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Von Bahnen, Büchern und Bildern
Henry E. Huntington war ein Mann von der Art, wie ihn vor allem die USA hervorgebracht haben: reich geworden als Eisenbahn-Tycoon und visionärer Entwickler des Nahverkehrs, in späteren Jahren ein geradezu manischer Bücher- und Kunstsammler – und durch die Stiftung der „Henry E. Huntington Library and Art Gallery“…
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In den Vereinigten Staaten verfügten um 1900 einige wenige Familien über gewaltige Vermögen. Ihre Namen sind uns heute vor allem deshalb noch ein Begriff, weil sie Teile ihres Vermögens in Stiftungen überführten und so bis heute als Namensgeber von Krankenhäusern, Universitäten, Museen, Bibliotheken oder anderen öffentlichen Einrichtungen fungieren. Zu diesen Familien gehörten die Huntingtons ebenso wie die Carnegies, die Fricks oder die Rockefellers.
Henry Edwards Huntington, geboren 1850, stieß im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in den Kreis der amerikanischen Superreichen vor. Der wirtschaftliche Erfolg war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden. Seine formale Schulbildung war bescheiden – die Lehre in einem Eisenwarenladen weniger Berufung als Zwang. Seit 1871 arbeitete er jedoch für seinen Onkel Collis P. Huntington (1821–1900) und demonstrierte dabei durchaus Geschäftssinn. Rückschläge schloss dies allerdings nicht aus: Ein von ihm geleitetes
Sägewerk ging bankrott.
Henry Huntingtons Karriere nahm Fahrt auf, als er im Alter von 31 Jahren in die Welt der Eisenbahnen eintrat. Auch hier hielt zunächst der Onkel seine schützende Hand über den Neffen. Collis hatte ein Vermögen mit der Eisenbahn gemacht: Er hatte 1861 eine führende Rolle beim Bau der ersten transkontinentalen Eisenbahn gespielt, indem er maßgeblich die Finanzierung und den Bau einer Teilstrecke davon, die Central Pacific Railway, organisiert hatte. Diese wurde 1869 mit der Union Pacific Railroad verbunden. Nun war es möglich, innerhalb von acht Tagen von einer Küste zur anderen zu reisen.
Los Angeles wächst – vorangetrieben nicht zuletzt vom Netz der Regional- und Straßenbahnen
Henry amtierte seit 1892 in San Francisco als erster Assistent seines Onkels, der 1890 zum Präsidenten der Eisenbahngesellschaft „Southern Pacific“ aufgestiegen war. 1899 musste Henry aufgrund interner Umstrukturierungen sein Amt aufgeben und in die Gegend um Los Angeles ausweichen. Er hätte es kaum besser treffen können. Zu dieser Zeit war er bereits wohlhabend. Reich wurde er, als sein Onkel im Jahr 1900 starb. Von dem auf 70 Millionen US-Dollar (nach heutigem Wert rund 1,8 Milliarden) geschätzten Vermögen erhielt Henry rund zwölf bis 15 Millionen Dollar (heutiger Wert: 320 bis 405 Millionen). Damit ließen sich nicht nur große, sondern geradezu visionäre Projekte verwirklichen.
Bis in die 1870er Jahre hinein war Los Angeles ein unbedeutender Ort mit rund 6000 Einwohnern gewesen. 1876 an das transkontinentale Eisenbahnsystem angeschlossen, stieg die Bevölkerungszahl rasant an. 1890 zählte man bereits 50 000 Einwohner. Nur 30 Jahre später war diese Zahl auf 500 000 angewachsen. Steigende Mobilität wurde durch den Bau privat betriebener Stadt- und Vorortbahnen ermöglicht.
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Dabei spielten die Regionalzüge („Big Red Cars“) der „Pacific Electric“ eine ebenso große Rolle wie die Straßenbahnen der „Los Angeles Railway Company“ – alleiniger Besitzer beider Unternehmen: Henry E. Huntington. Er hatte sehr früh das wirtschaftliche Potential erkannt, das im Auf- und Ausbau eines Nahverkehrsnetzes steckte. 1920 verfügte Los Angeles über das größte elektrische Schienennetz der Welt.
Es wies eine radiale Struktur auf, ging also vom Zentrum aus und zog sich weit in die Region hinein. Allein die Vorortbahnen der „Pacific Electric“ verkehrten auf 1164 Streckenmeilen mit einer Ausdehnung von mehr als 100 Meilen. Erst der Siegeszug des Automobils sollte diesen Trend stoppen, sogar umkehren – und langfristig dem öffentlichen Nahverkehr per Bahn ein Ende bereiten: 1963 wurden in Los Angeles die letzten Straßen- und Regionalbahn-Linien stillgelegt.
Henry Huntingtons Geschäftssinn war legendär. Er plante vorausschauend und etablierte im Einzugsbereich von Los Angeles ein System, in dem der Netzausbau und die Personenbeförderung vom Handel mit Grundstücken und Immobilien flankiert wurden. Huntington hatte vor dem Bau seiner Strecken enorme Flächen unbesiedelten Landes aufgekauft und war so zum größten Landbesitzer der Region geworden.
Mit dem Ausbau des Schienennetzes in Südkalifornien wurde also nicht (wie beispielsweise an der Ostküste üblich) auf einen Bedarf reagiert, sondern man schuf diesen erst. Die Anbindung an das Stadtzentrum führte zu einer Explosion der Preise für die an den Strecken gelegenen Flächen.
Nutznießer war Huntington, ohne dessen Engagement Vororte bzw. Städte wie Monrovia, South Pasadena oder San Marino wohl gar nicht entstanden wären. Die Zahlen sprechen für sich: Long Beach, 20 Meilen südlich des Stadtzentrums gelegen, wuchs nach dem Bau der Bahn im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts von 2000 auf 18 000 Bewohner an, Hollywood, nordöstlich gelegen, im selben Zeitraum von 600 auf 10 000 Bewohner.
Huntington profitierte nicht nur von den Gewinnen aus Grundstücksverkäufen, sondern auch von den Konzessionen für den Betrieb der Bahnstrecken.
Seine zweite Frau und ihr Sohn führen ihn in die Welt der Kultur ein
Unterdessen hatte Huntington, für den Leben bisher nur Arbeit bedeutet hatte, Freude an anderen Dingen gefunden und seinen Horizont erweitert. Nicht ganz unschuldig daran war seine zweite Ehefrau Arabella (1851–1924), die er 1913 in Paris heiratete. Huntington hatte sich für sie von seiner ersten Gattin scheiden lassen. Arabella, die Witwe seines Onkels Collis, gehörte ebenfalls zum Kreis der Superreichen und war bereits eine geachtete Sammlerin. Ihre Kollektion von Altmeister-Gemälden prunkte mit so Außergewöhnlichem wie Rembrandts „Aristoteles mit einer Büste von Homer“ oder Rogier van der Weydens „Jungfrau mit Kind“.
Sie führte Henry Huntington in die Welt der Malerei und bildenden Kunst ein, ihr Sohn Archer (1870 –1955) in die Welt der Bücher. Natürlich spielte beim Erwerb von Büchern und Kunst der Wunsch eine Rolle, sich damit sozial hervorzuheben. Darüber hinaus brannten jedoch alle Huntingtons für die Sache selbst. Archer Huntingtons exklusives Interesse galt etwa der spanischen Kultur, vor allem dem Medium des Buches. Auf Spanienreisen erwarb er ganze Bibliotheken, die auch Spitzenstücke abendländischer Buchmalerei umfassten.
1904 gründete Archer Huntington die noch heute existierende „Hispanic Society of America“ – eine von ihm (und seiner Mutter) finanzierte Stiftung. Als die Society 1908 ihre Pforten öffnete, umfasste allein die Bibliothek über 1000 Handschriften, mehr als 100 000 Bücher und unschätzbar wertvolle Gemälde von El Greco, Velázquez, Zurbarán und Goya. Diese Umtriebigkeit, dieser zielgerichtete Enthusiasmus beeindruckten Henry, der sich zwar zeitlebens mit Büchern umgeben, dessen Mangel an formaler Bildung den Aufbau einer eigenen Sammlung bis dahin jedoch erschwert hatte. 1904 kaufte er erstmals en bloc eine ganze Bibliothek, die Charles A. Morrogh Library. Weitere Sammlungen folgten mit der E. Dwight Church Library (1911) und der Bridgewater Library (1917).
Die Letztgenannte, im Besitz des 4. Earl of Ellesmere, war die größte Familienbibliothek Englands, die sich damals noch in privater Hand befand. Kronjuwel der Sammlung war der sogenannte Ellesmere Chaucer, eine zwischen 1400 und 1410 entstandene illuminierte Prachthandschrift mit Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“. Die Explosion der Buchbestände Huntingtons machte 1920 den Bau eines eigenen großen Bibliotheksgebäudes notwendig. George Ellery Hale, der weltbekannte Astronom und Freund Huntingtons, berichtete, dessen Liebe zu Büchern und Handschriften sei so groß gewesen, „dass ich häufiger Tränen in seine Augen treten sah, sobald er über sie sprach“. Huntington selbst erwiderte auf die Anregung, eine Autobiographie zu verfassen: „Diese Bibliothek wird meine Geschichte erzählen.“
Huntingtons erster wirklich kostspieliger Kunstkauf datiert auf das Jahr 1909: Fünf Tapisserien aus Beauvais, die nach Entwürfen von François Boucher gewoben worden waren, gingen in seinen Besitz über. In San Marino, unweit von Los Angeles, liefen zu diesem Zeitpunkt bereits die Bauarbeiten für seine neue Residenz. Südkalifornien hatte Huntington zum ersten Mal 1892 als Assistent seines Onkels besucht. Als er dabei im San Gabriel Valley außerhalb von Los Angeles Station machte, zeigte er sich von der Gegend beeindruckt. Die Ranch, in der er die Nacht verbrachte, erwarb er 1903 und vergrößerte sie durch den Kauf von zusätzlich 800 Hektar Land.
Der englische Coup: der Kauf des Meisterwerks „The Blue Boy“
Dort, am in den Augen Huntingtons schönsten Platz der Erde, entstand die neue Residenz. Um die Tapisserien angemessen zur Geltung bringen zu können, wurde in die Baupläne des Bibliotheksraums eingegriffen. Die kostspieligen Planänderungen in letzter Minute werden dann verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass der Unternehmer für die Tapisserien mehr ausgegeben hatte, als der Bau der Residenz kosten sollte. Arabella engagierte sich bei der Ausstattung der „Ranch“, die der Vorbesitzer „San Marino“ genannt hatte. In seinem Auftrag kaufte sie 1911 in Paris das erste der vielen großen englischen Porträts, welche die Sammlung Huntingtons unverwechselbar machen sollten.
Denn gut beraten von seiner Frau und seinem Stiefsohn, kaufte Henry Huntington nicht wie so viele andere Sammler einfach wahllos das, was der Markt hergab, sondern setzte beim Aufbau seiner Sammlungen Schwerpunkte. Im Fall seiner kolossalen Bibliothek hatte er Archers Rat des „Konzentriere dich auf Englisches!“ beherzigt, im Fall seiner Kunstsammlung folgte er seinem eigenen Geschmack, der sich auf Ganzkörperporträts aus dem britischen „Goldenen Zeitalter“ richtete. Dabei gelang ihm mancher Coup, der international für Aufsehen sorgte: so 1921, als er aus der Sammlung des Herzogs von Westminster, der in finanzieller Not war, Thomas Gainsboroughs (1727–1788) Meisterwerk „The Blue Boy“ erwerben konnte.
Als die Transaktion bekanntwurde, war die Bestürzung ebenso groß wie die Wut darüber, dass einer der großen kulturellen Schätze Englands die Insel auf Nimmerwiedersehen verlassen sollte. Im Januar 1922 stellte man das Gemälde einen Monat lang in der „National Gallery“ aus – viele der rund 90 000 Besucher, die sich an ihm vorbeischoben, zogen als Zeichen des Respekts ihren Hut.
Wilhelm von Bode, Generaldirektor der Berliner Museen, klagte, dass „das Unmögliche geschehen sei“, und unterstrich damit doch nur das, was eine englische Zeitung zuvor in einer Mischung aus verletztem Stolz und europäischer Überheblichkeit beschrieben hatte: „The Blue Boy“ sei an „das Land der Freaks und der Freiheit“ verlorengegangen. Charles Holmes, Direktor der „National Gallery“, vermerkte mit Bleistift auf der Rückseite des Gemäldes: „Au revoir, C.H.“.
Unter großen Sicherheitsvorkehrungen wurde das Gemälde nach New York verschifft und von dort per Eisenbahn nach Kalifornien überführt. Die Kunsthändler verdienten ausgesprochen gut an Huntington: Weitere Spitzenstücke von Thomas Gainsborough, Joshua Reynolds und Thomas Lawrence überquerten den Atlantik und ließen die Sammlung anwachsen. Der letzte Kauf, den Huntington tätigte, war Thomas Lawrences „Pinkie“, das Porträt der jungen Sarah Barrett Moulton.
Der Ruhm dieser öffentlich nicht zugänglichen Sammlung verbreitete sich. Anfragen anderer potenter Kunstsammler, zum Beispiel der Rockefellers oder von künstlerisch interessierten Adligen wie dem schwedischen Kronprinzenpaar, um eine Besuchserlaubnis wurden zumeist positiv beschieden und etablierten so etwas wie gesellschaftlichen Verkehr.
Stiftung „zur Freude der Amerikaner“
Der Tod Arabellas 1924 traf Huntington hart. Über Monate war das Einzige, an das er denken konnte, die Errichtung eines Mausoleums auf dem Gelände der „Ranch“. Es wurde von keinem Geringeren als John Russell Pope entworfen, der später durch den Bau des Jefferson Memorial (1939 –1942) in Washington Weltruhm erlangen sollte.
Das Verhältnis zu seinem Neffen und Stiefsohn Archer verschlechterte sich zu dieser Zeit. Streit gab es nicht nur wegen der letzten Ruhestätte für Arabella. Archer, der von seiner Mutter nicht nur Barmittel, sondern auch ihren gesamten Besitz an Gemälden, Juwelen und Einrichtungsgegenständen geerbt hatte, verschloss sich den Bitten Henrys um Überlassung einiger Gemälde, die den Grundstock für eine Art Gedächtnisausstellung in memoriam Arabellas bilden sollten.
Was sollte nun mit dem Gelände der Ranch, was mit der Gemäldesammlung und der Bibliothek geschehen? Eine Zersplitterung wollte Huntington auf alle Fälle vermeiden. Inspiriert von Archers Vorgehen bei der Gründung der „Hispanic Society of America“, hatte er schon länger über eine Überführung seiner Besitzungen in eine Stiftung nachgedacht. Damit befand er sich in guter Gesellschaft: Nahezu zeitgleich hatten sich Männer wie John Pierpont Morgan oder Henry Clay Frick dazu entschlossen, ihre Kunstsammlungen in Stiftungen zu überführen.
Die „Henry E. Huntington Library and Art Gallery“ (1928 eröffnet), in die sämtliche Bücher und Handschriften, die Gemälde und die San Marino Ranch eingebracht wurden, wurde so zur öffentlichen Institution: Sie stand Besuchern offen, wurde aber gleichzeitig zu einem Forschungszentrum von Rang ausgebaut. Im Zentrum standen dabei Forschungen zur englisch-amerikanischen Kultur und Geschichte. Als Vorbild diente die „Pierpont Morgan Library“ in New York, in deren Gründungsurkunde ausdrücklich vermerkt war, sie solle „permanently available for the instruction and pleasure of the American people“ sein – gegründet also zur Freude und zur Unterweisung der Amerikaner. Zum Zweck der Stiftung sagte Huntington: „Der Wert meiner Sammlung besteht in dem, was sie hervorbringt.“
Am 23. Mai 1927 starb Henry E. Huntington an Prostatakrebs. In der Presse wurde die Bedeutung seiner Stiftung für die Bevölkerung Südkaliforniens unterstrichen. Die „Los Angeles Times“ schrieb, er habe „das Beste von Amerika“ repräsentiert: „visionäre Weitsicht, finanzielles Genie und echten Idealismus. Und das alles gepaart mit großer Freundlichkeit“.
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