Mitte Juli 1342 traf eine verheerende Hochwasserkatastrophe weite Teile Europas. Nach längerer Trockenheit strömte feuchtwarme Luft vom Mittelmeerraum nach Mitteleuropa und verursachte tagelange Starkregen. Als Folge stiegen fast überall Flüsse über die Ufer, Sturzfluten rissen Brücken und Gebäude ein, Tausende Menschen starben. „In Mitteleuropa gilt die Magdalenenflut als größtes Hochwasser des letzten Jahrtausends und als schwerstes Erosionsereignis des Holozäns“, erklären Andrea Kiss von der Technischen Universität Wien und ihre Kollegen.
Spurensuche in zeitgenössischen Quellen
Bis heute erinnern in vielen Orten Deutschlands Gedenktafeln und Hochwassermarken an die mittelalterliche Katastrophe. „Die Magdalenenflut ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent“, sagt Co-Autor Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig.

Hochwassermarke und Gedenkschrift in Hannoverisch-Münden zur Erinnerung an den Magdalenenflut von 1342. — © Martin Bauch
Doch wie sich jetzt zeigt, war die Magdalenenflut nicht das einzige „Jahrtausendhochwasser“ dieser Zeit. Das entdeckten Kiss und ihre Kollegen, als sie mehr als 1000 Einträge aus historischen Quellen auswerteten, darunter Chroniken, Rechnungsbücher, Wetteraufzeichnungen, Urkunden und Briefe. „Um die Verlässlichkeit der Daten sicherzustellen, nutzten wir ausschließlich zeitgenössische Dokumente, die während oder kurz nach 1342-1343 geschrieben worden waren“, erklären die Forschenden. „Bis jetzt sind die meisten dieser Quellen noch nicht für die Rekonstruktion der damaligen Hochwasser und Wetterbedingungen genutzt worden.“
16 Hochwasser hintereinander
Die Auswertungen enthüllten: Innerhalb von nur zwei Jahren - vom Winter 1341/42 bis zum Ende des Jahres 1343 - gab es gleich 16 überregionale Hochwasser in Europa. „Wir können Monat für Monat rekonstruieren, welche Regionen Europas wann betroffen waren. Das zeigt deutlich, dass sich die Hochwasser wie eine Perlenkette durch die Jahre 1341 bis 1343 ziehen – nicht alle gleich verheerend, nicht alle am selben Ort, aber alle klar miteinander verbunden“, sagt Kiss. Das Jahr 1342 war das hochwasserreichste der vergangenen 700 Jahre; 1343 zählt zu den zehn extremsten Hochwasserjahren dieses Zeitraums. Unter diesen Hochwassern waren neben der Magdalenenflut noch drei weitere Jahrtausendfluten – Ereignisse, die nur alle 500 bis 1000 Jahre vorkommen, wie Kiss und ihr Team ermittelten.
„Diese Jahre gehörten zur großen Krise des 14. Jahrhunderts, die wenige Jahre später im Schwarzen Tod gipfelte“, sagt Bauch. „Unsere Ergebnisse zeigen, wie eng Umwelt-, Klima- und Gesellschaftsgeschichte in dieser Zeit verflochten waren.“ Durch die Hochwasserserie wurde die Wirtschaft des ganzen Kontinents beeinträchtigt, Handelswege wurden unterbrochen, wichtige Infrastruktur zerstört. Besonders schwer trafen die Überschwemmungen Mitteldeutschland und das östliche Mitteleuropa: In Prag riss die Moldau die Vorgängerbrücke der Karlsbrücke ein. An der Elbe stürzten die Brücken in Dresden und Meißen ein, in Thüringen traf es Brücken in Erfurt, Meiningen und Eisenach, in der Lausitz die Spreebrücke in Bautzen. Allein entlang der Donau berichtete der Chronist Johann von Winterthur damals von rund 6.000 Toten.

Rekonstruktion der Hochwasserserie in Europa von 1342 bis 1343. Die Ellipsen zeigen Ausdehnung und Stärke der 16 Hochwasserereignisse. — © TU Wien
Vulkane, Meereis und Tiefs in Serie
Doch warum häuften sich gerade in den zwei Jahren von 1341 bis 1343 so viele Überschwemmungen? Als Ursache dafür identifizierten Kiss und ihr Team ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren. So ereigneten sich um 1340 und 1341 mehrere größere Vulkanausbrüche, darunter vier in den Tropen und der Hekla-Ausbruch auf Island. Diese Eruptionen setzten schwefelhaltige Aerosole frei, die das Klima abkühlten und großräumige Zirkulationsmuster veränderten. Dazu kam eine Fernwirkung des arktischen Meereises: Dieses war schon seit Mitte der 1330er-Jahre deutlich zurückgegangen und veränderte dadurch ebenfalls die Zirkulationsmuster der Atmosphäre.
„Das Zusammenspiel dieser Faktoren könnte intensive Tiefdruckgebiete, langanhaltende Niederschläge und damit die ungewöhnliche Flutserie begünstigt haben“, sagt Kiss. Sie und ihre Kollegen sehen darin auch eine Lehre für die Gegenwart: „Hochwasser sind statistisch nicht unabhängig voneinander: Sie treten nicht einfach zufällig ein wie Lottogewinne, sondern können statistisch und ursächlich zusammenhängen“, erklärt Co-Autor Günter Blöschl von der TU Wien. „Wir können aus Ereignissen, die fast sieben Jahrhunderte zurückliegen, daher wichtige Lehren über das Zusammenspiel von Klima und Niederschlag ziehen.“
Quelle: Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Technische Universität Wien; Fachartikel: Nature, doi: 10.1038/s41586-026-10888-8





