Verdammt zum Italienisch-Sein - wissenschaft.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Verdammt zum Italienisch-Sein
Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Italien im Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye (1919) Südtirol zugesprochen. Rund 240 000 Tiroler deutscher und ladinischer Muttersprache waren bald einer zunehmend aggressiven Politik der Italianisierung ausgesetzt. Denn 1922 hatten in Rom die Faschisten unter Benito Mussolini…
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Am 9. November 1918 notierte der in Innsbruck wirkende deutsche Historiker Ludwig von Pastor in sein Tagebuch: „Nachmittags ging ich mit meinem Sohn Ludi zur Brennerstraße, dort bewegte sich ein Heereszug, so groß wie die alte Straße ihn noch nie gesehen. Die Reste der kaiserlichen Armee, nicht vom Feinde, sondern vom Hunger besiegt! Die Armee, die Helden der vier furchtbaren letzten Jahre des alten Kaiserstaates kehren zurück, entwaffnet, todmüde, ohne Dank, sie wissen nicht, wohin sie ihr Haupt legen sollen – die Monarchie, für die sie so tapfer und aufopfernd gekämpft, finden sie in den Delirien der Auflösung.“ Noch vor Kriegsende war das morsche Gebäude der Donaumonarchie endgültig auseinandergebrochen. Bevor die Waffen schwiegen, hatten einzelne der neuen Nationalregierungen innerhalb der Donaumonarchie ihre Truppen von den Fronten zurückgerufen.
In Wien gab es zwar noch eine kaiserliche Regierung, die Geschicke des deutschsprachigen Restes der Monarchie lenkten aber eine provisorische Nationalversammlung und ein von ihr eingesetzter Staatsrat. Die Frage der Staatsform dieses neuen Staates „Deutsch-Österreich“ wurde am 11. November 1918 mit der Verzichterklärung Kaiser Karls und am 12. November mit einem Beschluss der Nationalversammlung zugunsten einer demokratischen Republik entschieden.
In Innsbruck hatte sich im Oktober 1918 eine „Tirolische Landes-“ oder „Nationalversammlung“ gebildet, mit einem „Tiroler Nationalrat“ als Landesregierung. Dieser erklärte die Zugehörigkeit Tirols zum neuen Staat, dessen Namen nach Einspruch der Siegermächte auf Österreich ohne den Zusatz „Deutsch“ geändert und der allgemein als lebensunfähiges „Überbleibsel“ der großen Monarchie betrachtet wurde.
Der Wille der Bevölkerung zählt nicht – US-Präsident Wilson hat andere Pläne
Wie in mehreren Bundesländern wollte man auch in Tirol das im Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye (1919) verankerte Verbot eines Anschlusses an Deutschland durch eine Volksabstimmung überwinden. In Tirol stimmten am 24. April 1921 rund 98,5 Prozent der Wähler für ein Zusammengehen mit Deutschland. Folgen hatte diese Willenserklärung der zutiefst verunsicherten Tiroler Bevölkerung keine. Das Abstimmungsergebnis hatte neben der Existenzangst mit der Hoffnung zu tun, dass ein größeres Deutschland in direkten Verhandlungen mit Italien die Abtrennung Südtirols rückgängig machen könnte. Diese war am 10. Oktober 1920 rechtsgültig geworden.
Dass es jemals so weit kommen würde, hatte bei Kriegsende im November 1918 niemand in Tirol geglaubt. Zwar wusste man von den Ansprüchen Italiens auf die Brennergrenze, doch vertraute man auf die von US-Präsident Woodrow Wilson feierlich verkündeten 14 Punkte für eine gerechte Friedensordnung in Europa. Der zweite dieser Artikel versprach „die Regelung aller Fragen … aufgrund einer freien Annahme durch das Volk, das unmittelbar damit betroffen ist, und nicht auf der Grundlage materieller Interessen oder des Vorteils irgendeiner anderen Nation …“ Und im
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Punkt 9 heißt es: „Es soll eine Berichtigung der Grenze Italiens durchgeführt werden nach den klar erkennbaren Linien der Nationalität.“ Und diese Linien waren eindeutig. Dass Italien Südtirol besetzt hielt, war für die meisten Tiroler eine Waffenstillstandsbedingung – nichts weiter. Aber die Italiener waren nicht gewillt, sich aus Südtirol wieder zurückzuziehen. Und die Hoffnung auf Wilson sollte bitter enttäuscht werden. Schon im Januar 1919 war der US-Präsident entschlossen, im Fall Südtirols seine 14 Punkte außer Acht zu lassen und das italienische Argument von der „strategischen Notwendigkeit“ der Brennergrenze anzuerkennen. Italien sollte aus Sicht der USA dafür entschädigt werden, dass das ebenfalls von Rom beanspruchte Dalmatien mit seinem hohen italienischen Bevölkerungsanteil dem neuen südslawischen Staat, dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, zugesprochen wurde. Nach dem Londoner Vertrag von 1915, in dem Italien die Brennergrenze als Preis für seinen Kriegseintritt auf der Seite Frankreichs und Englands zugesichert wurde, hätte dem Land auch die dalmatinische Küste zugeschlagen werden müssen.
Die Frage nach der Nationalität der Bevölkerung Südtirols spielte bei den Verhandlungen während der Friedenskonferenz in Saint-Germain-en-Laye bei Paris kaum eine Rolle. Der als Berater der italienischen Delegation in Paris weilende nationalistische Politiker Ettore Tolomei (1865 –1952) legte zwar seine erfundenen „Beweise“ dafür vor, dass Südtirol italienisch sei, doch war Präsident Wilson über die tatsächlichen ethnischen Verhältnisse in Tirol gut informiert. Nur nützte dies den Tirolern nichts. Ohnmächtig mussten sie hinnehmen, dass der österreichische Staatskanzler Karl Renner am 10. September 1919 den Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye unterzeichnete, der die Zerreißung Tirols besiegelte.
Es beginnt mit einem brutalen Überfall auf einen Trachtenumzug in Bozen
Rund 240 000 Tiroler deutscher und ladinischer Muttersprache kamen durch die neue Grenzziehung unter italienische Herrschaft. Eine Verpflichtung zum Schutz dieser Minderheit hatte das zentralistisch regierte Königreich Italien nicht übernehmen müssen. Dennoch schien zunächst eine gewisse Autonomie möglich. Bei den Wahlen zum italienischen Parlament im Mai 1921 errangen die Südtiroler, deren Politiker sich über alle Parteischranken hinweg zum „Deutschen Verband“ zusammengeschlossen hatten, durch eine fast geschlossene Stimmabgabe immerhin vier Mandate.
Doch zu diesem Zeitpunkt war das Land bereits mit dem Terror der Faschisten konfrontiert. Eine Vorahnung auf die kommenden Jahre brachte der 24. April 1921, als faschistische Kommandos in Bozen einen Trachtenumzug überfielen, den Lehrer Franz Innerhofer erschossen und 40 weitere Südtiroler verletzten. Eineinhalb Jahre später forderten die Faschisten den Bozner Gemeinderat ultimativ auf, die größte und modernste Schule der Stadt für den Italienischunterricht zu räumen. Dies lehnte der Gemeinderat ab. Daraufhin rückten einige tausend aus dem Süden herbeitransportierte Faschisten in Bozen ein und besetzten das Rathaus. Dieser „Marsch auf Bozen“ vom 2. Oktober 1922 war sozusagen die Probe für die kurz darauf, am 28. Oktober 1922, folgende Machtübernahme Benito Mussolinis durch den „Marsch auf Rom“.
Die Haltung des von nun an die Politik bestimmenden Faschistischen Rates in Rom zur Südtirol-Frage war ganz von Ettore Tolomei, seit 1919 Mitglied der Faschistischen Partei, geprägt. Sein Italianisierungsprogramm hatte als erstes Ziel die Ausmerzung der deutschen Sprache. Dazu wurde in allen Schulen Italienisch als Unterrichtssprache eingeführt und der Deutschunterricht verboten. Außerdem wurde Italienisch zur ausschließlichen Amts- und Gerichtssprache erklärt.
Ein zweiter Punkt war die Italianisierung der Verwaltung auf allen Ebenen. Die Gemeinderäte wurden aufgelöst, die gewählten Bürgermeister entlassen und faschistische Amtsbürgermeister an ihrer Stelle ernannt. Die Südtiroler wurden aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Durch Zensur und Verbote erlangte der Staat zudem die Kontrolle über das Presse- und Vereinswesen.
Die dritte Stoßrichtung der faschistischen Unterdrückungspolitik zielte gegen alles, was mit Tradition zu tun hatte. Das ging so weit, dass Andreas-Hofer-Bilder aus den Schulen verschwinden mussten und keine deutschen Lieder gesungen werden durften. Die ausschließliche Verwendung der von Tolomei erfundenen italienischen Ortsnamen war bereits im März 1923 verordnet worden. Bald waren überhaupt alle öffentlichen Beschriftungen italienisch. Auch der Name Tirol wurde ausgelöscht. Südtirol hieß von nun an „Alto Adige“. Wie das Land selbst, so sollten auch die Südtiroler keine deutschen Namen mehr tragen. Offiziell sprach man wie bei den Ortsnamen von einer „Rückführung“ in die „italienische Urform“.
Bei den Taufnamen war die Italianisierung relativ einfach, doch dabei wollte man es nicht belassen. So begannen die neuen Herren im Jahr 1926 auch mit der Italianisierung der Familiennamen. Ein von Tolomei verfasstes Verzeichnis enthielt versuchte Übersetzungen genauso wie angehängte italienische Endsilben. Diese Übersetzungen waren aber nicht verbindlich, weshalb es vorkam, dass mehrere Brüder von verschiedenen Beamten verschiedene Familiennamen bekamen. Die mit Zwang durchgesetzte Umwandlung der deutschen Namen, mit der nach dem Alphabet begonnen worden war, musste bereits nach dem Buchstaben B wegen der massiven ausländischen Proteste eingestellt werden.
Stattdessen wurde nun verordnet, dass Grabsteine nur mehr italienisch beschriftet werden durften. „Tolomei erfand immer neue Methoden, um die Deutschen in Südtirol zu peinigen“, schreibt der italienische Historiker Gaetano Salvemini. Die Änderung der Familiennamen ging übrigens auf „freiwilliger Basis“ weiter. Wenn ein deutschstämmiger Südtiroler dringend Arbeit brauchte und die Chance hatte, bei einer Gemeinde angestellt zu werden, dürfte er dem „Wunsch“ des jeweiligen Podestà (Titel des faschistischen Amtsbürgermeisters) kaum widerstanden haben, seinen Namen italianisieren zu lassen.
In „Katakombenschulen“ wird heimlich Deutsch gesprochen
Die Südtiroler hatten keine Möglichkeiten, sich gegen das Entnationalisierungsprogramm zu wehren, das mit allen Mitteln der Diktatur durchgesetzt werden sollte. Schikanen, Knüppelterror, Erpressung, Berufsverbot, Gefängnis und Verbannung waren dabei die Hauptwaffen. Trotzdem leistete man mit verbissener Zähigkeit passiven Widerstand. Zum Vorkämpfer für die Erhaltung der nationalen Eigenart und der traditionellen Kultur wurde der Priester (Kanonikus) Michael Gamper (1885 –1956). Ein geheimer, gut organisierter Notunterricht der Kinder in ihrer Muttersprache – später „Katakombenschule“ genannt – war ihm das größte Anliegen. Nicht nur ausgebildete Lehrerinnen, sondern auch einfache, in geheimen Kursen ausgebildete Mädchen wurden eingesetzt. Alle, die mitmachten, hatten Unannehmlichkeiten oder gar schwere Strafen zu befürchten und zu erdulden, weil der Hausunterricht zuerst ungern gesehen und seit 1926 ausdrücklich verboten war.
Die „Katakombenlehrerinnen“ ließen sich auch in der härtesten Verfolgungs- und Leidenszeit nicht von ihrer wichtigen Aufgabe abbringen. Die Lehrerin Angela Nikoletti (1905 –1930), die in Kurtatsch eine Geheimschule unterhielt, wurde von Carabinieri und Behörden so lange schikaniert, verhört und eingesperrt, bis ihre Gesundheit so weit ruiniert war, dass sie 1930 an den Folgen der ausgestandenen Behandlung starb. Rechtsanwalt Dr. Josef Noldin (1888 –1929), der im Bozner Unterland die Organisation des Geheimunterrichts leitete, bekam mehrfach die rohe Gewalt der Faschisten zu spüren, ehe er wie mancher andere Südtiroler in die Verbannung geschickt wurde. Auf der Strafinsel Lipari zog er sich eine todbringende Krankheit zu und starb im Dezember 1929. Die beiden Namen stehen für alle, die Ähnliches geleistet und erduldet haben.
Proteste und Interventionen des Auslandes zugunsten der Südtiroler waren spärlich und meist erfolglos. In dieser verzweifelten Situation setzten viele Südtiroler ihre Hoffnungen auf das unter Hitler erstarkte Deutschland. Von dort flossen seit 1933 stattliche Summen zur Unterstützung des Volkstumskampfes nach Südtirol, doch kamen sie fast ausschließlich dem nationalsozialistisch ausgerichteten „Völkischen Kampfring Südtirol“ (VKS) zugute und dienten hauptsächlich der Verbreitung der NS-Ideologie.
Als man in Rom und Bozen Anfang der 1930er Jahre allmählich einsah, dass sich die Südtiroler auch durch radikalstes Vorgehen nicht würden zu Italienern machen lassen, begann man damit, die Ansiedlung italienischer Familien noch zu forcieren. In Bozen wurde eine Industriezone angelegt, in der keine Südtiroler oder Trentiner beschäftigt werden durften. Die Zahl der Italiener stieg von 7000 im Jahr 1910 auf 80 000 im Jahr 1939. Aber die Tatsache, dass 220 000 Deutschtiroler und 20 000 Ladiner innerhalb der italienischen Staatsgrenze lebten, war auch mit der Ansiedlung von Italienern nicht aus der Welt zu schaffen.
Eine Radikallösung des Problems, nämlich die Vertreibung der unerwünschten Volksgruppe oder eines Teils davon, rückte in greifbare Nähe, als Adolf Hitler seinen faschistischen Partner Benito Mussolini im Mai 1938 mit einem Staatsbesuch beehrte. Im Gegensatz zu seinen sonstigen Ansprüchen auf „deutschen Volksboden“ erklärte der „Führer“, dass Südtirol für ihn kein Thema sei und er den Brenner als endgültige Grenze Italiens betrachte. Umgekehrt nahm Mussolini die Annexion Österreichs durch Deutschland hin (12. März 1938), wofür Hitler dankbar war. Die italienische Regierung nutzte die beiderseitig gute Stimmung und schlug eine Umsiedlung großer Teile der Südtiroler Bevölkerung nach Deutschland vor.
Bleiben oder gehen? Diese Frage entzweit Familien und Freunde
Über ein Jahr lang wurden Gespräche geführt, die am 21. Oktober 1939 zum Abschluss kamen. Danach war es den Südtirolern freigestellt, ob sie die italienische Staatsbürgerschaft behalten oder die deutsche Reichsangehörigkeit erwerben und nach Deutschland abwandern wollten. Die Möglichkeit der „Option“ (Recht auf Entscheidung) war von den Vertretern der italienischen Regierung verlangt worden. Auf deutscher Seite strebte man eher einen „Abwanderbefehl“ an und eine umfassende Aussiedlung zur „volklichen Flurbereinigung“. Wer auswanderte, sollte seinen beweglichen Besitz mitnehmen dürfen, Grund und unbewegliche Güter hatte der italienische Staat abzulösen. Für die Verwirklichung der großangelegten Umsiedlung verantwortlich war Heinrich Himmler, „Reichsführer SS“. Er sagte den Südtirolern zu, sie irgendwo im Reichsgebiet geschlossen anzusiedeln.
Bis zum 31. Dezember 1939 musste jeder erwachsene Südtiroler optiert haben: für die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft und die Umsiedlung ins Reich oder für ein Verbleiben im faschistischen Italien. Kaum jemand wusste, wie er sich entscheiden sollte, was für ihn und das Land am besten sei. In der nun einsetzenden Propaganda, die von Deutschland aus massiv unterstützt wurde, stellte der VKS die Option für Deutschland zunehmend als eine Volksabstimmung gegen Italien und die Südtirol-Politik der faschistischen Regierung dar. Gleichzeitig versprach man allen, die zum Verlassen der Heimat bereit waren, das Blaue vom Himmel. In ihrer Verzweiflung glaubten die Menschen auch das Unmöglichste.
Es hieß aber auch, wer im Land verbleibe, gebe sein Deutschtum auf, unterwerfe sich den Italienern, habe außerdem mit Arbeitslosigkeit und Not zu rechnen, womöglich gar mit einer Umsiedlung nach Sizilien oder in italienische Kolonien. „Die Androhung einer Zwangsumsiedlung nach dem Süden hat mehr Leute zu Gehern gemacht als die ganze NS-Propaganda“, sagte später Lothar von Sternbach, einer der führenden Gegner des Auswanderns.
„Geher“ nannte man die Optanten für Deutschland, deren Zahl immer größer wurde. Die anderen waren die „Dableiber“. Sie scharten sich um Kanonikus Michael Gamper und einige österreichisch und katholisch-konservativ gesinnte Persönlichkeiten. Sie alle waren Gegner der NS-Ideologie und zeigten Optimismus in Bezug auf die Erhaltung des eigenen Volkstums auch in Italien. „Der Faschismus wird nicht ewig herrschen. Wir bleiben in der Heimat für jene, die wieder zurückkommen werden“, formulierte Kanonikus Gamper die historische Aufgabe der „Dableiber“.
Die „Option“ bedeutete eine Entscheidung, die der Einzelne kaum ohne Zweifel und Selbstvorwürfe treffen konnte. Umso fanatischer klammerte man sich an die einmal getroffene Wahl. Und je härter um jede Stimme gerungen wurde, desto heftiger prallten die Meinungen aufeinander. Der Streit entzweite Familien, brachte Freunde für immer auseinander, schlug Wunden, die noch Jahrzehnte später nicht verheilten. Die Propagandaschlacht artete in gegenseitige Verketzerung aus, etwa wenn die „Dableiber“ einfach als „Walsche“ (Dialektausdruck für Italiener) und umgekehrt die „Geher“ als „Heimatverräter“ oder „Nazi“ verschrien wurden.
Im Zuge der Option entschieden sich schließlich 86 Prozent der 240 000 Südtiroler für die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft und die Aussiedlung in reichsdeutsches Gebiet. Obwohl inzwischen der Zweite Weltkrieg begonnen hatte und die „Achsenmächte“ Berlin und Rom wichtigere Probleme zu lösen hatten, wurde noch im Frühjahr 1940 mit der Umsiedlung begonnen. In den folgenden eineinhalb Jahren verließen etwa 60 000 Optanten ihre Heimat, vor allem Südtiroler ohne festen Besitz aus den Städten und Märkten.
Etwa die Hälfte von ihnen fand in den eigens für sie errichteten Siedlungen in Nord- und Osttirol Unterkunft, die anderen wurden über die ehemaligen österreichischen Bundesländer und Deutschland verstreut. Aber auch bäuerliche Familien verließen ihre Höfe. Ihnen hatte man Grund und Boden in besetzten Gebieten versprochen.
Nach Kriegsende kehrt ein Drittel der Ausgesiedelten zurück
Nach der ersten Auswanderwelle im Jahr 1940 geriet die Umsiedlung ins Stocken. Verantwortlich dafür war nicht zuletzt die zur Organisation der Umsiedlung gegründete „Amtliche Deutsche Ein- und Rückwandererstelle“ (ADERSt) selbst, die immer neue Gründe zur Verzögerung fand. Probleme gab es unter anderem mit der Ablösung der Vermögenswerte der Optanten. Aber auch das versprochene Siedlungsgebiet war noch nicht gefunden, obwohl es eine Reihe von Vorschlägen gab, parallel zum Kriegsverlauf. Zur Diskussion standen etwa das Burgund in Frankreich, der Gebirgszug der Bes-kiden im Süden Polens oder die Krim.
Der Sturz Mussolinis im Juli 1943, der Übertritt Italiens auf die Seite der Gegner Deutschlands und die Besetzung Südtirols durch die deutsche Wehrmacht (8. September 1943) bedeuteten das Ende des Kapitels Umsiedlung. Nach Kriegsende 1945 kehrte etwa ein Drittel der Ausgesiedelten in die Heimat zurück. Der allgemeine Wunsch der Südtiroler nach einer Wiedervereinigung mit Nord- und Osttirol scheiterte wiederum an den politischen Interessen der Großmächte, und um die Gewährung ausreichender autonomer Rechte mussten die Südtiroler bis 1972 kämpfen.
Autor: Dr. Michael Forcher
11. Juni 2026
Die erste Fußballweltmeisterschaft fand 1930 in Uruguay statt. Aber warum eigentlich gerade dort? Bis dahin hatten die großen europäischen…
Geschichte & Archäologie
Rätsel um kopflose Skelette geht weiter
9. Juni 2026
Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…
Geschichte & Archäologie
Mammutfund erweist sich als steinzeitliches Cold Case
8. Juni 2026
Cold Case: Ein bei Regensburg entdecktes Mammutskelett hat sich als wichtiges Zeugnis der menschlichen Frühgeschichte entpuppt. Denn…