Die Bedeutung von Vitamin-D ist in den letzten Jahren stark in den Fokus gerückt: Es gibt Hinweise darauf, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel eine Rolle bei verschiedenen Gesundheitsproblemen spielt. Dieses Vitamin hat in diesem Zusammenhang eine Besonderheit: Nahrungsmittel können es meist nur unzureichend liefern. Die natürliche Versorgung läuft hingegen über Sonneneinstrahlung – Vitamin-D wird durch UV-Bestrahlung in der Haut gebildet und anschließend im Körper verteilt. Bei der heute weit verbreiteten Lebensweise in geschlossenen Räumen kann dieser Prozess aber oft nicht ausreichend ablaufen. In diesem Fall sollte Vitamin-D durch Präparate zugeführt werden. Dies gilt besonders bei Kindern, Schwangeren und stillenden Müttern.
Der Geschichte der Rachitis auf der Spur
Ein besonders schwerer Vitamin-D-Mangel führt bei Kindern zu einer charakteristischen Erkrankung: Rachitis. Es kommt dabei zu einer mangelhaften Entwicklung des Skeletts und weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Das der Rachitis entsprechende Krankheitsbild im Erwachsenenalter wird als Osteomalazie bezeichnet. Es ist bereits bekannt, dass diese Folgen des Vitamin-D-Mangels besonders in den Geburtstädten der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert weit verbreitet waren. Der Grund: Durch die Lebensweise in überfüllten dunklen Städten und die lichtabsorbierende Luftverschmutzung bekamen viele Menschen zu wenig UV-Licht ab. Dadurch entwickelten viele Kinder Rachitis.
Ein Forscherteam der englischen Denkmalpflegebehörde Historic England und der kanadischen McMaster University in Hamilton haben nun einen tieferen Blick in die Geschichte des Vitamin-D-Mangel geworfen. Im Rahmen ihrer Studie haben die Wissenschaftler 2787 Skelette untersucht, die von18 Friedhöfen aus allen Teilen des Römischen Reiches stammten. Sie decken eine Zeitspanne vom 1. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. ab. Anhand charakteristischer Merkmale der Skelette konnten die Forscher die Folgen von Vitamin-D-Mangel diagnostizieren.
Zu viel im Schatten?
Ihre Untersuchungen ergaben: Vitamin-D-Mangel war in römischer Zeit zwar nicht so stark ausgeprägt wie während der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, es handelte sich aber offenbar dennoch um ein beachtliches Problem. Im Durchschnitt wies demnach etwa eines von 20 Kindern Anzeichen von Rachitis auf. Dies könnte an den damals üblichen Säuglingspflege-Praktiken gelegen haben – die Kleinen wurden möglicherweise eher vom Licht ferngehalten, sagen die Forscher. Es zeichnet sich in diesem Zusammenhang zudem ab, dass Rachitis bei Kindern in nördlichen Teilen des Römischen Reiches tendenziell häufiger vorkam als im Bereich des Mittelmeers. Die kälteren Bedingungen in den nördlichen Gebieten haben möglicherweise dazu geführt, dass die Babys noch weniger ans Licht kamen. Auch Schwangere und stillende Mütter könnten unter Vitamin-D-Mangel gelitten haben und waren dadurch ebenfalls kaum in der Lage, den Nährstoff an ihre Kinder weiterzugeben. „Säuglingspflege-Praktiken, die in einem mediterranen Klima noch funktionierten, könnten unter einem bewölkten Nordhimmel zu Vitamin-D-Mangel geführt haben”, sagt Co-Autor Simon Mays von Historic England.





