Vor diesem Hintergrund schrieb der Dichter Vergil seine vierte Ekloge, ein Gedicht in der Tradition hellenistischer Hirtenpoeme. Vergil beschreibt darin das Goldene Zeitalter der griechischen Sagen nicht als fernes, verlorenes Ideal, sondern kündigt seine baldige Wiederkehr in der Gegenwart an: Mit der Geburt eines Knaben sollen auf Erden paradiesische Zustände beginnen. Dessen Identität ist bis heute umstritten. Es könnte sich um den erhofften Sohn aus der Ehe von Marcus Antonius und Octavia handeln, mit dem ein neues Zeitalter anbrechen würde.
Doch schon wenige Jahrhunderte später hatten Vergils Leser diese Zeitumstände vergessen. Man deutete die Ekloge als Prophezeiung auf Jesus Christus und sah in Vergil gewissermaßen einen „christlichen“ Autor avant la lettre. Das trug im Mittelalter zu einem Sagenkreis um den Dichter bei, in dem er teils als mächtiger Zauberer erscheint, und förderte die Überlieferung seiner Schriften. Nicht zuletzt aufgrund dieses Missverständnisses wählte Dante Vergil in der „Commedia“ als Führer durch die Unterwelt.





