Und Johann Carl Fuhlrott hatte doch recht: Der Elberfelder Volksschullehrer und Naturforscher vermutete von Anfang an, daß es sich bei dem Skelettfund in der Feldhofer Grotte um die Knochen eines Menschen aus der Eiszeit handelte. Im August 1856 wollten SteinbruchArbeiter die Grotte im Neanderthal mit Pickel und Schaufel bis auf den Kalk ausräumen. Dabei fanden sie zufällig in einer mit Lehm angefüllten Vertiefung 16 Skelett-Teile. Wenige Tage darauf wurde Fuhlrott aus dem nahe gelegenen Elberfeld gerufen, um den mysteriösen Knochenfund zu begutachten. Doch man glaubte seinem Urteil nicht. Denn der berühmte Mediziner und Prähistoriker Rudolf Virchow behauptete, die Knochen würden aus viel jüngerer Zeit stammen und seien bloß krankhaft verändert. Erst als Charles Darwin im Jahr 1859 sein revolutionäres Werk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ veröffentlichte, sahen einige in den menschlichen Fossilien aus dem Neanderthal den Beweis dafür, daß auch der Mensch evolutionäre Vorfahren habe. In Anlehnung an den Fundort entstand daraufhin die wissenschaftliche Bezeichnung Homo sapiens neanderthalensis.
Heute weiß man mittels der Radiokarbon-Methode, daß die Skelett-Teile aus dem Neanderthal 40000 Jahre alt sind. Andere Fragen blieben offen: Wie kamen die Knochen in diese Höhle? Wurde die Leiche des Neandertalers in der Grotte bestattet? Oder gelangten die Knochen des verwesten Körpers per Zufall durch fließendes Wasser von der Hochfläche über der Höhle in die mit Lehm angefüllte Mulde? Und wo befand sich der Rest des Skeletts? War er noch in dem Lehm, der aus der Höhle geschaufelt worden war? Vermutlich war der Lehm in der Nähe der Feldhofer Grotte hinterlassen worden.
Über 130 Jahre nach dem Fund des Neandertaler-Skeletts stellten Kölner Archäologen Recherchen an, um den Fundort zu lokalisieren. Früher war das Neanderthal eine etwa 50 Meter tiefe, enge Felsschlucht mit vielen Höhlen, von denen die Feldhofer Grotte die größte war. Doch als 1841 eine Eisenbahnstrecke von Erkrath nach Hochdahl gebaut werden sollte, begann der industrielle Kalkabbau, und das Tal wurde vernichtet. 1997 war es soweit: Das Kölner Archäologenteam machte den Ort, an dem sich einst die Feldhofer Grotte befunden hatte, auf einem Schrottplatz ausfindig. Bei den Ausgrabungen brachten sie etliche Tier- und Menschenknochen, aber auch Tausende Steinwerkzeuge ans Tageslicht. Die Knochen und Werkzeuge stammten aus unterschiedlichen Zeitabschnitten: zum einen aus der Zeit des Neandertalers, zum anderen aus einer viel jüngeren Zeit vor etwa 25 000 Jahren. Von den Neufunden konnten drei Knochenfragmente an Bruchstellen des 1856 gefundenen Neandertaler-Skeletts angepaßt werden. Außerdem wurden Knochenfragmente eines weiteren Individuums gefunden, die nach Radiokarbon-Datierungen etwa 44 000 Jahre alt sind.
Heute sind die Funde aus dem Neanderthal in dem gleichnamigen Museum in Mettmann zu sehen. Neben dem Museum befindet sich das Fundortgelände. Der Ort, an dem sich die Höhle befunden hat, ist durch Steinliegen markiert. Interessant ist der Weg durchs Gelände gestaltet: Entlang einer Zeitachse verfolgt man über zwei Millionen Jahre menschlicher Entwicklungsgeschichte, die in immer kürzer werdenden Zeitabschnitten kulturelle Meilensteine verzeichnet – von der Herstellung erster Speere über die Erfindung des Buchdrucks bis zur Mondlandung. Info-Stationen mit Audiosystem versetzen in die Natur-, Kultur- und Industriegeschichte des Tales.





