Die sogenannte neolithische Revolution vor 10.000 Jahren markiert den Übergang vom Sammler und Jäger zum Ackerbauern und Viehhalter. Um Nahrungspflanzen gezielt anbauen zu können, müssen die Samen der Pflanzen gesammelt, selektiert und aufbewahrt werden. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die über Tausende von Jahren die Bauern wahrnahmen. Schon im Alten Ägypten gehörte der Saatgutsack wie die Hacke zum Bild des Ackerbauern. Der Sämann verkörpert in den verschiedensten Darstellungen und Redewendungen die hoffnungsvolle Erwartung einer reichen Ernte. Die Trennung des Samens von den umgebenden Hüllen, also der Spreu, versinnbildlicht hingegen die Unterscheidung von Gutem und Schlechtem oder von Nützlichem und Unnützem.
Heute beruht die pflanzliche Basis unserer Ernährung auf wenigen Pflanzenarten, die in den letzten 100 Jahren intensiv züchterisch bearbeitet wurden. Hervorgegangen sind diese Weltwirtschaftspflanzen – etwa Weizen, Mais oder Reis – aus einer Vielzahl von Sorten, die an ganz unterschiedliche Regionen angepasst waren. Diese genetische Vielfalt unserer Nutzpflanzen bietet einen wichtigen Schlüssel zur Lösung zukünftiger Herausforderungen, wie dem Klimawandel oder der Versorgung einer weiterhin wachsenden Weltbevölkerung.
Bereits um 1500 wurden Kräuterbücher herausgegeben, in denen Pflanzen und ihre mögliche Heilwirkung detailliert beschrieben wurden. Doch erst die wissenschaftliche Forschung des späten 19. und dann des 20. Jahrhunderts haben uns das Potential der Nutzpflanzen erschlossen. Der Ordenspriester Gregor Mendel (1822 – 1884) entdeckte die wissenschaftliche Grundlage für die Züchtung von Pflanzen. Der russische Botaniker Nikolai I. I. Vavilov (1887 – 1943) entwickelte die Theorie über die Entstehungszentren der Kulturpflanzen und war von eminenter Bedeutung für die internationale Kulturpflanzenforschung.
Der US-Amerikaner Norman Borlaug (1913 – 2009) war Pflanzenzüchter und gilt als wesentlicher Initiator der so genannten „Grünen Revolution“ in den Entwicklungsländern, die Millionen Menschen vor dem Hungertod bewahrte. Er erhielt 1970 für seine pflanzenzüchterischen Arbeiten am Weizen den Friedensnobelpreis.
Während bis Ende des 19. Jahrhunderts die einzelnen Landwirte die Bewahrer des Saatguts waren, wurde mit Beginn des 20. Jahrhunderts die Vielfalt der Pflanzenarten systematisch gesammelt. Große Saatgutbanken sind das Vavilov-Institut in St. Petersburg, die Millennium Seed Bank in West Sussex oder der weltweite Saatgut-Tresor auf Spitzbergen. 2008 wurde diese Pflanzensamenbank, die sich 120 Meter tief im Permafrost-Felsmassiv von Spitzbergen befindet, offiziell eingeweiht. Sie wurde von der norwegischen Regierung mit Unterstützung der Europäischen Union, der Nordic Gene Bank und dem Global Crop Diversity Trust (GCDT) errichtet. Die Aufgabe dieser Saatgutbank besteht in dem weltweiten Erhalt der Nutzpflanzen, um damit die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen.





