Erfreulicherweise stellt sich der Autor diesen schwierigen methodischen Fragen zu Beginn seines gewichtigen Buchs, indem er die gestellte Aufgabe eingehend problematisiert. Zentraler Erzählstrang ist für ihn der „amerikanische Traum“ mit seinen immer wieder identitätsstiftenden Kernelementen, die sich schon in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 finden: Freiheit, Chancengleichheit und das Streben nach Glück – wobei das Erbe der Puritaner mit ihrem Arbeitsethos und Auserwähltheitsanspruch im Hintergrund dieser von Widersprüchen gekennzeichneten Geschichte stets als Matrix wirkte und wirkt.
Für den Aufbau seines Werks hat sich der Verfasser offenkundig für eine Synthese zwischen Ereignis- und Strukturgeschichte entschieden, die es dem Leser zuweilen etwas erschwert, einem roten Faden zu folgen. Hier ein Beispiel: So wird im vierten Kapitel die territoriale Erschließung des Kontinents von 1815 bis 1890 – zwangsläufig mit dem Fokus auf der Verdrängung und teilweisen Vernichtung der indigenen Bevölkerung – chronologisch erörtert; im folgenden Kapitel dann der Zeitabschnitt vom Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) bis zum amerikanischen Eintritt in den Ersten Weltkrieg im Jahr 1917 unter dem Hauptthema der „nationalen Sammlung“. Es folgt mit einem Strukturkapi‧tel eine Longue-durée-Darstellung der amerikanischen Außenpolitik von der Unabhängigkeit 1776 bis zum Ersten Weltkrieg, das heißt, der Leser lässt mit dieser thematischen Schneise zwangsläufig die Zeit Revue passieren, von der er zuvor schon gelesen hatte.
Gleichwohl ist dieser Aufbau des Buchs sicherlich auch eine Geschmacksfrage, und es bleibt dem Leser überlassen, wie er sich die amerikanische Geschichte anhand dieser Strukturierung am besten erschließen möchte. Gerade unter diesem Aspekt wäre ein Sachregister (ein Personenregister ist vorhanden) überaus sinnvoll gewesen, um dem Leser zu ermöglichen, die für ihn wichtigen Begrifflichkeiten und Themenfelder schnell ermitteln zu können; auch auf eine Gesamtbibliographie hat der Verlag verzichtet. Ferner hätte sich zudem ein Kapitel über den zentralen Stellenwert von Religion in dieser sonst säkularen Gesellschaft gut eingefügt; sicherlich ein nationales Spezifikum und allgemeines Unterscheidungsmerkmal innerhalb der westlichen Welt. Bei alledem ist dies aber eine beeindruckende und gut lesbar verfasste Gesamtdarstellung der „United States of America“.
Rezension: Prof. Dr. Jörg Nagler





