von DIRK SANGMEISTER
Weltgeschichte hat Michael Kosmeli nicht geschrieben, aber um das abenteuerliche Leben dieses vergessenen Literaten und Musikers ranken sich so viele unerhörte Geschichten, dass es der Mühe wert scheint, den verschlungenen Wegen, die dieser Einzelgänger im frühen 19. Jahrhundert zwischen Abend- und Morgenland zurückgelegt hat, nachzugehen, auch wenn die meisten Spuren seines irrlichternden Lebens längst verweht sind.
Kosmeli bricht aus der bürgerlichen Laufbahn aus
Der aus dem oberschlesischen Städtchen Pleß (Pszczyna) gebürtige Kosmeli hatte von 1791 bis 1794, als in Paris die Revolution gerade ihre Kinder fraß, in Halle, Göttingen und Jena Jura studiert, wie es der Vater erwartete. Nach einem Intermezzo als Hauslehrer im gerade untergehenden Herzogtum Kurland hatte er eine Reise durch Deutschland und die Schweiz unternommen, sich dann widerwillig als Referendar am Kammergericht in Brieg (Brzeg) in die geordneten Bahnen einer bürgerlichen Laufbahn zu finden versucht, war aber schon bald wegen der ihm innewohnenden Unruhe ausgebrochen, um wieder auf Reisen zu gehen, die niemals enden sollten.
Dass Kosmeli in der Folge Frankreich erkundete, Holland durchquerte, sich zeitweise in England und Schottland aufhielt, auch Norwegen streifte und durch Italien wanderte, könnte man als ausgedehnte Bildungsreisen rubrizieren. Außergewöhnlich aber waren die Reisen, die er im Zeitalter der napoleonischen Kriege Richtung Osteuropa und von dort weiter nach Kleinasien, ja bis nach Persien unternahm. Durch Polen und das Baltikum lief er immer wieder nach St. Petersburg und Moskau, wo er überwinterte. Im Frühjahr zog er dann weiter Richtung Georgien und Ukraine, auf die Krim oder in den Kaukasus, in die Moldau und Walachei, von dort fallweise weiter in das marode Osmanische Reich. Er lebte zeitweise in Jassy (Iași) und Konstantinopel, er durchkreuzte den griechischen Archipel und schlug sich bis ins persische Schiras durch.
Der befreundete Schriftsteller Adelbert von Chamisso sah in ihm so etwas wie einen verwilderten Bruder des von ihm geschaffenen Peter Schlemihl, der mit Siebenmeilenstiefeln ganze Kontinente durchquerte. Jean Paul bemerkte 1810 kopfschüttelnd: „Der wilde Mensch möchte noch von der Erde auf den Mond und von da auf andere Sterne reisen, die Venus nicht zu vergessen.“ Je weiter er in die Ferne schweifte, desto legendärer wurde der Wandervogel in der Heimat: „Bemerken Sie dort den großen breitschultrigen Mann im schwarzen Oberrock?“, fragte Heinrich Heine 1822 in seinen „Briefen aus Berlin“: „Das ist der berühmte Cosmeli, der heut in London ist und morgen in Ispahan“.
Mit unbegreiflicher Selbstverständlichkeit überschritt Kosmeli fortlaufend eine Vielzahl von politischen, geographischen, kulturellen und religiösen Grenzen. Auf seinen Reisen lernte er immer neue Sprachen, was ihn befähigte, Texte (vor allem Verse) nicht nur aus dem Englischen, Französischen und Lateinischen, sondern auch aus dem Polnischen, Russischen, Italienischen, Neugriechischen und Persischen zu übersetzen. Ein Dutzend Bücher hat er in seinem Leben veröffentlicht, teils eigenwillige Romane, teils launig-gallige Reiseberichte, teils Sammlungen von Erzählungen und Gedichten.





