Im Laufe der letzten fast 180 Jahre ist der ursprüngliche Gebührenwert der „Blauen“ (Two Pence, Abbildung rechts) und der „Roten“ (One Penny) auf einen vielfachen Millionenbetrag in Euro gestiegen. Ein aktueller Marktpreis lässt sich schwer taxieren, weil Mauritius kaum noch gekauft oder versteigert werden.
Den Namen verdankt die Marke der kleinen Insel im Indischen Ozean. Die damalige britische Kronkolonie Mauritius war dem Beispiel des Mutterlandes gefolgt, das 1840 die Briefmarke eingeführt hatte. Am 21. September 1847 kamen auf Mauritius zwei Versionen in Umlauf: die blaue Two-Pence-Marke für den internationalen Briefverkehr, und die rote One-Penny-Marke für Postsendungen auf der Insel.
Beide Marken ziert ein nicht gerade schmeichelhaftes Profilporträt der englischen Königin Viktoria. Die erste Auflage betrug je 500 Stück; von der Blauen gibt es noch zwölf, von der Roten 15 Exemplare, die aus Sammlungen der 2022 verstorbenen britischen Königin Elisabeth II., der British Library sowie aus verschiedenen Museen in Europa und privatem Besitz stammen.
Die Mythenbildung, speziell um die Blaue, entfachte angeblich ein Irrtum des Graveurs Joseph Osmond Barnard, dem unterstellt wurde, die erste Auflage mit dem fälschlichen Aufdruck „Post Office“ (Postamt) statt „Post paid“ (Porto bezahlt) versehen zu haben. Nach der Änderung ab der zweiten Auflage kursierten in Sammlerkreisen alsbald Gerüchte über einen Fehldruck. Der angeblich sehschwache Graveur bestand jedoch darauf, den Auftrag korrekt ausgeführt zu haben.
Eindeutig nachweisen ließ sich weder die eine noch die andere Version. Mit den Jahren geriet die Debatte darüber in Vergessenheit, auf dem Auktionsmarkt wurde die These vom Fehldruck mit Seltenheitswert als Tatsache gehandelt, wofür immer höhere Summen bezahlt wurden. Seither umgibt die Mauritius eine geheimnisumwitterte Aura, die sie bis heute zur begehrtesten Trophäe aller Philatelisten macht.
Als bislang teuerstes Sammelobjekt gilt der sogenannte „Bordeaux-Brief“. Dahinter verbirgt sich die Geschichte um einen Aushilfsjungen im Büro einer Weinhandlung in Südwestfrankreich. 1902 entdeckte er zwei über 50 Jahre alte Geschäftsbriefe – der eine ist mit einer blauen, der andere mit einer blauen und einer roten Marke frankiert; beide sind mit dem Poststempel der Hauptstadt von Mauritius „Port Louis 1847“ versehen. 1903 erwarb der französische Sammler Théophile Lemaire beide Bordeaux-Briefe mit den drei Marken, nach heutigem Kaufwert für 440 000 Euro. 1993 erzielte einer der Briefe bei einer Auktion den mehr als zwölfmal höheren Preis von rund fünfeinhalb Millionen Euro.
Autor: Rudolf Gruber





