Dieser Band erscheint rechtzeitig vor dem 100. Jahrestag des Ausbruches des Herero-Krieges, in dessen Verlauf es zum ersten deutschen Völkermord kam. Die Herausgeber wollen die deutsche und die afrikanische Perspektive darstellen. Sie wollen zeigen, dass die Herero und die Nama nicht passive Opfer waren, sondern ebenbürtige Gegner, die nach der Niederlage ihre Gesellschaft “re-konstruiert” haben. Sie wollen ferner die Bedeutung dieses Krieges für die Entwicklung des europäischen Kolonialismus und die deutsche Geschichte erläutern. Der erste Teil, “Namibia auf dem Wege zur Kolonie”, behandelt die Geschichte Namibias im 19. Jh., die deutsche Herrschaft, Rassentrennung, Arbeitszwang und totale Kontrolle. Der zweite stellt den “Kolonialkrieg 1904-1908” vor: Krieg, Völkermord und Konzentrationslager, Zwangsarbeit, die Verarbeitung des Krieges in der deutschen Populär-Literatur und die “Hottentottenwahlen” von 1907. Im dritten Abschnitt “Leid, Widerstand und Neubeginn” wird die afrikanische Perspektive thematisiert: Die Herero von Namibia 1890-1923, die Nama und der Krieg im Süden, Das Ovambo-Königreich Ondonga, Frauen im Kolonialkrieg und Heirat im Krieg. Der vierte Teil zeigt “Erinnern und Vergessen”: die Beerdigung von Samuel Mahahero und die Rekonstruktion der Herero, der Heroes Day der Witbooi, die kolonialdeutsche Erinnerungskultur, der deutsche Friedhof am Waterberg, die namibisch-deutschen Beziehungen und fragt, ob Namibia einen deutschen Sonderweg in Afrika darstellt. Besonders bemerkenswert sind die Themen, die weniger bekannte Aspekte beleuchten. Jürgen Zimmerer formuliert, der Krieg sei “zum Katalysator für die Umsetzung der Vorstellungen aus der Vorkriegszeit” geworden (S. 33): die Stämme sollten aufgelöst und ein System der Kontrolle aller Lebensbereiche der Afrikaner eingeführt werden, um diese zu Arbeitskräften der Kolonialherren umzuerziehen. Beim Völkermord ging es General von Trotha “nicht nur um ein Brechen der militärischen Widerstandskraft, sondern um den Massenmord an Männern, Frauen und Kindern”, “einen Massenmord, den die militärisch Verantwortlichen in Berlin … als völlig normal empfanden.” Diese intendierte physische ‚Vernichtung’ eines ganzen Volkes nennt er einen “ultimativen Tabubruch, der zuerst in den Kolonien vollzogen wurde und dann im Holocaust seine radikalste Ausprägung fand”. (S. 62). Die “Rekonstruktion” der Herero erfolgte vor allem durch Wiedererwerb von Vieh und Land und die Pflege der Erinnerung, u.a. durch die Gründung von “Truppenspielern”. Die Beerdigung Mahareros wirkte als Katalysator, der die Herero einte.” (S. 178-179).
Alle Beiträge stammen von ausgewiesenen Wissenschaftlern. Die Texte, die provozierenden Thesen und die zahlreichen Abbildungen, Fotos, Postkarten, Karikaturen und Karten machen aus diesem Buch eine sehr informative und kritische Bestandsaufnahme. Sie stimmen den Leser sehr nachdenklich.
Rezension: Harding, Leonhard





