Oft war es auch so, daß im nächsten Jahr ganz andere Arbeiter den Bau fortsetzten. Man kann auch davon ausgehen, daß nicht alle Mitglieder dieser Bautrupps voll ausgebildete Steinmetze waren. Die frühen Kirchen waren, wenn nicht gar aus Bruchsteinmauerwerk oder kleinen Handquadern, so doch aus zwar regelmäßig geschlagenen, aber weitgehend ohne Verzierung gebliebenen einfachen Quadern gemauert. Das Schlagen und Versetzen dieser Steine konnte auch mit Hilfe einer ganzen Anzahl von Handlangern erfolgen.
Die Anforderungen an die Bauleute und damit auch deren Organisation änderte sich wesentlich mit der Verbreitung gotischer Architektur. Die wesentlich dünneren Wände, schlankere profilierte Pfeiler, das Maßwerk der Fenster und die Profile des grazilen Strebewerks brauchten spezialisierte Steinmetzen, die diese Formen entwickelten und dann in Stein umsetzten.
Zu dieser Zeit waren auch die Strukturen im Handwerk so geregelt, daß man sich auf eine allgemein gültige Ausbildung geeinigt hatte. Wer Steinmetz werden wollte, mußte, wie jeder andere Handwerker auch, von ehelicher Geburt sein und “ehrbare” Eltern haben. Der Junge – Frauen gab es zu dieser Zeit in diesem Beruf noch nicht – begann seine Lehre mit etwa 14 Jahren. Die Lehrzeit betrug fünf Jahre. In dieser Zeit lernte der angehende Steinmetz mit Hammer und Meißel umzugehen, Quader, Maßwerk und Laubwerk nach Angaben des Meisters zu schlagen und die fertigen Werksteine zu versetzen, das heißt entweder am Bau mit Mörtel zusammenzufügen oder mit Hilfe von eisernen oder kupfernen Dübeln und Blei zu verbinden. Hatte er diese Zeit absolviert, wurde er zum Gesellen erklärt. Ob im hohen Mittelalter schon eine regelrechte Prüfung abgehalten wurde, oder ob eine Gruppe von Meistern die Arbeit des Lehrjungen bewerteten, wissen wir nicht.
Danach mußte auch der Steinmetzgeselle wie jeder Handwerker auf Wanderschaft gehen. Für mindestens drei Jahre zog er von Baustelle zu Baustelle und fragte nach Arbeit. Konnte er an einem Ort arbeiten, so lernte er von den Fähigkeiten und Techniken, die dort gepflegt wurden und vertiefte so sein Wissen bei der praktischen Arbeit. Nach diesen drei Jahren war seine Ausbildung abgeschlossen, und er konnte sich entweder an einem bestimmten Ort niederlassen oder jeweils nach atraktiven Baustellen Ausschau halten.
Wenn der Steinmetzgeselle aber ehrgeizig war und weiter aufsteigen wollte, verdingte er sich bei einem – möglichst angesehenen – Baumeister für zwei Jahre als Meisterknecht. In dieser Zeit lernte er das Zeichnen von Plänen, das Anfertigen der Schablonen, nach denen die Steinmetzen die Steine schlugen, das Konzipieren und Schlagen von Skulpturen und feinem Blattwerk. Genauso hatte er das Dimensionieren von Mauern, das Konstruieren von Strebebögen und Fialen mit Hilfe der Geometrie, das Abstecken von Bauwerken und das Bauen einfacher Hilfsgeräte – Winden, Haspeln usw. – zu lernen.





