siehe Artikel Seite 20).
Gewöhnt an Appelle und Kampagnen, durch die der sozialistische Staat schon immer seine Ziele zu erreichen versucht hatte, funktionierte das ganze Land mit einem Mal im Kriegsmodus. Das war mehr als stumpfer Gehorsam. Alle verstanden, dass es nun ums Ganze gehen würde. „Es war ein Vernichtungskrieg. Er nährte Hass und Rachedurst und wuchs sich dann zu einer Sache aus, deretwegen die Rote Armee im Laufe von vier Jahren furiose Gefechte austrug“, gab ein Veteran später zu Protokoll. Unzählige junge Menschen (Männer wie Frauen) meldeten sich freiwillig zur Armee.
Befehl 270: typisch für Stalin, aber auch Reaktion auf die desolate Lage
Und dennoch blieb das für den Stalinismus charakteristische staatliche Misstrauen. Stalins Befehl 270 vom 16. August 1941 bestrafte – was in jeder Armee üblich ist – nicht nur Desertion, sondern auch „Feigheit“. Zudem kündigte er die Bestrafung der Familienangehörigen von „Feiglingen“ oder Deserteuren an. Und fielen Rotarmisten nach aussichtslosem Kampf in die Hände der Wehrmacht, „begaben sie sich“ nach Stalins Worten quasi aktiv in feindliche Gefangenschaft. Für ihn war das Verrat.
Der Befehl 270 war eine Reaktion auf die katastrophale Lage an der Front. Bereits nach einer Woche Krieg war die weißrussische Hauptstadt Minsk gefallen. In „Kesselschlachten“ umkreiste die Wehrmacht die sowjetischen Truppen, um sie anschließend zu vernichten. Bis Mitte September fielen die im Westen gelegenen Großstädte.
Siegessicher strebte die Wehrmacht auf Moskau zu. Anfang Oktober ordnete Stalin die Evakuierung der Metropole an, blieb selbst aber in der Hauptstadt. Das war ein wichtiges Signal. Und so ging die traditionelle Parade zu Ehren der Oktoberrevolution am 7. November 1941 im verschneiten Moskau in die Geschichte ein als ein Zeichen des unbeugsamen Widerstandswillens. Am 5. Dezember eröffnete die Rote Armee vor Moskau eine Gegenoffensive, mit der sie die Wehrmacht zum Stehen brachte.
Deren Angriffskraft hatte schon zuvor erheblich nachgelassen. Im Herbst waren die Konvois in den aufgeweichten Straßen Russlands steckengeblieben, und nach dem Wintereinbruch erlitten zahlreiche deutsche Soldaten in ihren Sommeruniformen schwerste Erfrierungen. Der sowjetische Sieg vor Moskau war kein glänzender, aber er war ungemein wichtig. Er bewies, dass die Rote Armee entgegen allen Erwartungen als Militärorganisation bestanden hatte.
Gegenoffensive von Moskau verschafft der Roten Armee Luft
Darin sehen Militärhistoriker einen der Gründe, warum am Ende die Rote Armee als Siegerin hervorging. Sie konnte sich regenerieren. Die Sowjetunion verfügte über eine schier unendliche Reserve an Soldaten und ließ ihre Rüstungsindustrie zu Hochtouren auflaufen. Die Wehrmacht dagegen hatte mit dem Angriff in drei Richtungen – neben Moskau auch den Norden (Leningrad) und den Süden (Odessa, Krim) – ihre Kräfte zersplittert. Und sie war logistisch nicht auf mehr als einen „Blitzkrieg“ vorbereitet.
Was sich im Nachhinein zu einer schlüssigen Argumentationskette aufaddiert, führte in der deutschen Führung mitnichten zum Verzagen. Die Wehrmachtsführung plante zuversichtlich die Frühjahrsoffensive 1942. Diese brachte zwar nicht die Einnahme Moskaus, so aber einen erheblichen Vormarsch im Süden. Stalingrad, das „Tor zum Kaukasus“ mit seinen Ölfeldern, wurde zum Ziel.
Die Rote Armee war immer noch ein schwacher Verteidiger. Am 28. Juli 1942 sah Stalin sich zu seinem Befehl Nr. 227 „Kein Schritt zurück“ genötigt. Bewaffnete Kräfte des Innenministeriums hinderten nun die Frontsoldaten gewaltsam am Zurückweichen. Jegliche Form der Feindbegünstigung, und sei es durch fehlenden Kampfgeist, wurde drakonisch bestraft – durch Erschießen.
Der Befehl war erneut eine Reaktion auf die reale Lage. Der Westen des Landes mit einem großen Teil der sowjetischen Bevölkerung, wichtigen städtischen Zentren und Industriestandorten sowie landwirtschaftlich ertragreichen Gebieten war seit über einem Jahr unter deutscher Besatzungsverwaltung. Im Baltikum, der westlichen Ukraine und der Kaukasusregion gab es zudem starke nationale Bewegungen, die vor einer aktiven Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern nicht zurückschreckten.
Erst im Lauf des Jahres 1942 organisierte ein zentraler Partisanenstab von Moskau aus nach und nach den Untergrundkampf gegen die Deutschen. Dessen ungeachtet waren zahlreiche Partisaneneinheiten in den unzugänglichen Wald- oder Sumpfregionen auf sich gestellt. Sie vertrauten auf lokale Unterstützung – oder erzwangen sie – und verfolgten mitunter eigene nationale Ziele.
Das Ende der Schlacht von Stalingrad Anfang Februar 1943 war für die Rote Armee ein hart erkämpfter Sieg, der zum Triumph über eine restlos geschlagene Wehrmachtsarmee geriet. Es ist daher kein Wunder, dass Stalin „seinen“ Sieg als den entscheidenden Wendepunkt in diesem Krieg pries – Stalingrad war zu einem persönlichen Duell der beiden Oberbefehlshaber geworden. Der russische Schriftsteller und Kriegspropagandist Ilja Ehrenburg bewertete den Erfolg von Stalingrad so: „Vorher hatte man an den Sieg glauben müssen, trotz allem, was dagegensprach. Nunmehr blieb für Zweifel kein Platz.“
Im Lauf des Jahres 1943 formierte sich die Anti-Hitler-Koalition aus Großbritannien, USA und Sowjetunion. Bereits im Herbst 1941 waren der Sowjetunion im Rahmen des US-amerikanischen Leih-Pacht-Gesetzes Hilfen zugesichert geworden. Auch hatten die USA ein schnelles militärisches Eingreifen in Westeuropa zugesagt, um damit die Wehrmacht in einem Zweifrontenkrieg zu bezwingen.
Während die zweite Front erst im Juni 1944 kam, entwickelten auch die Hilfslieferungen erst 1943 spürbare Wirkung. Nun aber konnte die Rote Armee mit den amerikanischen Lastwagen und Jeeps ihre Mobilität entscheidend verbessern; gelieferte Medikamente, Funk- und Ortungstechnik taten ein Übriges.
Auf Stalingrad folgt Kursk: Das Blatt wendet sich
Stalin schloss sich 1943 dem amerikanisch-britischen Kriegsziel der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches an. Als zwei Jahre später dieses Ziel erreicht war, beharrte er auf dem entscheidenden Beitrag der Roten Armee zum Sieg. Schließlich habe sie den Kampf gegen die Wehrmacht drei Jahre allein gefochten.
Im Juli 1943 brachte die Panzerschlacht von Kursk einen weiteren großen Erfolg für die Rote Armee. Kursk machte die neuen Verhältnisse in diesem Krieg manifest. Die Sowjetunion war nun in der Lage, eine gewaltige Menge Panzer in eine Schlacht zu werfen. Und die Initiative lag jetzt bei der Roten Armee.
Die Wehrmacht hinterlässt ein systematisch verheertes Land
Von nun an war es ein deutscher Rückzug. Dennoch ließ sich die Wehrmachtsführung noch zwei Jahre lang in ein militärisch immer weniger nachvollziehbares Durchhalten um jeden Preis drängen. Der in der nationalsozialistischen Ideologie wurzelnde Glaube an den „Endsieg“ war in den Köpfen vieler Befehlsträger der Wehrmacht angekommen. Insbesondere eine Waffenstreckung vor der Roten Armee galt als ausgeschlossen, denn die Wehrmacht sah sich nach wie vor in einem Weltanschauungskrieg gegen „den Bolschewismus“.
Auf ihrem Rückzug hinterließen die deutschen Verbände abermals eine Spur der Vernichtung. Systematisch zerstörten sie Siedlungen, Gleise, Straßen und Brücken. „Angesichts der unvermeidbaren Niederlage legten die Pioniere jetzt aber nicht nur dort Minen, wo sie mit ihnen einen Angriff verhindern konnten; sie bauten auch Minenfallen, die der friedlichen Bevölkerung auch nach dem Krieg noch Verluste zufügen sollten“, notierte General Wassili Tschuikow in seinen Memoiren.
Teilweise trieb die Wehrmacht die Zivilbevölkerung vor sich her nach Westen, nur um sie später dann doch irgendwo ihrem Schicksal zu überlassen. Das jämmerliche Erfrieren und Verhungern eines solchen Trecks von rund 12 000 Menschen in den Sümpfen bei dem weißrussischen Dorf Osaritschi im März 1944 ist ein prägnantes Beispiel für diese Rückzugsverbrechen.
In der Zeit des Rückzugs versuchten die deutschen Besatzer ebenso, die Spuren ihrer Vernichtungspolitik der vorangegangenen Jahre zu tilgen. Im Sommer 1941 waren „Einsatzgruppen“ den Frontruppen der Wehrmacht gefolgt, um in den eroberten Gebieten möglichen Widerstand zu unterbinden. Im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion waren die Einsatzgruppen mobile Mordkommandos zur „Bereinigung“ des zukünftigen deutschen Siedlungsraumes. In der nationalsozialistischen Rassenideologie galt die ansässige sowjetische Bevölkerung pauschal als „slawische Untermenschen“.
Der jüdischen Bevölkerung aber wurde jegliches Lebensrecht abgesprochen. Im Spätsommer 1941 entwickelte sich aus der zielgerichteten, massenhaften Erschießung der jüdischen Einwohner der Holocaust. Als im Januar 1942 in Berlin die sogenannte Wannsee-Konferenz den Mord aller europäischen Juden diskutierte, war das die zynische Koordinierung dessen, was die Einsatzgruppen auf sowjetischem Territorium begonnen hatten.
Die Wehrmacht kooperierte eng mit den Einsatzgruppen. Nur so sind die unglaublich hohen Verluste der sowjetischen Zivilbevölkerung zu erklären. Schätzungsweise wurden 2,5 Millionen sowjetische Juden Opfer des Holocaust. Darüber hinaus starben zwölf bis 15 Millionen nicht-jüdische Sowjetbürger durch gezielte Tötung sowie auch – häufiger – durch Kriegseinwirkung und Hunger.
Für Stalin und seine Generäle zählt das Leben eines Soldaten wenig
Im Juli 1944 befreite die Rote Armee das sowjetische Territorium endgültig. Kurz zuvor hatten die Alliierten in Nordfrankreich die zweite Front eröffnet. Ein Wettlauf begann. Stalin trieb seine Heerführer an, noch vor den amerikanisch-britischen Truppen deutsches Gebiet, besser noch Berlin zu erreichen. Im deutschen Gedächtnis ist die Einnahme Ostpreußens durch die Rote Armee im Januar 1945 verhaftet. Aber nahezu zeitgleich standen die ersten sowjetischen Stoßtrupps an der Oder 80 Kilometer vor Berlin.
Die „Berliner Operation“ der Roten Armee begann dann jedoch erst Mitte April, denn ohne Vorbereitung wäre diese gigantische letzte Offensive nicht geglückt. Sie brachte der sowjetischen Seite abermals hohe Verluste. Einerseits lag das an der Kriegsführung Stalins und seiner Generäle, für die das Leben des einzelnen Soldaten kaum zählte – die Zahl der Toten der Roten Armee wird auf rund neun Millionen beziffert, die der Wehrmacht lagen an der Ostfront bei rund 3,5 Millionen Toten. Andererseits waren die hohen Verluste der Roten Armee dem zähen deutschen Widerstand geschuldet.
Autor: Dr. Jörg Morré
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