von CARSTEN FELKER
Gut erhalten sieht er aus, der Mantel des kleinen Eitel Koschorreck. Auf das Glas der Vitrine, in der das Kleidungsstück aufbewahrt wird, ist die Silhouette seines Besitzers aufgemalt. Etwas groß für das Kind. Und doch wurde Eitel im Alter von sieben Jahren von seiner Mutter darin eingepackt, als die Familie im Januar 1945 über die Ostsee fliehen musste. Der Mantel rettete das Kind vor dem Erfrieren. Die Mutter starb auf der Flucht.
Die ausgebleichte Rettungsweste einige Schritte weiter erzählt ebenfalls von der Flucht übers Meer. Das Exponat steht allerdings nicht für eine Person, sondern für jene Zigtausende Flüchtlinge aus verschiedenen Weltgegenden, die Jahr für Jahr versuchen, Europa von Afrika aus über das Mittelmeer zu erreichen. Vielen von ihnen fehlt diese einfache Sicherheitsausrüstung, wenn sie sich in oft kaum seetauglichen Booten auf die gefährliche Überfahrt wagen. Unzählige bezahlen den Versuch mit ihrem Leben.
Die beiden Objekte verweisen auf den zeitlichen und geographischen Zuschnitt der Ausstellung. Auf zwei Etagen des dafür im Inneren komplett neu gestalteten „Deutschlandhauses“ wird in der Mitte Berlins der Frage nachgegangen, was Menschen im 20. und 21. Jahrhundert zwang und immer noch zwingt, ihre Heimat für eine unsichere Zukunft zu verlassen. Auch wenn das Thema „Flucht und Vertreibung“ durchaus global betrachtet wird, liegt der Fokus doch auf der europäischen und speziell auf der deutschen Perspektive von Zwangsmigration.
Der erste Stock der Dauerausstellung geht zunächst der Frage nach, warum Vertreibungen seit dem 19. Jahrhundert in immer stärkerem Ausmaß zu beobachten sind und wen sie betreffen. Der erzwungene Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei auf der Grundlage des Vertrags von Lausanne 1923 steht beispielhaft für das Ringen um die Schaffung homogener Nationalstaaten ohne Rücksichtnahme auf das Leid Hunderttausender Menschen.
Spannend ist eine Videostation mit Zeitzeugenberichten wie dem von Christine Rösch. Die Münchnerin erzählt von ihrer Flucht im Jahr 1946 aus Neutitschein (Nový Jičín) im heutigen Tschechien. Eine Etage höher, im zweiten Teil der Dauerausstellung, erfährt man mehr über das Schicksal ihrer Familie. Dort wird der Besucher chronologisch durch die Flucht- und Vertreibungsbewegungen geführt, die sich im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in ganz Europa ergaben. Der Fokus liegt dabei auf den Fluchterfahrungen der Deutschen.
Zunächst gerieten Jüdinnen und Juden aufgrund der sich ständig verschlimmernden Repressionen des NS-Regimes unter einen immer größeren Migrationsdruck. Im weiteren Kriegsverlauf wurden europaweit mehr und mehr Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Auf den Konferenzen von Teheran 1943 und Potsdam 1945 beschlossen die späteren Siegermächte Großbritannien, Sowjetunion und USA die Neuordnung Europas für die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dies zwang Millionen Menschen dazu, sich auf den Weg in eine unbekannte Zukunft zu machen, ein Schicksal, dass deutsche Vertriebene mit Polen, Russen, Tschechen, Rumänen und vielen anderen Nationalitäten teilten.





