Ziel der Landleute ist das Stadttor in der Bildmitte. In der Stadt blicken wir auf einen geöffneten Verkaufsstand vor der Kirche. Eine Marktfrau sitzt vor Tonkrügen und diskutiert mit dem städtischen Zolleinnehmer; ein Bewaffne‧ter hält sich im Hintergrund. Was dargestellt ist, wird auf der Beischrift erläutert: „Zolht nichts was man tregt“ – das heißt, alles was von den Leuten zum Markt getragen werden kann, bleibt zollfrei. Die Personen werden mit despektierlichen sexuellen Anspielungen benannt: die Händlerin als „Halpfoczs“, das Bauernpaar mit „Hans Hemp, Gretel ars sein hawsfrawe“ und die gesamte Szene mit dem beigefügten Datum „1504“.
Dies alles ist in einer Handschrift zu sehen, die im Jahr 1504 in der fränkischen Klein‧stadt Volkach am Main fertiggestellt wurde und deren Text mit 128 farbigen Miniaturen ausgeschmückt wurde. Sie zeigen das Alltagsleben einer Stadt im ausgehenden Mittelalter in vielen Szenen des Rechtslebens und des Handwerks. Sie sind nicht nur ein Augenschmaus für jeden heutigen Betrachter, sondern stellen für Stadt- und Rechtsgeschichte, die historische Volkskunde, die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Spätmittelalters, die Kirchen- wie auch für die Kultur- und Kunstwissenschaft eine wichtige Quelle dar.
Möglich wird die Betrachtung – und das Verständnis – der Miniaturen in dieser Handschrift dank einer zweibändigen Faksimileausgabe, die die Stadt Volkach jetzt her-ausgegeben hat. Sie enthält im Farbdruck alle illustrierten Textseiten des Kodex in Originalgröße. Das Verständnis der Bilder und des Begleittextes wird für heutige Leser durch eine seiten- und zeilengleiche Transkription, die genaue Wiedergabe des begleitenden Textes und die inhaltliche Beschreibung der Miniaturen erleichtert. Hinzu kommen Beiträge zu verschiedenen Aspekten der Überlieferung und insbesondere zum Autor Niclas Brobst und seinem Umfeld.
Niclas Brobst war Stadtschreiber in Volkach und ist als Persönlichkeit auch sonst recht gut belegt: Geboren wurde er um 1450 in dem Volkach benachbarten Dorf Eichfeld und studierte nach dem Besuch der Lateinschule, zum geistlichen Beruf bestimmt, anfangs an der Universität Heidelberg. Doch 1474 finden wir ihn als Schulmeister in Wildbad (Schwarzwald), verheiratet und Vater zweier Kinder. Im Jahr 1480 ist er wieder zurück in seiner fränkischen Heimat; in der Folge bis 1505 wirkte er als Notar, Stadtschreiber und Gotteshausmeister. Dort hat er das „Salbuch“, ein Besitz- und Einkunftsverzeichnis der Pfarrei Volkach und zugleich Amts- und Rechtsbuch der Stadt, konzipiert.
Der Band war ursprünglich keineswegs für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt, sondern für den Gebrauch des Rates und für seine Nachfolger im Amt des Stadtschreibers. Als solcher hat Brobst sich auch bildlich von einem unbekannten Maler in Gelehrtentracht mit Talar und Barett bei seiner Vereidigung vor dem Bürgermeister darstellen lassen – auf den ersten Blick ein jugendlich wirkender Mann, in Wahrheit damals jedoch schon von Krankheit gezeichnet. Bereits im folgenden Jahr wurde er nach einem 20-jährigen Dienst für die Stadt durch seinen Sohn Sebastian als Nachfolger abgelöst.





