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Von der Nation zur Minderheit
Die polnische Bevölkerung war nun eine Minderheit in den drei Teilungsstaaten Preußen, Österreich und Russland. Bei der Frage der Integration stand die frühere polnische Elite, der Adel, im Mittelpunkt. Für die Bauern änderte sich wenig, deren Los blieb hart.
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Die rund 35 Jahre zwischen der dritten Teilung Polens im Jahr 1795 und dem Ausbruch des Aufstandes im November 1830 gehören zu den an Umbrüchen, Migrationen und Überraschungen besonders reichen Phasen der polnisch-litauischen Geschichte.
Lassen wir einen Warschauer, der 1780 geboren wurde, diese Ereignisse durchleben. 1795 war er als junger Mann Zeuge der dritten Teilung und des Endes des polnisch-litauischen Staatswesens. Er war nun ein preußischer Untertan. 1806 nahm er die Niederlagen Preußens gegen Frankreich sicher positiv auf und wurde zum Bürger des von Napoleon initiierten Herzogtums Warschau. 1812 marschierte er als Mitglied eines polnischen Hilfskontingents an der Seite des französischen Kaisers nach Moskau und entging auf dem Rückweg nur mit viel Glück dem Tod. 1815 begrüßte dieser Warschauer die konstitutionelle Verfassung des Königreichs Polen, sah sich aber unter der autokratischen Regierung der russischen Kaiser und in Personalunion polnischen Könige immer stärker als von Russland unterdrückt an. Daher schloss er sich 1830 dem polnischen, nun national argumentierenden Aufstand an. Unser fiktiver Zeitzeuge erlebte also ohne Zweifel mit, wie die Angehörigen des einst stolzen Polen-Litauen nun als Minderheit verzweifelt versuchten, ihr kulturelles und politisches Überleben zu sichern.
Kernbereiche des ethnischen Polen liegen in Preußen und Habsburg
Bei der dritten Teilung Polens fielen der Habsburgermonarchie und Preußen die ethnisch-polnischen Kernterritorien zu: Wien, das infolge des Krieges gegen Frankreich bei der zweiten Teilung übergangen worden war, erhielt nun mit der historischen Hauptstadt Krakau und dem kulturell wichtigen Lublin einen zentralen Landesteil mit großer Bevölkerung; Berlin die Hauptstadt Warschau, die zweitgrößte preußische Stadt.
Preußen nannte seine neue Provinz „Neuostpreußen“, Österreich „Westgalizien“. Bereits diese Kunstnamen zeigen, dass es keine historische Legitimation der Teilungsmächte gab. Als Folge der Teilung lebten jetzt in Preußen und Österreich 2,5 bzw. 3,8 Millionen polnischsprachige Menschen, diese stellten 30 Prozent (Preußen) bzw. über 20 Prozent (Österreich) der Gesamtbevölkerung. Das hatte für die jeweiligen Regierungen und Gesellschaften erhebliche Konsequenzen: Gefragt waren Lösungen, wie man die Polinnen und Polen integrieren konnte, wie die neuen Staatsprovinzen zu erschließen waren und wie die Kommunikation mit den neuen Untertanen zu erfolgen hatte.
Dabei wählte man im Kern ähnliche Ansätze: Um den adligen Eliten Karriereperspektiven zu geben, öffneten Preußen, Österreich und Russland ihre Armeen für polnische Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten. Die Epoche der Französischen Revolution und der sich anbahnenden Militärdiktatur Napoleons war kriegerisch, alle Staaten benötigten Soldaten. Auch Frankreich griff auf das polnische Soldatenreservoir zurück und stellte „polnische Legionen“ auf, die in den folgenden Jahren in Italien, auf Haiti, gegen Preußen, in Spanien und schließlich gegen Russland im Einsatz waren. In den napoleonischen Kriegen kämpften und starben Polen in allen Armeen Europas.
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Besondere Bedeutung für die polnische Kultur und das nationale Selbstverständnis besaßen die „polnischen Legionen“, die von dem in Hoyerswerda als Sohn sächsisch-polnischer Eltern geborenen Jan Henryk Dąbrowski (1755–1818), deutsch auch Johann Heinrich Dombrowski, kommandiert wurden.
Dąbrowski sprach fließend Polnisch, Deutsch und Französisch, unter seinen Freiwilligen entstand 1797 in Norditalien „Dąbrowskis Mazurka“, ein schwungvolles Tanz- und Marschlied, das im 19. Jahrhundert zur polnischen Nationalhymne wurde. Dort hieß es in der Ursprungsfassung: „Noch ist Polen nicht gestorben / solange wir leben. / Was uns fremde Macht entriss / werden wir mit dem Säbel zurückerobern. / Marsch, marsch, Dąbrowski / nach Polen aus dem italienischen Land. / Unter deiner Führung / Vereinen wir uns mit der Nation.“
Die Hymne macht deutlich, dass insbesondere Adel und Soldaten sehr stark von der Französischen Revolution und der Idee einer republikanischen Nation geprägt waren, wofür sie auch erhebliche Opfer brachten. Dagegen spielten die in den preußischen, österreichischen und russischen Armeen eingesetzten Soldaten in der patriotischen Erinnerung kaum eine Rolle – sie kämpften und starben namenlos. Ohne Frage bedeutete das Militär aber gerade für den Adel einen Karriereweg, den in der Epoche Zehntausende Adlige gingen, die alle europäischen Armeen mit prägten.
Für die polnischen Bauern und Stadtbürger besaßen die mehrfachen Herrschaftswechsel eine geringere Bedeutung. Hohe Belastungen stellten die hohen Steuerforderungen – etwa der preußischen Kontributionen (Besteuerung des Landbesitzes) und die Akzise (Verbrauchssteuern) – dar, die den Lebensstandard drückten. Die häufigen Kriege gingen mit hohen Kriegsschäden, Seuchen und neuen Finanzforderungen einher, die polnische Bevölkerung der Epoche wuchs deshalb nicht, die Städte schrumpften sogar.
Die Wirtschaft leidet unter der neuen Herrschaft
Insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung der früher polnischen Gebiete litt in den neuen Großmächten erheblich. Größere Städte wurden zu unmittelbaren Grenzstädten, so etwa Warschau, Kaunas und Grodno. Da mit dem Verlust des Hauptstadtstatus’ auch viele Beschäftigungsverhältnisse und Verdienstmöglichkeiten verschwanden, schrumpfte Warschau von fast 120 000 (1795) auf etwa 65 000 (1806) Einwohner.
Der in der frühen Neuzeit zentrale Export von Agrarprodukten über Danzig kam zum Erliegen, da der preußische Staat für russische und österreichische Produkte stark schwankende Zölle berechnete. Auch konnte die Habsburgermonarchie die nördlichen polnischen Landesteile aufgrund der Karpatengrenze nicht in den österreichisch-ungarisch-böhmischen Staatsverband integrieren; sie blieben wirtschaftlich unterentwickelt.
„Galizien“ entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer Region besonderer Armut. Es verbreitete sich das von preußischen Beamten gern aufgegriffene Stereotyp der „polnischen Wirtschaft“, das mit einem angeblichen Nationalcharakter der Bewohner dieser Gebiete verbunden wurde.
Ein Zusammenleben unterschiedlicher Religionen, Kulturen und Sprachen musste sich erst neu entwickeln. So waren für die preußischen Steuerverwaltungen die große Zahl der Klöster, die zahlreichen katholischen Feiertage und die jüdischen Landhandwerker schwer integrierbar. Die Feiertage sollten schrittweise „abgeschafft“, die Klöster „aufgehoben“ und die Juden zunächst – etwa durch die Vergabe von Familiennamen – registriert und in die Städte „verwiesen“ werden.
Solche Maßnahmen schufen Konflikte. Missernten und wirtschaftliche Notsituationen wurden den neuen Nachbarn zugeschrieben, in der polnischen Bevölkerung entstand zwischen 1817 und 1820 – ähnlich wie bei den Hep-Hep-Unruhen in Deutschland – ein neuer Antijudaismus. Der Rationalismus der Verwaltungen suchte solche Spannungen abzumildern, aber oft mit wenig Erfolg.
Sprachlich musste sich die polnische Mehrheitsbevölkerung mit fremdsprachigen Verwaltungen verständigen. Zwar hieß es in österreichischen Verordnungen noch um 1790, jeder Untertan habe „binnen Jahresfrist“ Deutsch zu lernen, doch setzten sich schrittweise Kompromisslösungen durch.
Das Deutsche wurde tatsächlich in den vielfach von einer deutsch-jüdischen Mehrheit bewohnten Städten zur Verständigungssprache (Lemberg, Krakau, Posen), preußische und österreichische Adlige sprachen mit ihren Standesgenossen dagegen eher Französisch. Auf dem Land mussten die Beamten das Polnische erlernen, um sich verständlich zu machen. Nach ein oder zwei Generationen konnte so aus manchem preußischen oder österreichischen Beamten sogar ein polnischer Patriot werden.
Bewahrung der eigenen Sprache und Kultur
Allerdings verstärkte die sprachliche und konfessionelle Fremdheit unter der polnischen Bevölkerung die Wahrnehmung einer „Fremdherrschaft“. Die eigene Nation war untergegangen, nur noch die Erinnerung blieb. Daher entwickelten kulturelle Eliten in Polen das Programm einer Besinnung auf sprachliche und nationale Traditionen, das in der Warschauer „Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften“ gepflegt wurde.
Der Geistliche Jan Paweł Woronicz forderte 1803 eine Bewahrung des „Erbes der Vorfahren“, wobei in Epen und in einem „Liederbuch unserer Sprache … alles in Liedern und Gesängen gesammelt wird, was einen Christen, Menschen und Polen angehen kann“. Die Sprache sei „ein lebendes nationales Denkmal“, nur das Volk sterbe auf Dauer, das seine Sprache verliere. Tatsächlich entstand mit Julian Ursyn Niemcewiczs „Historischen Gesängen“ (1808–1810) auch ein „nationales Liederbuch“.
Auf den ersten Blick erschien die Situation im russischen Kaiserreich, in das um 1800 über die Hälfte der bis dahin polnischen Bürger eingegliedert worden war, etwas besser. Zumindest in den eingegliederten polnischen und litauischen Gebieten blieb der Status des Polnischen als Amtssprache zunächst unberührt, in Wilna (Vilnius) entstand 1803 sogar eine kaiserliche Universität mit Polnisch als Unterrichts- und Wissenschaftssprache. Auch ein polnischsprachiges Mittelschulsystem konnte um 1800 eingeführt werden. Zum Vergleich: Die Universitäten Krakau und Lemberg waren zwangsweise zum Deutschen übergegangen.
Kurze Blüte der Beziehungen zwischen Polen und Russen
Der junge Fürst Adam Czartoryski (1770–1861) stieg als Freund Kaiser Alexanders I. 1804 sogar für zwei Jahre zum russischen Außenminister auf, der Forschungsreisende und Schriftsteller Jan Graf Potocki (1761–1815) unternahm Erkundungsreisen an die untere Wolga, in den Kaukasus und nach Sibirien. Durch sein französischsprachiges Werk „Die Handschrift von Saragossa“ (1805–1814) wurde er als moderner Schriftsteller berühmt, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Aus Sicht der heutigen Forschung war solch eine kurze Blüte des polnisch-russischen Austausches möglich, weil das imperiale Kaiserreich seit 1800 eine liberale Phase durchmachte und es einen Wirtschaftsboom gab, der auch Möglichkeiten zur Integration der neuen polnisch-russischen Eliten bot.
Mit der Veränderung der Weltlage, vor allem den Erfolgen des napoleonischen Kaiserreichs gegen die Teilungsmächte Preußen und Österreich, änderte sich bereits 1806/07 die Situation von Grund auf. Von Napoleons Gnaden entstand das „Herzogtum Warschau“ als östlichster französischer Satellitenstaat. Herzog von Warschau wurde der sächsische König Friedrich August I. (1806–1827). In polnischen Augen gelangte nun der Wettiner an die Herrschaft, der bereits in der Verfassung vom 3. Mai 1791 vorgesehen war.
Mit Napoleons Siegen wuchs auch das Herzogtum: Nach dem Frieden von Tilsit (1807) und der militärischen Niederlage Österreichs 1809 umfasste es die preußischen und österreichischen Territorien der zweiten und dritten Teilung Polens, eine Fläche von 157 000 Quadratkilometern mit einer Bevölkerung von 4,3 Millionen Menschen.
Im Herzogtum Warschau entstand rasch eine polnischsprachige Verwaltung mit Persönlichkeiten aus den „polnischen Legionen“ an der Spitze. Mit der Einführung des „Code Napoléon“ (1. Mai 1808) entwickelte sich ein liberales Rechts- und Wirtschaftssystem. Napoleon selbst besaß seit 1807 mit Maria Gräfin Walewska (1786–1817) eine polnische Mätresse, die ihm 1810 auch einen Sohn gebar.
All das führte dazu, dass das Herzogtum Warschau polnischerseits nicht als Fremdherrschaft empfunden wurde, Napoleon galt im Gegenteil auch als Held Polens. Aus Napoleons Sicht spielten vor allem taktisch-strategische Gründe eine Rolle: Zunächst besaß er in den „polnischen Legionen“ treu ergebene Soldaten und Offiziere, die in kritischen Situationen eingesetzt werden konnten. Mit Hilfe der „polnischen Karte“ konnte Napoleon das russische Kaiserreich auf dem europäischen Kontinent unter Druck setzen und seine Weltherrschaftspläne fortführen.
Als Napoleons Grande Armée 1812 Moskau mit rund 600 000 Soldaten angriff, nahmen an diesem Feldzug auch 90 000 Polen teil, nach französischen und deutschen Einheiten stellten sie das drittgrößte Nationalkontingent. Der Russlandzug scheiterte trotz der Eroberung des aufgegebenen Moskau eklatant, die Grande Armée ging an Hunger, Krankheiten und Kälte zugrunde. Napoleons polnische Offiziere und Soldaten unterstützten den Feldherrn jedoch weiter: An der Völkerschlacht bei Leipzig nahmen 20 000 Polen unter Führung von Fürst Józef Poniatowski, dem Neffen des letzten polnischen Königs, teil. Poniatowski wurde in der Schlacht schwer verwundet und ertrank beim Übergang über den Fluss Elster.
Der Wiener Kongress belohnt Zar Alexander I.
In den auf dem Wiener Kongress 1815 ausgehandelten neuen europäischen Grenzen befand sich Polen nun entschieden im russischen Machtbereich. Sein Ziel, alle polnischen Territorien in einem in Personalunion mit Russland verbundenen Königreich Polen zu vereinigen, erreichte Kaiser Alexander I. jedoch nicht. Doch das neue „Kongresspolen“ unter russischer Herrschaft umfasste rund fünf Sechstel aller einst polnisch-litauischen Territorien mit Ausnahme Westpreußens, Posens und Galiziens, die Preußen und Österreich behielten.
Preußen wurde übrigens vom Wiener Kongress für seine „polnischen Verluste“ mit Territorien im Westen entschädigt und wuchs nach Deutschland hinein. Die Option eines binationalen preußisch-polnischen Staates (etwa analog zum späteren Österreich-Ungarn) wurde allerdings aufgegeben.
Das formal unabhängige, de facto aber unter starkem russischem Einfluss stehende neue Königreich Polen umfasste nur die Territorien des ehemaligen Herzogtums Warschau, während die weiter östlich gelegenen polnisch-litauischen Territorien unmittelbar in das Russische Reich eingegliedert wurden. Zwar gab es Vorschläge – etwa in den von dem Hochadligen und Komponisten Michał Kleofas Ogiński (1765–1833) entwickelten Plänen –, auch ein autonomes Großfürstentum Litauen wieder zu errichten, doch wurden diese nicht realisiert.
Das Königreich Polen besaß seit 1815 eine eigene Verfassung, ein Parlament (Sejm), ein Heer, eine eigene Währung und ein Schulwesen mit der Universität Warschau an der Spitze. Das Königreich betrieb eine eigene Wirtschaftspolitik, förderte etwa eine Ansiedlung moderner Textilindustrie in Zentralpolen Ozorków, Łódź, Zgierz) und Bergbau in der Region Kielce. Amtssprache war das Polnische, während der russische Kaiser zugleich als König von Polen für die Außenpolitik verantwortlich war, die zu den Prärogativen eines kaiserlich-königlichen Autokraten zählte.
Hätte dieses Experiment eines für die Epoche sehr modernen Verfassungsstaates mit einer liberalen Wirtschaftsverfassung unter den auf eine Selbstherrschaft fixierten russischen Kaisern funktionieren können? Auf lange Sicht erwies sich das als immer schwieriger: In Russland flüchtete sich der Kaiserhof nach der Niederschlagung des Dekabristen-Aufstandes (1825/26) und dem Regierungsantritt von Nikolaus I. (1825–1855) immer stärker in die Doktrin von orthodoxer Religion, zarischer Autokratie und russischer Nationalität, während in Polen die Ideen von Freiheit und nationaler Selbstbestimmung Fuß fassten.
Russland sah sich als junges asiatisches Imperium, dem die Zukunft gehörte, Polen als Verkörperung von Republikanismus und Demokratie in Europa. Öl ins Feuer dieser Konflikte goss Nikolaus’ Bruder Konstantin (1779–1831), der seit 1814 als Militärgouverneur von Warschau und General der polnischen Truppen eine starke Machtstellung besaß. Konstantins absolutistischer Anspruch und seine Neigung zu militärischem Drill machten ihn unter den polnischen Eliten unbeliebt. Demokratische Selbstbestimmung versus Autokratie, dieser Konflikt explodierte im November 1830 und sollte als „polnische Frage“ das europäische Gleichgewicht und das polnisch-russische Gegeneinander des 19. und des 20. Jahrhunderts prägen.
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