Die hohe Wertschätzung, die ihm heute seine engere Heimat beschert, erfuhr Egon Schiele zu Lebzeiten nicht. „Die Schiele Stadt“ nennt sich voller Stolz sein Geburtsort Tulln westlich von Wien. Das stilisierte Riesenporträt auf der Frontseite des Museumsgebäudes soll wohl seiner Größe als Jahrhundertkünstler gerecht werden.
Noch bis in die 1980er Jahre galten seine expressionistischen Bilder von seelisch zerrütteten Menschen oder vermeintlich pornographischen Darstellungen junger Mädchen im katholisch-provinziellen Österreich als „krankhaft“ und moralisch verwerflich. Zu Lebzeiten waren ihm Polizei und Justiz des Kaisers wegen „Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit“ auf den Fersen.
Eine Sammlung seiner berühmtesten Werke dürfen Besucher im Egon Schiele Museum an der Tullner Donaulände – eröffnet 1990 anlässlich seines 100. Geburtstags, erweitert und modernisiert zum 100. Todestag 2018 – nicht erwarten. Im Mittelpunkt steht Biographisches: Schieles Kindheit und Jugend an der Schwelle des 20. Jahrhunderts, sein Frühwerk, seine Familie, Freunde, Lehrer und Förderer, die das Ausnahmetalent begleitet haben.
In der „Schatzkammer“ gibt es allerdings regelmäßige Sonderausstellungen zu sehen, die auch Schiele-Originale zeigen, so jüngst unter dem Titel „Familie, Freunde, Wegbegleiter“ zu sehen. Darunter ein verstörendes Porträt von Marie Schiele (Abbildung rechte Seite): Schon der 17-jährige Sohn vermochte die schwierige Beziehung zu seiner Mutter fast schmerzhaft fühlbar in dem verhärmten Gesicht auszudrücken.
Im Hauptraum können Besucher an sechs audiovisuellen Stationen Tondokumente abrufen, zum Teil mit Originalstimmen. Spannend ist Schieles Entwicklung vom lausigen Schüler, der seine Lehrer verspottete und die Schule vor der Matura (Abitur) verließ, bis zum Studenten der Wiener Kunstakademie. Die Aufnahmeprüfung bestand er vor einer verblüfften Jury mit Bravour. Auch der Maler Gustav Klimt, sein väterliches Vorbild, hatte dem Jüngling gehörig Mut gemacht und ihm „viel zu viel Talent“ bescheinigt.
Ein weiterer Höhepunkt sind Originalgespräche der Kunsthistorikerin Alessandra Comini mit Schieles Schwestern Melanie und Gertrude (Gerti) sowie seiner Schwägerin Adele Harms. Die Texanerin Comini war in den 1960er Jahren nach Österreich gekommen, um seinen familiären Wurzeln und künstlerischen Anfängen nachzuspüren. Nach dem Tratsch der Leute waren die Schwestern angeblich geistesverwirrt. Doch zur Freude Cominis erzählten Melanie und Gerti hellwach und ausschweifend über den Familienalltag, auch zeigten sie viel Verständnis für den schmächtigen und zugleich selbstbewussten Bruder.
Die begeisterte Schiele-Forscherin Comini entdeckte 1963 auch die vermeintlich nicht mehr auffindbare Haftzelle im Bezirksgericht Neulengbach wenige Kilometer südlich von Tulln. Hier musste der damals 22-jährige Schiele drei Wochen lang schmoren – wegen einer angeblichen Kindesentführung, die sich hinterher als Hirngespinst eines tobenden Vaters herausstellte. Eine Schiele-Zeichnung brachte Comini auf die Spur, die Zelle war jahrzehntelang als Kohlenkeller genutzt worden.





