Das Geschlecht des späteren Grafen Ostermann besaß einen der wohlhabendsten Bauernhöfe im westfälischen Bochum (und das einzige grundherrenlose Freibauerngut). Dieser Reichtum ließ die Ostermanns bereits im 16. Jahrhundert akademische Berufe ergreifen. Der Urgroßvater, im Bochumer Stadtarchiv urkundlich als „Mattheus Oisterman van Wymelhausen“ erwähnt, wurde ein angesehener Rechtsanwalt. Sohn und Enkel studierten Theologie und traten in den Pfarrdienst der lutherischen Pauluskirche in Bochum. Heinrich sollte wieder seinem Urgroßvater folgen und in Jena Jurisprudenz studieren. Der Vater ließ ihm nicht nur eine Bibel zukommen, sondern schickte ihm „Würste, Schinken, sogar gebratene Gänse und Hühner“. Diese Zuwendungen rissen mit der Tat vom Mai 1703 ab. Als Johann Conrad Ostermann während einer Messe in der Bochumer Paulskirche verkünden sollte, daß sein Sohn von der „policey“ verfolgt würde, brach er ohnmächtig zusammen.
Der junge Ostermann flüchtete nach Amsterdam, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten vor allem in den Werften durchschlug. Per Zufall lernte er den russischen Vizeadmiral Cornelis Cruyz kennen, der, von der Herkunft her Holländer, im Auftrag Peters des Großen die niederländische Flotte studierte. Für neun Gulden trat Ostermann als Untersteuermann in den russischen Staatsdienst ein…
Literaturhinweis: Johannes Volker Wagner/Bernd Bonwetsch/Wolfram Eggeling, Ein Deutscher am Zarenhof. Heinrich Graf Ostermann und seine Zeit. 1687– 1747, Klartext Verlag, Essen 2001.
Dr. Eva-Maria Stolberg





