Nachdem er mit Familie und Gefolge zunächst bei einem niederländischen Adligen untergekommen war, bezog Wilhelm im Frühjahr 1920 das von ihm gekaufte Haus Doorn nahe Utrecht. Dort tat er die nächsten gut zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1941 meist das, womit er sich schon während des Weltkriegs die Zeit vertrieben hatte: Er trank Tee, hackte Holz und ließ sich von seinem – arg zusammengeschrumpften – Hofstaat als „Majestät“ anreden und umsorgen.
Außerdem begann er nun, Memoiren zu schreiben. In diesen Lebenserinnerungen wie in unzähligen Gesprächen und Briefen präsentierte der ehemalige Kaiser seine ganz persönliche Erklärung für die Revolution und seinen Sturz. Mit bitteren Vorwürfen überzog er alle möglichen Nationen, Gruppen und Einzelpersonen, die ihn „verraten“ und das Ende der Monarchie verschuldet hätten: die perfiden Engländer, die rachsüchtigen Franzosen, die verschlagenen Amerikaner, die russischen Bolschewiken, die Freimaurer, die Juden, die SPD, die Liberalen und die deutschen Militärs. Allein er selbst erschien in diesen Verschwörungsgeschichten als völlig schuldlos.
„Desertion“: Selbst Wilhelms ehemaliges Gefolge ist von ihm grenzenlos enttäuscht
Allzu viel Glauben fand Wilhelm damit nicht. Selbst in seinem ureigensten Milieu, im preußischen Adel, blieb das Echo darauf verhalten bis spöttisch. Denn unter preußischen Aristokraten verbreitete sich nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend nicht nur die Überzeugung, der ehemalige Kaiser sei für den Verlust seines Thrones selbst verantwortlich. Wilhelm II. habe dabei auch den Adel, dem er selbst entstammte und dem er nun „Verrat“ vorwarf, seinerseits verraten. Statt 1918 die Konterrevolution zur Verteidigung adliger Interessen anzuführen oder zumindest einen heroischen Tod im Kampf zu suchen, sei er feige geflohen.
In aristokratischen Kreisen war die Flucht Wilhelms ins niederländische Exil anfangs noch vielfach auf den negativen Einfluss bürgerlicher Berater zurückgeführt worden. Im Lauf der 1920er Jahre wurde dem Ex-Kaiser aber in wachsendem Maß „Fahnenflucht“ vorgeworfen. Wilhelm habe sich 1918 wie ein ängstliches „Karnickel“ verhalten, hieß es in diesen Kreisen bald hinter vorgehaltener Hand und schließlich auch laut. Der letzte Präsident des Preußischen Herrenhauses, Graf Dietlof von Arnim-Boitzenburg, hatte den Kaiser Anfang November 1918 aufgefordert, die „Majestät“ müsse „an der Stelle ausharren an die Höchstdieselbe Gott und nicht die Gnade des Volkes gestellt hat, an der seine Majestät stehen und fallen, aber nicht weichen dürfen. Noch nie in den 500 Jahren der ruhmreichen Geschichte unserer Hohenzollern sah die Welt einen Herrscher aus diesem Geschlecht von seinem Platze gehen“. Entsprechend groß waren Schock und Enttäuschung, als Wilhelm wenige Tage später genau das tat.





