Für die Kunstgeschichte war 1917 ein bedeutsames Jahr. In New York fand eine Ausstellung der „Society of Independent Artists“ statt. Eingereicht wurde auch ein um 90 Grad gedrehtes Urinal aus Porzellan. Die Jury wies das Pissoir zurück: Ein Alltagsgegenstand könne nicht Kunst sein. Vermutlich wurde das Original weggeworfen, es existieren jedoch spätere Duplikate. Unter dem Werktitel „Fountain“ (Springbrunnen) machte das mit „R. Mutt“ signierte Werk letztlich eine ungeahnte Karriere. Nach einer Umfrage unter mehreren hundert Museumskuratorinnen und -kuratoren wird es heute als eines der bedeutendsten Werke des 20. Jahrhunderts angesehen. Üblicherweise wird das Kunstobjekt Marcel Duchamp (1887–1968) zugeschrieben. Jüngst sind jedoch Zweifel an dessen Urheberschaft aufgekommen. Duchamp schrieb 1917 an seine Schwester, eine seiner Freundinnen, die den Künstlernamen Richard Mutt (das englische Wort mutt kann mit Köter übersetzt werden) führe, habe das Pissoir als Skulptur eingereicht. Gemeint war damit möglicherweise Baronin Elsa von Freytag-Loringhoven.
Für eine Urheberschaft der Baronin sprechen einige Indizien: Sie lebte damals in New York, war mit Duchamp befreundet, liebte Hunde und erschuf zu dieser Zeit sogenannte Readymades, wie etwa die ebenfalls auf um 1917 datierte Skulptur mit dem Namen „God“ – ein bleiernes Abflussrohr, das auf einen Holzblock montiert war.





