Bücher Vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer In seinem neuen Buch über die Geschichte Europas entscheidet sich der renommierte OsteuropaHistoriker Oliver Jens Schmitt entgegen der üblichen Blickachse von West nach Ost für einen „vertikalen Blick auf den Kontinent“ vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer, um so die „Nord-Süd-Dynamik“ angemessen zu thematisieren. Diese Sichtachse ermöglicht es, die Geschichte Osteuropas aus der meist auf die russischen Machtzentren Moskau und St. Petersburg konzentrierten Perspektive zu lösen. Dieser Russozentrismus hat schon oft dazu verleitet, die westlichen Nachbarn Russlands zu einer Zwischen- oder Pufferzone herabzustufen, die im Rahmen quasi gesetzmäßig ablaufender historischer Prozesse unter russische Herrschaft geraten mussten. Heute nutzt das PutinSyndikat den Euphemismus „russische Sicherheitsinteressen“, um seine neoimperialen Machtansprüche zu kaschieren und unter dem Label „Geopolitik“ seine raumbasierten Konzeptionen internationaler Politik zu lancieren. Der Wert des facettenreichen, gut lesbaren Buchs liegt darin, dass Schmitt die Geschichte der skandinavischen und baltischen Länder, von Polen, Belarus und der Ukraine sowie Rumäniens und der Republik Moldau in kompakter und kompetenter Weise so zu schildern weiß, dass deren historisch-politische Eigenständigkeit deutlich wird. Auf wenigen Seiten gelingt es Schmitt beispielsweise, die Geschichte des frühneuzeitlichen ukrainischen Kosakentums profund abzuhandeln. Gleiches gilt für seine sachkundige Darstellung des antistalinistischen Partisanenkampfs im Baltikum, in Belarus und der Ukraine, der mit einem grauenhaften Blutrausch auch nach den Schrecken des Weltkriegs die Region weiter im Griff hatte. In sechs Kapiteln führt Schmitt seine Leserschaft durch die Epochen der osteuropäischen Geschichte. Im ersten Kapitel be-
handelt er ausgehend vom ostslawischen Staatsgebilde der Kyjiver Rus’ das Mittelalter. Dabei wird deutlich, wie stark schon damals die Nord-Süd-Dynamik die Geschichte Europas prägte. Das zweite Kapitel geht auf die Großmächtepolitik der Frühen Neuzeit ein, als das Ringen um die Vorherrschaft im Ostseeraum die europäische Staatenwelt auf
Oliver Jens Schmitt, Moskaus westliche Rivalen. Eine europäische Geschichte vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025, 480 Seiten, € 32,–.
Kriegspfad hielt. Die beiden folgenden Kapitel decken das 18. und das lange 19. Jahrhundert ab. Infolge des Aufstiegs und der Expansion des russischen Imperiums mussten sich damals viele Anrainerstaaten der Zarenherrschaft unterwerfen. Im Zeitalter der Weltkriege wurde Osteuropa zur Gewaltzone widerstreitender Diktatoren und geriet nach 1945 erneut in den Moskauer Machtorbit, der 1989/91 weitgehend bürokratisch geregelt implodierte. Das damals ausgebliebene Furioso scheint Putin mit seiner revisionistischen Kriegspolitik zeitverschoben nachzuholen. Vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeschehens bietet Schmitts Geschichtsschau wichtiges Orientierungswissen. Sie erklärt mit historisch hergeleiteten Argumenten, warum die ukrainische Gesellschaft mit ihrer von Selbstbehauptung geprägten politischen Kultur unter keinen Umständen Teil von Putins „russischer Welt“ werden will und weshalb die nord- sowie osteuropäischen NATO-Staaten immer schon viel in ihre Verteidigungsfähigkeit investiert haben. Wer verstehen möchte, warum sich die historischen Erfahrungen von Russlands Anrainerstaaten so





