Jan (deutsch Johannes) wurde um 1370 in dem südböhmischen Dorf Husinec geboren. Seine Eltern waren bescheidene Leute. Über seinen Vater wissen wir nichts, seine fromme Mutter hatte ihn für die Priesterlaufbahn bestimmt. Deswegen schickte sie ihn in die Lateinschule des nahe gelegenen Städtchens Prachatitz. Die Priesterlaufbahn war eine Möglichkeit des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs. „Als Schüler“, so Hus später, „hatte ich vor, bald Priester zu werden, um eine gute Wohnung und Kleidung zu haben und von den Menschen geschätzt zu werden“, dann fügte er freilich hinzu: „Aber dieses böse Begehren erkannte ich, sobald ich die Schrift verstanden hatte“. In Prachatitz lernte er Christian von Prachatitz kennen, der an der Prager Universität Magister war und seinen Landsmann wohl 1390 dorthin mitnahm. An der dortigen Universität spielt das erste Kapitel des Dramas.
Die Prager Hochschule war von Kaiser Karl IV. 1348 als erste Universität im römisch-deutschen Reich nördlich der Alpen gegründet worden und zur Zeit Hus’ bereits eine vielbesuchte berühmte Bildungsinstitu-tion. Prag war damals eine der größten Städte des Reichs mit 40000 bis 50000 Einwohnern. Dort regierte zu dieser Zeit der böhmische und zugleich deutsche König Wenzel, der Sohn Karls IV. Die Prager Altstadt wurde von den Deutschen dominiert, die Neustadt war überwiegend tschechisch. Das tschechische Element aber war in dieser Zeit auf dem Vormarsch.
Wie alle anderen Studenten begann Hus mit dem Grundstudium in den sogenannten sieben freien Künsten. Er litt als Student Not. Als armer Scholar, wie er später einmal bemerkte, habe er sich aus Brot einen Löffel gemacht, Erbsen damit gegessen und dann noch den Löffel verzehrt.
Die Universität Prag war wie ihr Vorbild Paris in vier „Universitätsnationen“ gegliedert: die bayerische, die sächsische, die polnische und die böhmische. Das waren zunächst keine nationalen Einteilungen im heutigen Sinn, sondern eher landsmannschaftliche Zusammenschlüsse von Magistern und Studenten. Wer von Westen nach Prag kam, also auch die Schwaben oder Rheinländer, gehörte zur bayerischen Nation. Hus gehörte zur böhmischen Nation, die aus Tschechen, aber auch aus Deutschböhmen und Ungarn bestand. Die drei anderen Nationen bestanden überwiegend aus Deutschen.
Bereits vor Hus hatte es zwischen den Nationen heftigen Streit um die Pfründen („Planstellen“) in den Kollegien gegeben. Es sei nicht einzusehen, so klagte die böhmische Nation vor dem Erzbischof, der zugleich Kanzler der Universität war, daß böhmische Landesmittel überwiegend für nicht-böhmische Magister ausgegeben würden. Es gab zu viele böhmi?sche Magister, die eine Stelle suchten! Einen zweiten Streit dieser Art hat Hus wohl schon miterlebt. Die böhmische Nation begann dabei zunehmend national und fremdenfeindlich zu argumentieren. Die Tschechen, die nur ein Fünftel aller Universitätsangehörigen ausmachten, waren das offensive Element, und Hus wurde schnell in diese Frontstellung mit einbezogen. Er hatte wohl eine Stelle als Famulus (Gehilfe) im Karlskolleg, dem Zentrum der Universität, gefunden und dort die böhmischen Magister näher kennengelernt.





